Der traurige Weihnachtsmann
 

 

 

 
Um das alte Forsthaus tobte schon seit Einbruch der Dunkelheit ein Schneesturm und riss heftig an den klapprigen Fensterläden. Richtig gruselig hörte sich das an. Wäre ich allein gewesen, hätte ich mich bestimmt vor Furcht unter der Bettdecke verkrochen. Aber da war Oma, die gerade ein paar Holzscheite in den Kamin warf. Opa, der in seinem Lieblingssessel saß und im trüben Schein der Stehlampe Zeitung las. Und es gab Sophie, meine jüngere Schwester.

Wir Kinder liebten diese langen Winterabende bei den Großeltern. Dann saßen wir in der gemütlichen Wohnstube, wo es zur Weihnachtszeit so herrlich nach Tannen und Räucherstäbchen roch und das Kaminfeuer für wohlige Wärme sorgte. Wir malten und bastelten nach Opas Anleitung wunderschöne Dinge, die irgendwo im Haus einen Platz fanden und hörten gespannt zu, wenn Oma Geschichten erzählte oder vorlas.

Weil es nur noch wenige Tage bis Weihnachten waren, hatte Opa schon einen Tannenbaum aus dem Wald geholt, festlich geschmückt und in eine Wohnzimmerecke gestellt. Er duftete herrlich und ich war traurig, dass es in unserer Stadtwohnung auch in diesem Jahr nur einen künstlichen Christbaum geben würde.

Später, als wir Omas leckeren Nudelsalat mit den Frikadellen verputzt und den Abwasch erledigt hatten, kuschelten sich Sophie und ich in die Kissen auf dem gemütlichen Sofa. Oma zündete die Kerzen am Adventskranz an, dann stellte sie einen Teller mit selbst gebackenen Plätzchen auf den Tisch.
„Ihr freut euch sicher schon auf den Weihnachtsmann“, meinte sie und setzte sich zu uns.
„Natürlich freuen sich die Mädchen“, antwortete Großvater. Er griff nach einem Zimtstern. „Was habt ihr euch denn gewünscht?“
Ich wollte gerade etwas sagen, aber Sophie war schneller und fragte:
„Oma, wer bringt eigentlich dem Weihnachtsmann seine Geschenke?“
Einen Moment lang war es mucksmäuschenstill in der Stube und wir hörten nur das knisternde Feuer im Kamin.
Opa räusperte sich. Mit seiner tiefen Stimme meinte er: „Na, das weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Aber soweit ich mich erinnere, kriegt der Weihnachtsmann nichts geschenkt.“
Plötzlich brach Sophie in Tränen aus. „Das ist ja so gemein. Der Weihnachtsmann denkt an alle Menschen und selbst kriegt er nichts geschenkt.“ Sophie drückte ihr Gesicht in die Sofakissen und schluchzte, bis Oma sie tröstend in die Arme nahm und nach einigen Sekunden sagte: „Doch, der Weihnachtsmann bekommt auch etwas.“
„Was denn?“, fragte Sophie und ihr Weinen verstummte.
Oma schaute uns an und sagte: "Da fällt mir die Geschichte von dem traurigen Weihnachtsmann ein. Am Ende werdet ihr wissen, was er zu Weihnachten geschenkt bekommt. Wollt ihr sie hören?“
Natürlich wollten wir sie hören und ich sah Oma erwartungsvoll nach, als diese das dicke Weihnachtsbuch aus dem Regal holte. Sie schlug es auf und begann zu lesen:

„Es waren nur noch wenige Tage bis zum 24. Dezember. Die Menschen auf der Erde bereiteten sich wie in jedem Jahr auf das Fest der Liebe vor. Tannenbäume wurden besorgt und die Einkäufe für das Weihnachtsessen getätigt. Die Häuser waren geschmückt und überall in den Straßen sah man Christbäume stehen.

Im Himmel ging es in dieser Zeit auch nicht anders zu. In der Küche wurden Plätzchen und Kuchen gebacken und überall duftete es so wunderschön nach Zimt, Honig und Koriander, Äpfeln, Nüssen und Marzipan. In der großen Weihnachtswerkstatt wurde hektisch gearbeitet, damit die Geschenke für Groß und Klein rechtzeitig fertig wurden.

In der himmlischen Lagerhalle stapelten sich bereits viele große und kleine Pakete. Sie trugen alle bunte Schleifen und Namensschilder, damit der Weihnachtsmann und seine Helfer wussten, wem die Geschenke gehörten. Aber je näher der Heilige Abend rückte, umso stiller wurde der alte Mann. Die Engel, die mit ihrer Arbeit so sehr beschäftigt waren, bemerkten gar nicht die traurigen Augen hinter seinen Brillengläsern und die zusammengepressten Lippen unter dem dichten weißen Bart.

