Die kleine Tanne


 

 

 

Es war einmal eine kleine Tanne, die sich nichts sehnlicher wünschte, als an Heiligabend fein herausgeputzt in einer warmen Stube zu stehen.

Erwartungsvoll fieberte sie in den Dezemberwochen der Weihnachtszeit entgegen. Gut gelaunt schaute sie zu den anderen Bäumen und sagte erfreut: „Bald werden die Menschen kommen und uns alle schlagen. Hoffentlich wird mich auch jemand mitnehmen und für das Fest fein schmücken.“ 

 

„Hahaha!“, rief der Baum neben ihr in hochmütigem Tonfall. „Da ich von euch allen ohnehin die Schönste bin, werde ich an Heiligabend in einem großen Haus dem Höhepunkt meines Lebens entgegensehen: festlich geschmückt bei reichen Leuten werde ich stehen.“ 

Die kleine Tanne neigte sich erschrocken zur Seite, antworten konnte sie nicht. Doch da beugte sich der dicke Baum aus der zweiten Reihe zu der Hochmütigen nach Vorne.

„Pah!“, rief er, „wie kann man nur so eingebildet sein! Nach dem Fest ergeht es dir genauso, wie uns allen hier. Wir landen auf dem Kompost oder wir werden zu Kleinholz gemacht.“

„Na und?“, meinte die hochmütige Tanne, „dafür sind wir ja schließlich auf der Welt. Wichtig ist doch nur: wie wir leben, bevor unser Dasein ein Ende findet.“

 

„Mir ist es ganz gleich, wer mich hier abholt und wo ich den Rest meiner Tage verbringe“, sagte die kleine Tanne, die sich von ihrem Schrecken erholt hatte.

„Wer wird dich schon mitnehmen wollen, du mikriges Tännlein?“

Die Hochmütige schüttelte sich so heftig vor Lachen, dass der Schnee von ihren Zweigen fiel und legte noch Worte nach: „Um von den Menschen gesehen zu werden, müsstest du erst noch wachsen, aber bis zum Fest wird dir das wohl nicht mehr gelingen.“

 

Die hochmütige Tanne schaute in die Runde, weil sie hoffte, dass die anderen Bäume ihr zustimmten.  

„Pfui!“, rief ein Baum in der hintersten Reihe. „Wie kann man nur zu seinesgleichen so hässliche Worte sagen? Und du willst die Schönste sein? Schämen solltest du dich.“

Ein Chor aus Buhrufen war die Folge, aber die Hochmütige störte sich nicht im Geringsten daran.

 

Stumm stand die kleine Tanne da, unfähig, auch nur einen einzigen Ton hervorzubringen. Die Worte der Hochmütigen neben ihr hatten sie sehr getroffen und zutiefst verletzt.

Die kleine Tanne starrte vor sich hin in den Schnee.

Dass sie keine Schönheit war, und obendrein etwas schief gewachsen, wusste sie selbst. Aber war das ein Grund, sie zu verhöhnen?

 

Die Zeit verging. Der Schnee schmolz. Tagelang schien die Sonne und es war fast so mild wie im Frühling.

 

Eine Woche vor Weihnachten jedoch schneite es erneut sehr heftig und deckte die Tannen zu.

Allmählich kamen die ersten Leute, um sich ihren Baum zu holen. Die Reihen wurden immer lichter und zum Schluss standen nur noch drei Tannen da: die Kleine, die Hochmütige und der Dicke.

Dieser meinte nun etwas spöttisch zu der Hochmütigen: „Nun, bist du immer noch so davon überzeugt, die Hübscheste von allen zu sein? Immerhin hat dich bisher noch keiner mit nach Hause genommen.“

„Dich aber auch nicht!“, meinte die Angesprochene spitz. „Und außerdem rede ich mit dir gar nicht mehr“, fügte sie noch hochmütig hinzu.

Für die kleine Tanne hatte sie keinen Blick übrig.

 

Gegen Mittag näherten sich erneut menschliche Stimmen.

Ein Mann und zwei Kinder, dick eingepackt in warme Kleidung. Fröhlich lachend kamen sie auf die verbliebenen Bäume zu, die aufmerksam der Unterhaltung lauschten.    

 

„Papi“, sagte eines der Mädchen, „schau doch mal, nur noch drei Tannen sind übrig. Wir hätten doch früher herkommen sollen.“

 

„Drei sind besser, als gar keiner“, sagte der Mann. „Und jetzt sucht euch einen aus, damit wir wieder heim in die warme Stube kommen.“

Die Kinder sprangen um die Tannen herum und waren sehr ausgelassen.

„Wie wäre es denn mit dem hübschen Baum?“, meinte Papa und deutete auf die Hochmütige, die sich insgeheim schon festlich geschmückt sah. „Oder ist euch der Dicke lieber?“

Der kleinen Tanne schenkte der Mann keine Beachtung.

 

Den Mädchen machte es großen Spaß, im Schnee herumzutoben und erst als der Vater etwas strenger bat, sich endlich für einen Baum zu entscheiden, schauten sie sich die Tannen näher an.

 

„Ich möchte den da“, sagte das jüngere Mädchen und wies spontan auf die kleine Tanne, die ihr Glück kaum fasste. Die Hochmütige konnte das nicht glauben und hoffte, dass der Mann und das andere Kind sich für sie entscheiden.

„Das Bäumchen ist doch viel zu klein und obendrein schief“, erwiderte Papa. „Die beiden anderen sind doch viel schöner. Nehmen wir einen davon.“ Der Mann ging mit seiner Axt in der Hand zielstrebig auf den Dicken zu und wurde von den Rufen seiner Kinder zurückgehalten.

„Nein, Papi! Wir wollen den Kleinen. Bitte, wir nehmen den mit.“

„Ich habe euch doch schon gesagt, dass der zu klein und schief gewachsen ist“, antwortete der Vater.

„Dann stellen wir ihn halt so auf, dass man das Schiefe nicht sieht. Mami macht das schon und außerdem ist der auch nicht so pro … pro …“

„Protzig“, vollendete Papa den Satz.

Die Mädchen nickten heftig und dem Vater blieb keine andere Wahl mehr, als den Kindern ihren Wunsch zu erfüllen.    

 

„Hast du das gesehen, Dicker. Da haben die doch wirklich dieses unbedeutende, nichtssagende, mickrige Bäumchen genommen, und ich stehe immer noch hier. Welch eine Unverschämtheit. Die Leute wissen doch gar nicht, was echte Schönheit ist.“

Die Hochmütige war völlig außer sich und kochte so vor Zorn, dass der Rest von Schnee auf ihren Zweigen schmolz.

„Tja“, meinte da der Dicke in ruhigem Ton, „Echte Schönheit kann man eben nicht an Äußerlichkeiten erkennen und für die Kinder ist halt diese Kleine, wie du so boshaft sagtest: mikrige Tanne, die Schönste …“

 

Und so stand an Heiligabend die kleine Tanne, in ein festliches Kleid aus Weihnachtsschmuck und Kerzenschein gehüllt, und wartete sehnsuchtsvoll auf die schönsten Stunden ihres Lebens.    

 

© Brigitte Kemptner

 


powered by Beepworld