Der Wunschbaum     

 

Es war einmal ein König, der nach dem Tod seiner schönen Frau die Freude am Leben verloren hatte. Und weil er gar so unglücklich war, verlernte er im Laufe der Zeit sogar das Lachen. Auch die Lust, mit der goldenen Kutsche durch sein Land zu fahren, um bei seinem Volk nach dem Rechten zu sehen, war verschwunden.

Selbst die Diener konnten ihm nicht helfen.   

Traurig schaute der Herrscher eines Abends in einen Spiegel und sprach leise vor sich hin: „Was hilft mir denn all mein Geld, wenn ich mir damit keine Freude kaufen kann? Ich möchte so gerne wieder fröhlich sein, so wie früher, als meine Königin noch lebte.“

Der König seufzte und plötzlich begann der Spiegel zu sprechen: „Suche nach dem Baum der Wünsche, dann wird dir geholfen werden …“

Der König erschrak, und als er sich etwas beruhigt hatte, wollte er wissen, wo dieser Baum stand.    

„Der Weg dorthin ist nicht leicht zu finden. Du musst ihn aber zu Fuß gehen“, erwiderte die Stimme, „trage andere Kleider, denn niemand darf in dir den König erkennen. Unterwegs frage jeden, der dir begegnet, nach dem Wunschbaum. Doch eines sollst du jetzt schon wissen: Deine Fröhlichkeit kann er dir zwar zurückgeben, jedoch ist er nicht in der Lage, Tote zum Leben zu erwecken.“

„Warum?“, fragte der König, aber der Spiegel schwieg.

Gleich am nächsten Tag musste der Kutscher Bauernkleider besorgen. Einen weiteren Tag später verließ der Regent zu Fuß sein Schloss. Lediglich ein paar Goldstücke nahm er mit und einen kleinen Beutel, in dem etwas zum Essen und Trinken steckte.    

Nun ist so ein König ja nicht gewohnt, längere Strecken zu laufen und bald taten ihm die Füße weh, doch er gab nicht auf. Gegen Abend war er müde geworden und entdeckte zu seinem Glück eine Höhle. „Gerade richtig für mich“, dachte er, „Hunger habe ich obendrein.“ Er setzte sich vor den Höhleneingang und aß und trank eine Kleinigkeit.

Dann kroch er in die Dunkelheit seines Unterschlupfes. Trotz des harten Bodens schlief er vor Erschöpfung gleich ein.    

Am nächsten Morgen wurde er von lauten Vogelstimmen geweckt und die Sonne schien in die Höhle. Er verließ seinen Schlafplatz und ging ins Freie.

Da sah er zwei Kinder, ein Mädchen und einen Buben, dicht zusammengedrängt und mit ängstlichen Gesichtern. 

„Wer seid ihr?“, fragte der König.

Die Kinder schwiegen.    

„Ich tue euch gewiss nichts. Vor mir braucht ihr euch nicht zu fürchten“, sagte er in ruhigem Ton. Wenn er jetzt nur hätte lächeln können. 

 „Seid ihr etwa von Zuhause fortgelaufen?“

Schweigen.

Der König setzte sich auf einen Baumstumpf und schaute in seinen Beutel.

„Ihr habt sicher Hunger“, meinte er. „Kommt, teilen wir uns den Rest von meinem Brot und der Wurst. Ein wenig Tee ist auch noch da.“

Beim Anblick der Leckereien konnten die Kinder nicht widerstehen und kamen vertrauensvoll näher. Gierig verschlangen sie die Mahlzeit.

 

„Ja, wir sind fortgelaufen“, begann nun das Mädchen zögerlich zu erzählen. „Unsere Eltern sind sehr arm und das Essen reicht nicht mehr für alle.“

Dem König taten die Kinder leid und er überlegte, wie er ihnen helfen konnte. 

„Wollt ihr mit mir kommen?“, fragte er und erzählte ihnen, dass er auf der Suche nach dem Wunschbaum wäre.  

 

So wanderten die Drei gemeinsam bis zum Abend. Dann erreichten sie ein großes Haus, an dessen Pforte sie anklopften.

Ein alter Mönch öffnete das Tor.    

„Was kann ich für euch tun?“, fragte er freundlich.

„Wir sind müde und hungrig vom Wandern. Habt ihr ein Plätzchen zum Schlafen für uns?“, wollte der König wissen.    

Der Klosterbruder nickte.