Als dann die Zeit gekommen war, beluden der Weihnachtsmann und seine vielen fleißigen Helfer ihre Schlitten und flogen zur Erde. Überall läuteten die Glocken. Einige Menschen gingen in die Kirche, andere bereiteten sich auf die Bescherung vor.
Nachdem der alte Weihnachtsmann seine letzten Geschenke ausgeteilt hatte und in den Himmel zurückfliegen wollte, war seine Traurigkeit nicht mehr zu bremsen. So landete er mitten auf einem verschneiten Feld, auf das helles Mondlicht fiel. Ein paar Tränen rollten über seine faltigen Wangen.
„Was ist geschehen, Weihnachtsmann? Warum halten wir hier in dieser Einöde?“, fragte eines der Rentiere.
Der alte Herr seufzte. „Ach wisst ihr, meine Freunde. Jetzt bin ich schon so alt und seit so vielen Jahren bringe ich die Geschenke zu den Menschen. Bisher habe ich das auch immer mit großer Freude gemacht und mich niemals darüber beklagt, dass ich dafür nicht einmal ein „Dankeschön“ erhielt. Aber noch niemals hat mir jemand ein Geschenk zu Weihnachten gemacht.“

„Und darüber bist du traurig?“, hörte der Weihnachtsmann eine Stimme sagen. Erschrocken schaute er sich um und sah eine fremde Gestalt neben dem Schlitten stehen.
„Wer bist du?“, fragte er, denn ein Menschenkind war es nicht, so viel stand fest.
„Wer ich bin, ist in dieser Heiligen Nacht nicht wichtig, lieber Weihnachtsmann. Aber weil du gar so traurig bist und an Weihnachten doch jeder auf der Erde und im Himmel fröhlich sein sollte, will ich dir etwas schenken.“
Die fremde Gestalt reichte ihm eine kleine runde Glasscherbe, in der sich das Mondlicht spiegelte und sagte zu ihm: „Wenn du in den Himmel zurückgekehrt bist, guter Weihnachtsmann, dann schau durch das Glas, wann immer du willst! Und nun wünsch ich dir fröhliche Weihnachten!“

Der alte Mann war wieder allein und betrachtete eine Weile die Glasscherbe. Nein, die war ganz und gar nicht schön. Was sollte er damit anfangen? So ein Geschenk hatte er nicht gewollt. Enttäuscht warf er es in die hinterste Ecke seines Schlittens und flog noch immer traurig nach Hause.
Nachdem er die Rentiere abgeschirrt und den Schlitten im Schuppen untergestellt hatte, griff er nach der Glasscherbe. Er wollte sie in seiner Himmelswohnung sofort in den Abfallbehälter werfen.

Der Weihnachtsmann machte noch einem Rundgang durch seine Himmelswohnung und sank müde und erschöpft in seinen Lehnstuhl. Erst jetzt bemerkte er, dass die Scherbe noch immer in seiner Hand lag.
„Schau durch das Glas, wann immer du willst“, hörte er im Geiste eine Stimme sagen. Der Weihnachtsmann betrachtete die Glasscherbe und dachte bei sich:
„Gut, es kann bestimmt nichts schaden, wenn ich einmal hindurchschaue. Danach jedoch landet sie endgültig im Müll.“
So nahm der Weihnachtsmann die Brille ab und hielt sich die Scherbe vor sein rechtes Auge. Zuerst sah er nur Dunkelheit, dann tauchte ein kleiner Lichtpunkt auf, der immer größer wurde, bis er die ganze Glasscherbe ausfüllte. Das Licht wurde wieder etwas dunkler und noch verschwommen tauchten die Umrisse von Möbeln auf. Und dann konnte der Weihnachtsmann alles deutlich erkennen. Er stand nämlich mitten in einem Wohnzimmer, das erfüllt war von fröhlichen Stimmen. Kinder packten im Kreis der Erwachsenen Geschenke aus und ihre Augen strahlten beim Anblick der schönen Dinge. Mehrmals wechselte das Bild und er stand jedes Mal in einer anderen Wohnstube und konnte miterleben, ohne dabei selbst gesehen zu werden, wie die Menschen das Fest der Liebe feierten.

Als der Weihnachtsmann die Hand mit der Glasscherbe sinken ließ, waren seine Augen vor Rührung ganz feucht geworden. Verschwommen war sein Blick, als er sich in seinen Lehnstuhl setzte.
Er brauchte eine ganze Weile, bis er wieder klar sehen, vor allem aber klar denken konnte, denn das, was er gesehen hatte, beschämte ihn zutiefst.
Die glücklichen Gesichter der Menschen, besonders die der Kinder, würde er wohl niemals wieder vergessen und die waren für ihn das allerschönste Geschenk.
Die Freude kehrte wieder zu ihm zurück und er führte sein Amt als Weihnachtsmann noch über viele Jahre hindurch aus.
Die Glasscherbe allerdings bekam einen besonderen Platz in einer Vitrine und zählte zu seinen größten Schätzen im Himmelreich.“

Als Oma das Buch zugeschlagen hatte, standen mir Tränen in den Augen. Sophie kuschelte sich an mich und ihre Wangen waren ebenfalls feucht.
„Das war eine wunderschöne Geschichte“, sagte ich und meine Schwester nickte zustimmend und bat: „Bitte, Oma, lies uns noch etwas vor.“
Aber die Großmutter meinte, dass es Zeit wäre schlafen zu gehen.
Der Schneesturm hatte inzwischen aufgehört und morgen würde Opa uns mit dem Schlitten nach Hause zu den Eltern bringen.

 

 


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