Rhianna -

Die Elfenprinzessin

 

Nirgendwo auf der Welt ist am Tag der Himmel so blau, leuchten in der Nacht die Sterne so hell wie über dem großen Zauberwald. Und hier findet ihr das Reich der zauberhaften Elfenprinzessin Rhianna.  

Mit ihren Eltern und einer großen Geschwisterschar wohnt sie in einem weißen Schlösschen, das mitten auf einer sonnenüberfluteten Lichtung steht. Rhianna liebt ihre Familie und ihr Zuhause sehr. Viel Zeit verbringt sie draußen in der Natur.

Oft sieht man die liebliche Gestalt der Elfenprinzessin durch den heimischen Schlossgarten spazieren. Ihre hellblonden Haare, die fast bis zur Taille reichen, schimmern dabei im hellen Sonnenlicht wie Gold. Auf dem herzförmigen Gesicht liegt meistens ein fröhliches Lachen und ihren saphirblauen Augen entgeht so gut wie nichts. Rhianna liebt alle Blumen in dem großen Garten und sie wird es niemals müde, sich immer wieder aufs Neue an der wunderschönen Farbenpracht zu erfreuen.   

Am liebsten jedoch ist Rhianna im Wald unterwegs. Hier fühlt sie sich frei und ist nicht immerzu den beobachtenden Blicken ihrer Familie ausgesetzt. Die Prinzessin ist nicht nur sehr freundlich und liebenswert, sondern obendrein auch noch recht klug. Sie kennt alle Kräuter beim Namen, weiß, welche bei Bauchweh oder Husten helfen und wie man Tee davon zubereitet.

Bei ihren täglichen Ausflügen nimmt sie deshalb immer ihr Weidenkörbchen mit, das ihr einst die Großmutter geschenkt hat.

So auch an diesem frühen wunderschönen Morgen …
 

Rhianna ist wie immer gut gelaunt und singt ein Lied vor sich hin, als sie losmarschiert. Sie lässt die Lichtung hinter sich zurück und taucht kurz darauf in das Dämmerlicht des Waldes ein. Tief zieht sie die Luft in sich hinein. Es duftet herrlich nach Kräutern, die vom Morgentau noch ganz feucht sind. Rhianna pflückt einige davon und legt sie sehr sorgsam in ihr Weidenkörbchen. Ab und zu huschen ein paar putzige Tiere an ihr vorüber, denen die Elfenprinzessin einen freundlichen Blick schenkt.

Als sie zu einem dicken Baum kommt, springt mit einem lauten „Huhuuuuu!“ ein frecher, kleiner Kobold hinter dem Stamm hervor. Rhianna lässt vor Schreck das Körbchen fallen und schaut in ein bekanntes Gesicht.

„Wie kannst du mich so erschrecken, Fips!“, ruft die Elfe etwas außer Atem.

„Bist du mir nun sehr böse, Prinzessin?“, fragt der Kobold und legt dabei seinen Kopf schief.

„Nein, bin ich nicht. Aber du hast mir einen schönen Schrecken eingejagt und zur Strafe hilfst du mir bitte, die Kräuter wieder ins Körbchen zu lesen.“

Rhianna weiß, dass Fips gerne Kräuter isst und passt deshalb gut auf, dass er ihr keine stibitzt. Als die Elfe weitergehen will, stellt sich der Kobold vor sie hin und legt seinen Kopf schief.

„Bitte, bleib doch noch hier, Prinzeßchen!“, bettelt er.  „Erzähle mir noch eine Geschichte. Ich höre dir so gerne zu.“

„Aber nur eine ganz kurze. Dann muss ich nach Hause, sonst verwelken die Kräuter“, gibt Rhianna nach. Sie setzen sich auf den moosbedeckten Boden und kurz darauf ist die Elfe so sehr in ihre Erzählung vertieft, dass sie alles um sich herum vergisst. Erst als Fips aufspringt und „Bis bald, Prinzeßchen!“ ruft, kommt sie wieder in die Gegenwart zurück. Sie sieht nur noch, wie er im Dickicht verschwindet und mit ihm ihre Kräuter.  

