Das Bäumchen
 

 

 

Zwei Tage vor Heiligabend stürmen Sarah und Nora aufgeregt in die Küche, wo die Mutter gerade das Abendessen macht.

„Mami!“, ruft die neunjährige Sarah, „übermorgen kommt das Christkind und wir haben immer noch keinen Weihnachtsbaum. Papa hat uns doch fest versprochen, dass er in diesem Jahr rechtzeitig einen kaufen geht! Meine Freundinnen haben alle schon einen Baum. Und der von Lisa ist sogar schon geschmückt. Das hat ihr Papa gemacht.“ Sarahs Mund steht nicht still und sie plappert weiter: „Lisas Papa hat sich sogar Urlaub genommen. Damit er daheim helfen kann, hat Lisa gesagt. Und unser Papa hat nur seine doofe Arbeit im Kopf.“

 

Die Mutter versucht, die aufgeregte Sarah zu beruhigen. „Sarah, es gibt sicher viele Väter, die kurz vor Weihnachten noch arbeiten müssen. Unser Papa hat seinen Urlaub fürs ganze Jahr schon im Sommer gehabt, als wir bei Oma auf dem Bauernhof waren. Und es hat euch doch dort gefallen, oder?“

„Ja, Mami“, mault Sarah weiter, „bis Papa zum Christbaummarkt kommt, sind die Bäume längst wieder ausverkauft. Wie im letzten Jahr.“

„Dann stellen wir eben unseren Künstlichen auf“, erklärt die Mutter mit ruhiger Stimme.

„Was, den Plastikbaum?“, empört sich Sarah und verzieht, genau wie ihre Schwester Nora, das Gesicht.   

„Was habt ihr gegen den künstlichen Baum?“, will Mama wissen. „Er macht wenigstens keinen Dreck und wir können ihn solange stehen lassen, wie wir wollen.“

„Ich mag den aber nicht. Und er riecht auch nicht so schön nach Tannen“, erklärt Sarah.

Nora, die bisher noch nichts gesagt hat, stellt sich vor die Schwester und meint mit ernster Miene, die der Mutter ein Schmunzeln auf die Lippen zaubert: „Ich will auch lieber einen richtigen, duftigen Baum, Mami.“ Und wieder einmal sind sich die Mädchen einig.    

 

Als Papa zum Abendbrot heimkommt, wird er sofort von seinen Kindern mit der Frage gelöchert, wann er denn nun endlich den heißersehnten Christbaum besorgen würde.

„Ich bin auf der Heimfahrt am Marktplatz vorbeigefahren“, erklärt er den Kindern, „dort gibt es leider keine Bäume mehr. Ich komme morgen schon zum Mittagessen heim und verspreche euch, dass wir am Nachmittag in den Wald fahren. Ich kenne dort eine Stelle, wo man sich die Bäume selbst holen kann. Ihr dürft euch auch einen besonders Schönen aussuchen.“ Die Schwestern blicken den Vater an, Nora erwartungsvoll, Sarah jedoch etwas skeptisch: „Ist das auch wirklich wahr?“, fragen sie aber einstimmig und die Mutter kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Ehrlich“, erwidert Papa.

„Dann will ich einen ganz großen. So einen wie in unserem Schulhof“, erklärt die siebenjährige Nora. Sie reckt ihre Arme so hoch sie es vermag und bekommt dabei glänzende Augen.

Sarah schüttelt den Kopf und meint: „So einen kriegen wir doch gar nicht in die Wohnstube. Aber bis an die Decke sollte er schon gehen.“

 

Papa hält sein Versprechen und am nächsten Tag macht er sich mit Sarah und Nora auf den Weg in den Wald. Es liegt viel Schnee und die Fahrt dauert etwas länger als sonst, weil er nicht so schnell fahren kann. Sarah und Nora finden das nicht schlimm. Sie freuen sich darauf, dass sie ihren eigenen Tannenbaum selbst aussuchen dürfen. Nora zappelt auf dem Rücksitz, weil sie so aufgeregt ist. „Bleib ruhig sitzen, Nora!“, muss Papa mehrmals zu ihr sagen.  

 

Dann sind sie endlich da und steigen aus. Sarah und Nora sind zum Glück warm angezogen, denn es ist doch recht windig geworden. Der graue Himmel sieht nach Schnee aus. Papa holt die große Axt aus dem Kofferraum und es geht zu Fuß weiter.

„Wo sind denn nun die Tannenbäume?“, will Nora nach einer Weile ungeduldig wissen.

