Als Frau Holle streikte

 

 

 

 

Petrus will gerade ein kleines Mittagsschläfchen machen, als ein Engel  ganz aufgeregt angeflogen kommt.

„Du, Petrus!“, ruft Daniel völlig außer Atem. „Auf meinem Flug durch den Himmel kam ich auch an Frau Holles Haus vorbei. Sie bat mich kurz zu sich herein. So ganz nebenbei fragte ich sie, warum es bis jetzt noch nicht geschneit hat und wann sie gedenkt, in diesem Winter ihre Betten auszuschütteln.“

„Und, was hat Frau Holle darauf geantwortet?“, will Petrus wissen.

„Du wirst es nicht glauben“, sagt Daniel, „Frau Holle weigert sich nämlich, ihre Betten auszuschütteln.“

Daniel holt tief Luft und Petrus benutzt die kleine Pause, um erstaunt und zutiefst entsetzt zu fragen: „Warum tut sie das?“

„Das wollte ich auch wissen. Frau Holle meinte, dass die Menschen auf der Erde in den letzten Jahren zusehens unzufriedener geworden sind. Sie schimpfen im Frühjahr, weil es ihnen nicht schnell genug warm wird und der Sommer zu heiß ist. Der Herbst ist zu stürmisch, und das fallende Laub macht nur unnötig Dreck. Im Winter ärgern sich die Leute über die Kälte und den Schnee, den sie wegschaufeln müssen, damit die Fußgänger nicht ausrutschen und sich die Knochen brechen. Die Autofahrer jammern, weil sie nur langsam vorwärtskommen. Das Tauwetter bringt dann den Matsch mit.“

 

Petrus runzelt die Stirn. Ein paar Sorgenfalten sind zu sehen. Die Unzufriedenheit der Leute auf der Erde ist ihm bekannt. Doch ihn bedrückt etwas ganz anderes.

„Hast du der guten Frau nicht gesagt, wie wichtig der Schnee ist und zum Winter gehört?“, fragt der Wetterbote. „Die Natur braucht schließlich auch einmal Ruhe und muss sich von all den Strapazen der letzten Monate erholen, bis die Erde im Frühjahr wieder zu neuem Leben erwacht.“

 

„Habe ich, Petrus. Aber umsonst. Frau Holle streikt und will zu ihren Verwandten an den Nordpol reisen. Die Koffer hat sie schon gepackt.“

„Da haben wir wirklich ein Problem“, meint Petrus.

„Sollen wir den lieben Gott nach einer Lösung fragen?“, will Daniel wissen.

Petrus schüttelt den Kopf. „Der Herr hat jetzt so viele andere Dinge zu tun, da wollen wir ihn nicht behelligen. Aber warum fragen wir nicht unseren Freund, den Weihnachtsmann um Rat? Der hat meist für alles eine Lösung.“  

 

 

Der Weihnachtsmann sortiert gerade die Wunschzettel der Menschen, als Petrus und Daniel bei ihm ankommen. Ein Engel öffnet ihnen die Tür und führt sie ins Arbeitszimmer.    

Obwohl der Weihnachtsmann viel zu tun hat, ist er über eine kleine Abwechslung recht froh. Er bittet einen weiteren Engel, der in seinem Dienst steht, Tee und Gebäck zu bringen und setzt sich mit den Gästen ins gemütliche Wohnzimmer.

 

Als der Weihnachtsmann die ernsten Gesichter seiner Besucher sieht, wird ihm doch etwas angst ums Gemüt.

„Ihr seid doch aus einem ganz bestimmten Grund hier“, stellt er geradewegs fest.  

„Stimmt“, antwortet Petrus und erzählt dem alten Mann von Frau Holles Streik.

Der Weihnachtsmann macht jetzt auch ein ernstes Gesicht.

„Das kann uns die gute Frau doch nicht antun“, meint er leicht empört. „Die Kinder auf der Erde verlassen sich darauf, dass es schneit. Sie wollen rodeln, im Schnee herumtollen und Schneemänner bauen. Und die vielen Urlauber, die sich jedes Jahr aufs Skifahren freuen.“

Petrus und Daniel nicken zustimmend. Hier ist also guter Rat teuer. Aber welcher?

 

Am gleichen Tag noch besucht der Weihnachtsmann Frau Holle und versucht, sie von ihrem Vorhaben abzubringen, jedoch ohne Erfolg.

„In diesem Jahr wird die Erde ohne Schnee auskommen müssen. Um die Kinder tut es mir zwar leid, aber mein Entschluss steht fest.“

Mehr sagt sie nicht, schmappt sich ihr Reisegepäck und verschließt von außen fünfmal ihre Haustür. Dann besteigt sie ihre Wolke und fliegt davon.

 

„Sie ist doch tatsächlich abgereist“, erzählt der Weihnachtsmann wenig später, als er bei seinen Freunden ankommt. „Gebt mir eine Nacht zum Überlegen. Bis zum Morgen muss mir eine Lösung eingefallen sein.“

 

Als Petrus und Daniel gleich in der Früh zum Weihnachtsmann kommen, werden sie schon erwartet.

„Und hast du eine Lösung gefunden?“, fragt Petrus. Gespannt blickt er in das bärtige Gesicht des alten Mannes.

„Ja. Damit mein Plan auch gelingt, sind wir auf die Mithilfe der Engel angewiesen. Hört gut zu. Ruft bis zum Einbruch der Dunkelheit alle Engel zusammen. Sie müssen in der Nacht auf die Erde hinunterfliegen und in jedes Kaufhaus, ja sogar in das kleinste Geschäft eindringen, in dem es Federbetten und Kissen zu kaufen gibt.“

 

Petrus und Daniel schauen sich gegenseitig an. Da erhellt sich Daniels Gesicht. „Ich glaube, ich weiß, was du vorhast. Mit den Kissen und den Decken kommen die Engel zurück in den Himmel und beginnen, sie kräftig auszuschütteln. Dann gibt es doch noch Schnee.“

Der Weihnachtsmann nickt. „Genau. Das ist mein Plan.“

„Grandios“, meint Petrus. „Warum bin ich nicht auf diese Idee gekommen.“

 

Nachdem es am Abend dunkel geworden ist, gleiten tausende von Engeln lautlos auf die Erde, und noch bevor der Tag beginnt, kommen sie schwer beladen wieder zurück in den Himmel.

 

Als die Kaufhäuser und auch die kleinen Geschäfte am nächsten Morgen ihre Türen öffnen, stehen die Verkäuferinnen vor einem Rätsel. Alle Federbetten und Kopfkissen sind verschwunden. Aber es ist nicht eine Spur eines Einbruchs zu sehen.

Und während die Menschen auf der Erde fieberhaft überlegen, wie denn das ganze Bettzeug verschwunden sein könnte, schütteln die Engel im Himmel kräftig die Kissen aus.

 

Es schneite ununterbrochen bis zum Abend und auch die ganze Nacht hindurch.

„Genug!“, ruft ihnen der Weihnachtsmann zu. Petrus und Daniel stehen neben ihm.

„Fürs Erste liegt auf der Erde genug Schnee.

Jetzt müssen wir uns aber wieder anderen wichtigen Dingen widmen. Die Wunschzettel warten auf Erledigung. Die Zeit drängt.“

Frau Holle, die jetzt am Nordpol weilt, fällt ihm ein.

Was wäre, wenn ich auch einmal streike? Denkt er im Stillen und weiß doch, dass er das schon allein der Kinder wegen  niemals tun würde.

Ein Lächeln umspielt seine Lippen, als er sich von Daniel und Petrus verabschiedet.

 

 

 

 


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