„Dieser freche Kerl“, murmelt Rhianna beim Anblick des leeren Weidenkorbes. „Nun hat er mich doch noch überlistet, und ich habe es nicht einmal bemerkt.“

Böse ist sie dem kleinen Kerl nicht und sie macht sich frohgelaunt erneut auf die Suche nach Kräutern. Dabei gelangt sie zu einer Höhle, an der sie schon oft vorbei gekommen ist.    

„Seltsam“, denkt Rhianna, „der Höhleneingang ist freigelegt. Wer mag wohl die dicken Äste fortgeräumt haben, die dort sonst immer liegen?“ Sie schaut sich um, aber es ist scheinbar niemand in der Nähe. Was wohl in dieser Höhle sein mag und wohin sie führt? Rhianna kann ihre Neugier kaum bändigen und so geht sie auf den Eingang zu.

„Gehe nicht dort hinein, kleine Elfe. Tu es nicht!“ Rhianna lässt vor Schreck ihr Körbchen fallen und bleibt stehen. Ihr Herz klopft heftig und sie schaut sich suchend nach allen Seiten um. „Wer ist denn da!“, ruft sie ängstlich. Ihre Stimme zittert.

„Ich bin das, Taral, der Waldgeist.“

„Von dir habe ich noch nie gehört.“

„Aber ich von dir, Elfenprinzessin.“

„Und warum soll ich nicht in die Höhle gehen?“, fragt sie. Ihre Augen schweifen dabei suchend über die Bäume hinweg.

„Weil es gefährlich dort drinnen für dich sein kann. Du brauchst mich übrigens nicht zu suchen, Geister sind unsichtbar. Hör auf mich und gehe nicht in diese Höhle. Kehr um und lauf nach Hause.“

„Was soll mir denn schon passieren?“, fragt Rhianna und lacht. „Ich habe keine Angst und wenn ich doch welche bekomme, kehr ich wieder um, versprochen. Oder willst du mich auch nur ärgern, genau wie Fips? Doch darauf falle ich nicht herein.“

Sie macht ein paar Schritte auf den Höhleneingang zu, überhört Tarals Stimme, die ruft: „Gehe nicht …“ und ist auch schon in der Höhle verschwunden.   

Drinnen ist es ziemlich eng und dunkel. Rhianna tastet sich mit den Händen an den kalten Steinwänden entlang und je weiter sie läuft, umso finsterer wird es. Der Mut lässt sie im Stich. Sie fürchtet sich mit einem Male und kehrt auf der Stelle um. Doch kurz bevor sie den Ausgang erreicht hat, wird dieser vor Rhianna`s entsetzten Augen mit Steinen zugeschüttet. 

Die Warnung des Waldgeistes fällt ihr ein. Sollte er etwa Recht behalten?

So bleibt Rhianna nichts anderes übrig, als einen anderen Höhlenausgang zu finden. Falls es überhaupt einen gibt. Sie redet sich Mut zu und geht los. Meter um Meter tastet sie sich abermals an den Wänden entlang. Als ihr zu allem Übel auch noch die Füße wehtun, beschließt sie, sich einen Moment auszuruhen. Der Steinboden ist hart und feucht, so bleibt sie nur wenige Minuten sitzen und geht dann weiter.

Zuhause hat Rhianna nie Angst vorm Dunkeln, doch hier in dieser kalten Höhle ist sie dafür umso größer. Trotzdem geht sie tapfer Schritt für Schritt vorwärts, bis es mit einem Male heller wird. Oder bildet sie es sich nur ein? Rhianna macht die Augen zu und wieder auf. Nein, die Helligkeit ist da. Sie kann ihr Glück kaum fassen und läuft trotz schmerzender Füße so schnell sie kann darauf zu. Wenig später steht sie im Freien. Das helle Licht blendet sie zuerst noch, doch als sich ihre Augen daran gewöhnt haben, stellt sie enttäuscht fest, dass ihr diese Gegend völlig fremd ist. Sie befindet sich zwar immer noch im Wald, doch die Bäume stehen hier nicht so dicht beieinander, sodass die Sonne direkt den Höhleneingang anstrahlt. Und während Rhianna noch überlegt, wohin sie nun gehen soll, hört sie laute Stimmen. Erleichtert atmet sie auf.  