 „Nicht mehr weit, Kleines“, erklärt ihr Papa und zeigt mit der Hand geradeaus. „Noch ein kleines Stück, dann sind wir da.“

 

Kurz darauf bleiben sie stehen. Aber oh Schreck! Wo sind denn all die Tannenbäume hin, von denen der Papa erzählt hat? Nicht ein einziger ist weit und breit mehr zu sehen. Nur lauter kleine Baumstümpfe, die aus der Schneedecke herauslugen.

„Ich glaube, Kinder, wir sind zu spät gekommen. Die Bäume sind schon alle fort“, sagt Papa und schaut in die enttäuschten Kindergesichter. Er umarmt Sarah und Nora zärtlich. „Nicht traurig sein, Mädels, es ist doch nicht so schlimm, wenn wir keinen richtigen Weihnachtsbaum haben.“

 

Die Kinder lösen sich aus Papas Armen.

„Wohl ist es schlimm! Wir wollen aber einen Baum!“, ruft Sarah empört. Tränen kullern ihr über die Wangen und die Worte sprudeln aus ihr heraus. „Immer bist du nur am Arbeiten und hast keine Zeit für uns. Tante Hanni hat zu Mami gesagt, dass dir deine Arbeit wichtiger ist, als wir.“

Der Vater schaut seine große Tochter mit ernstem Blick an.

„Sarah, es stimmt, ich komme an manchen Tagen sehr spät heim. Aber nicht immer. Und die Arbeit ist nicht wichtiger als du, Mama und Nora. Ihr seid das Wichtigste für mich. Das kannst du mir ruhig glauben. Wir sind doch eine glückliche Familie, oder?“ Sarah senkt den Kopf und nickt. Papa redet weiter. „Da ist es doch unwichtig, ob das Christkind die Geschenke unter einen richtigen Tannenbaum legt oder unter einen aus Plastik.“  

 

Sarah denke jetzt doch etwas nach. Sie schnieft noch einmal, dann schlingt sie die Arme um Papas Hals. „Ich hab dich lieb“, sagt sie und etwas enttäuschter: „Dann soll Mami eben den Plastikbaum hinstellen.“  

Erst jetzt bemerkt der Vater, dass Nora nicht mehr bei ihnen ist und der Schreck fährt in seine Glieder. Sofort schiebt er Sarah von sich und ruft ganz laut: „Noooooora!“    

Sarah und ihr Vater beginnen sofort mit der Suche nach Nora, doch es dauert zum Glück nicht lange, als sie die Ausreißerin entdecken.

 

 „Komm schnell Papi, ich habe einen Weihnachtsbaum gefunden!“, ruft sie ihm freudestrahlend entgegen und gleich darauf stehen er und Sarah neben ihr.

„Du darfst doch nicht einfach davonlaufen, Nora“, tadelt sie Papa ein wenig. Aber er ist froh, dass er seine Kleine gleich wieder gefunden hat. Erleichtert drückt er sie an sich.

„Papi, den Baum nehmen wir mit, bitte“, bettelt das Kind und macht sich aus der Umarmung frei. Sie zeigt mit der Hand auf die kleine, krumme Tanne. Erst jetzt bemerkt der Vater sie auch.

„Was sollen wir denn mit dem schiefen Bäumchen, Nora? Es ist auch viel zu klein. Kommt, lasst uns heimfahren, bevor es wieder schneit. Außerdem wird es bald dunkel.“

„Und der Baum, Papi? Der muss jetzt ganz allein hier Weihnachten feiern, der Arme. Nimm ihn bitte mit“, bettelt Nora erneut und Sarah bettelt mit. Besser den kleinen Baum, als keinen.

Bevor es wieder Tränen gibt, schlägt der Vater mit wenigen Axthieben das krumme Bäumchen, schüttelt die Schneereste von den Zweigen und trägt es zum Wagen. Die beiden Kinder hüpfen fröhlich an seiner Seite.    

 

Mama ist zuerst ein wenig enttäuscht, als sie die kleine Tanne sieht. Doch der Vater stellt sie später so in den Christbaumständer, dass man das Krumme kaum mehr sieht. Mama schmückt sie am Morgen des Heiligabends liebevoll mit Kerzen, Kugeln, Figuren und natürlich mit kleinen Leckereien für Sarah und Nora. Und als die zur Bescherung endlich ins Wohnzimmer dürfen und die kleine Tanne in ihrem festlichen Weihnachtskleid sehen, leuchten die Kinderaugen so, als hätten sie niemals einen schöneren Christbaum erblickt. 

 

 

 


powered by Beepworld