„Kommt herein und esst mit uns.“

Später brachte er die Gäste in einen Raum, in dem sie übernachten konnten.  

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück begleitete der Mönch die drei wieder zum Tor und schüttelte den Kopf, als der König zum Abschied nach dem Baum der Wünsche fragte.

„Von einem solchen Baum habe ich noch nichts gehört. Aber wenn ihr die Straße immer geradeaus geht, kommt ihr zu einem Häuschen. Vielleicht kann euch die alte Frau, die dort wohnt, weiterhelfen. Doch nehmt euch in Acht. Sie ist eine Hexe.“

Das Mädchen entdeckte das kleine Haus zuerst und bald darauf standen sie davor.    

Nach mehrmaligem Anklopfen wurde die Tür geöffnet. Vor ihnen erschien eine finster dreinblickende Alte. Ihre Augen funkelten die Ankömmlinge böse an. Der König stellte sich schützend vor die Kinder.    

„Was wollt ihr hier?“, keifte die Frau mit schriller Stimme.    

 

Der König fühlte sich unbehaglich und wäre am liebsten gleich weitergegangen.

„Ich habe nur eine Frage und dann verschwinden wir gleich wieder: Kennst du den Weg zum Baum der Wünsche?“

Die Hexe lachte und nach kurzer Pause sagte sie: „Ja sicher, aber meine Antwort ist nicht umsonst.“    

„Welchen Preis verlangst du dafür?“    

Mit ihrem krummen Zeigefinger winkte das Weib die drei Reisenden zu sich herein.

„Wenn ihr das Haus bis heute Abend blitzsauber geputzt habt, verrate ich euch, wo der Baum zu finden ist.“

 

So putzte der König zum ersten Mal in seinem Leben, bis ihm die Hände von der ungewohnten Arbeit schmerzten. Die Kinder konnten sich kaum noch auf den Beinen halten, als die Hexe sie nach getaner Arbeit zur Haustür brachte.    

„Und nun verrate mir, wo der Wunschbaum steht“, bat der Herrscher. Aber wie es sich herausstellte, wusste die Frau es gar nicht.

„Wunschbaum? Noch nie davon gehört!“, rief sie und lachte hässlich. „Geht, fragt doch den Teufel!“

In dieser Vollmondnacht schliefen die Wanderer unter dem freien Himmelszelt. Sie fanden Schutz in einem kleinen Wald.

Betrübt und hungrig marschierten sie nach Sonnenaufgang weiter. Lange sprach keiner ein Wort und sie blickten traurig drein. Der König fragte sich mittlerweile, ob es diesen Wunschbaum überhaupt gab?

Am Mittag machten sie im Schatten eines großen Apfelbaumes Rast. Erschöpft schliefen sie sogleich ein, wurden aber plötzlich geweckt, als eine Menge Äpfel auf den Boden plumpsten.    

Sie aßen, soviel sie konnten, und nahmen sich noch welche mit auf den Weg. Am Abend entdeckten die Kinder eine Hütte, in deren Dach ein großes Loch klaffte. Aber das störte die Drei nicht. Sie waren müde und froh, sich ausruhen zu dürfen. In einer Ecke lagen Strohsäcke, auf denen legten sie sich nieder und schliefen schnell ein. Als sie am Morgen erwachten, aßen sie von den Äpfeln und machten sich wieder auf die Wanderschaft.

Bald gelangten sie in eine Gegend, die ihnen unheimlich vorkam. Sie liefen über steinigen Boden. Hier standen reihenweise völlig ausgetrocknete Bäume. Abgebrochene Äste lagen überall auf der Erde verstreut. Es blühten keine Blumen und es wuchs auch kein Gras. Nicht ein einziger Vogel war zu sehen. Selbst die Sonne hatte sich hinter dunklen Wolken versteckt. Der Mann und die Kinder froren.

 

Mit einem Mal tauchte vor ihren Augen eine riesige Flamme auf. Dann folgte ein tiefes, fürchterliches Lachen und das Feuer erlosch wie von Zauberhand. Der Teufel stand vor ihnen. Mit einem bösen Blick und einer großen, dreizackigen Gabel in seiner linken Hand schaute er den König und die Kinder an.   

„Nun, ich denke, heute ist mein Glückstag! Gleich drei Besucher, wenn das kein Grund zum Feiern ist!“ Der Höllenbewohner vollführte nun einen Freudentanz um den König und die Kinder und blieb erneut vor ihnen stehen.    