„Da sind Leute, die frage ich nach meinem Heimweg. Sicher sind sie so freundlich und helfen mir“, denkt Rhianna. Die Stimmen werden immer lauter, je näher sie ihnen kommt und dort, wo der Waldweg etwas breiter wird, steht eine Gruppe furchteinflößender Hexen. 

„Da ist ja unsere Elfenprinzessin endlich!“, ruft eine dieser hässlichen Gestalten und zeigt dabei mit ihrem Hexenstab auf die leichenblasse Rhianna.

„Wir warten schon auf dich!“, dröhnt die Stimme einer zweiten Hexe durch den Wald. „Wir haben gehofft, dass deine Neugier dich in die Höhle zieht. Deshalb haben wir den Eingang zuerst geöffnet und dann wieder verschlossen. Komm her, Rhianna, du wirst schon im Wolkenturm erwartet.“

Die Hexen lachen so laut und schrill, dass es Rhianna in den Ohren schmerzt, doch mutig fragt sie: „Was wollt ihr von mir und wer erwartet mich im Wolkenturm?“

„Frag nicht so viel. Du wirst es noch früh genug erfahren“, ist die einzige Antwort. 

Abermals brechen die Hexen in Gelächter aus und Rhianna will fliehen.

Da bilden die Frauen sofort einen Zauberkreis um die Prinzessin herum, der ihr keine Fluchtmöglichkeit lässt. Anschließend marschieren sie los. Rhianna in ihrer Mitte.

Nach einem zweistündigen Marsch durch den Wald geht es einen kleinen Abhang hinunter und wenig später stehen sie vor einem großen See.  

„So, Prinzessin, hier ist nun ein Teil deiner Reise vorbei. Dort ist der Wolkenturm.“

Eine der Hexen zeigt mit ihrem krummen Zeigefinger zur anderen Seite des Wassers.

Rhianna folgt mit ihrem Blick und entdeckt ein hässliches, graues Haus mit einem  riesigen Turm, der bis in die Wolken ragt.

 „Was … was soll ich hier?“, stottert sie.

„Der Drachenkönig wartet auf dich. Er ist sehr einsam dort oben und möchte, dass du ihm Gesellschaft leistest. Später will er dich zu seiner Frau nehmen.“

„Nein, ich will das aber nicht. Lasst mich bitte frei. Mein Vater wird es euch danken.“ Rhianna schaut die Hexen mit flehendem Blick an, doch die zeigen keinerlei Regung. Eine von ihnen ruft: „Papperlapapp. Der Drachenkönig will dich. Er hat schon viel von deiner Schönheit gehört, dass du gut bist und vor allem klug. In seinem Auftrag haben wir dich bis hierher gebracht, für den Rest der Reise bekommst du einen anderen Begleiter.“

Da bemerkt Rhianna den großen, schwarzen Vogel, der über den See geflogen kommt. 

„Das ist Kalvar. der treue Diener des Drachenkönigs. Er holt dich hier ab und bringt dich zu ihm“, flüstert eine Hexe ihr ins Ohr und wendet sich wieder den anderen zu.

Rhianna ist verzweifelt. Der Riesenrabe würde gleich hier sein und sie holen. Dann fällt ihr Blick auf die Hexen, die gebannt dem Vogel entgegen schauen und nicht einmal bemerken, dass sie keinen Kreis mehr um die Prinzessin bilden. Somit ist auch der Zauber gebrochen. Rhianna nutzt ihre Chance und flieht.

Aber Rhianna freut sich zu früh, denn kurz nachdem sie den Abhang hinaufgelaufen ist, hört sie hinter sich auch schon die lauten Stimmen der Verfolgerinnen. Rhianna achtet nicht auf ihre wehen Füße und läuft so schnell sie kann. Auch die Hexen sind flink und geben nicht auf, doch der Abstand zu ihnen wird zum Glück  immer größer.

 

Nach einer Weile muss Rhianna eine Pause machen und blickt sich rasch um. Weit und breit ist niemand mehr zu sehen und zu hören. Sie ist so erleichtert, dass sie plötzlich weinen muss. Und als ein paar Tränen auf den Boden fallen, beginnt die Erde zu beben und in Windeseile wächst vor ihren Augen eine Dornenhecke. Hoch und undurchdringlich.