„Was habt ihr hier zu suchen, he?“, brüllte er und die Kinder versteckten sich hinter dem König. Dieser fasste sich ein Herz und sagte:

„Wenn du uns verrätst, wie wir den Baum der Wünsche finden, bist du uns gleich wieder los.“

„Wer sagt denn, dass ich euch loshaben will?“ Die Stimme des Bösewichts war gefährlich leise geworden, und er stieß mit dem Stiel seiner Gabel auf den harten Boden, dass es laut widerhallte.

„Baum der … was, bitte?“

„Der Wünsche“, erwiderte der König.

Es war eine Weile still, dann sagte der Teufel im Flüsterton: „Nun gut, ich könnte ja in meinem großen Buch nachsehen. Aber vorher tut ihr mir einen winzigkleinen Gefallen. Mein Feuer in der Hölle ist fast aus. Sammelt mir so viel Kleinholz zusammen, damit ich wieder heizen kann. Danach werde ich euch verraten, wo euer Wunschbaum zu finden ist.“

Der König hatte ein ungutes Gefühl, doch er willigte in den Handel ein.

Am Nachmittag lag ein riesengroßer Haufen Holz zum Feuermachen bereit. Dem Mann tat vom vielen Bücken der Rücken weh und die Hände der Kinder waren voller Blasen. Der Teufel aber lachte nur, als er die drei verstaubt vor sich stehen sah.

Da trat der König vor den Unhold und sagte mit lauter Stimme:

„Dein Holz haben wir gesammelt, jetzt halte auch du dein Versprechen! Sage uns, wo der Wunschbaum zu finden ist.“

„Hält der Teufel jemals, was er verspricht?“, spottete der Bösewicht und lachte den König aus. „Macht, dass ihr verschwindet, bevor ich auf den Gedanken komme, euch für immer in meiner Hölle schmoren zu lassen.“

Der König und die Kinder beeilten sich, von diesem schrecklichen Ort fortzukommen. Noch eine ganze Weile schallte das böse Lachen des Teufels hinter ihnen her.

Betrübt und mit hängenden Köpfen gingen die drei weiter, ohne auf den Weg zu achten. 

 „Haltet an! Bitte nicht weitergehen! Ich weiß, dass ihr auf der Suche nach mir seid. So bleibt doch stehen!“

Die Kinder erschraken, als sie die Stimme hörten, und klammerten sich an den König. Da blickten alle auf den wunderschönen Baum, der einsam vor ihnen stand. Seine Äste waren übervoll mit Blättern und von tausenden weißer Blüten übersät.

„Habt keine Angst und tretet näher. Aber bedenkt, dass jeder von euch nur drei Wünsche nennen darf.“

„Du bist der Wunschbaum?“, fragten alle gleichzeitig.

„Ja, der bin ich! Schon seit vielen Jahren kommt niemand mehr vorbei. Der Weg hierher führt durch das Tal des Teufels, und ist deshalb nicht einfach zu finden. Die Menschen sind auch alle so unglücklich und unzufrieden geworden, weil keine Wünsche mehr in Erfüllung gehen.“

 

Die Kinder waren sehr aufgeregt, als sie ihre Wünsche nannten: Immer satt zu werden, Spielsachen, Kleider, und sich niemals mehr von den Eltern trennen zu müssen.

Als der König an der Reihe war, trat er unter den Baum und bat die Kinder, ihn einen Moment allein zu lassen. Dann begann er, zu sprechen.

„Zuerst wünsche ich mir, dass alle Menschen im Königreich, besonders aber die Kinder, in Zukunft ein sorgenfreies Leben führen können und niemals mehr Hunger leiden müssen.   

Mein zweiter Wunsch ist, dass ich endlich wieder lachen und fröhlich sein kann. Und drittens möchte ich, dass wir drei ganz schnell wieder Zuhause sind.“

„So tretet alle unter meine Äste und haltet euch an den Händen fest, damit ihr euch nicht verliert.“ Der König winkte die Kinder zu sich heran. Als sie neben ihm standen, schüttelte der Baum seine Zweige und lauter weiße Blüten regneten auf ihre Köpfe nieder.

Die Augenlider wurden ihnen immer schwerer und fielen schließlich zu. Dann erschien eine Wolke und trug den Mann und die Kinder heim.

Schon gleich am nächsten Tag gingen alle Wünsche, die unter dem Baum gesprochen wurden, in Erfüllung, und alle Menschen im Königreich lebten fortan in Glück und Frieden.

 

  

 

                       

 


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