Rhianna hat so etwas noch niemals gesehen und weicht einige Schritte zurück. Da vernimmt sie die Stimme des Waldgeistes: „Warum hast du nicht auf mich gehört, Elfenprinzessin?“

Sie senkte beschämt den Kopf. „Es tut mir so leid, dass ich unbedingt meinen Kopf durchsetzen musste.“

„Das wäre auch beinahe ins Auge gegangen. Doch glücklicherweise bist du den Hexen entkommen. Diese Hecke können sie nicht überwinden und sie hält jeden Zauber ab. Für einige Stunden jedenfalls. Aber du hast trotzdem noch ein großes Stück Heimweg vor dir. Bleib deshalb immer auf diesem Waldweg. Wenn du aber an die Wegkreuzung kommst, laufe bitte nicht geradeaus weiter, sondern biege rechts ab. So kommst du nach Hause, ohne dass du an der Höhle vorüber musst.“

„Ja, Taral. Ich werde von jetzt an nie mehr allein in eine Höhle gehen, sondern darauf hören, wenn du mich wieder einmal warnst. Versprochen.“ 

„Das ist auch gut so, Prinzessin. Ich muss nun weiter und wünsche dir viel Glück.“

„Dir auch!“, ruft  Rhianna ihm nach und macht sich auf die Heimreise.

  s die Dunkelheit hereinbricht, kriecht sie hinter einen großen Strauch, der am Wegesrand steht und ihr genug Schutz für die Nacht bietet. Sie ist so müde, dass sie auf der Stelle einschläft.

Vogelstimmen wecken Rhianna am nächsten Tag und sie macht sich hungrig wieder auf die Wanderschaft. Sie beobachtet Rehe und Hasen, und isst ein paar Beeren, die sie in der Nähe des Weges pflückt.

Als ihre Beine schmerzen, ruht sie sich auf einem Stein etwas aus. Da bemerkt sie das Tier, das aussieht wie ein Pferd. Mitten auf der Stirn hat es ein langes, spitzes Horn, und seine dunklen Augen blicken freundlich. Rhianna  staunt, aber fürchtet sich nicht.

„Wer bist du?“, fragt sie, steht auf und geht näher an das Tier heran.

„Lotus heiße ich. Ich bin ein Einhorn, doch leider gibt es nicht mehr viele meiner Art“, sagt er traurig.

„Bist du gekommen, um mir zu helfen?“, fragt Rhianna freudestrahlend.

„Ja, kleine Elfe. Ich habe dich kurz vor dem See mit den Hexen gesehen und wäre dir gerne zu Hilfe geeilt. Doch auf dem Land des Drachenkönigs und auf einem großes Stück um den See herum liegt ein Fluch, der uns Einhörner in Sekundenschnelle versteinern lässt, wenn wir es betreten. Der Drachenkönig ist unser größter Feind. Und jetzt komm, setz dich auf meinen Rücken. Ich bring dich nach Hause.“

Und hui, Lotus galoppiert davon, so flink, dass seine Hufen die Erde kaum berühren. Bald darauf schon erreichen sie die Stelle des Zauberwaldes, an der Fips sie am Morgen vorher so erschreckt hatte.   

„Halte an, Lotus!“, ruft Rhianna dem Einhorn zu, „von hier aus finde ich alleine heim.“

Lotus bleibt stehen und die Elfe steigt von seinem Rücken, glücklich, ihre vertraute Umgebung wieder zu sehen. Sie bedankt sich ganz herzlich für seine Hilfe und bittet ihn, sie doch recht bald einmal zu besuchen.

„Das will ich gerne tun und du pass bis dahin immer gut auf dich auf“ , sagt er zum Abschied.

Rhianna schaut dem Einhorn nach, bis es zwischen den Bäumen verschwunden ist und eilt rasch nach Hause.

Ihre Familie schließt sie überglücklich in die Arme und Rhianna muss umgehend erzählen, wo sie gewesen ist. Aber die Elfenprinzessin ist erst einmal sehr hungrig und während sie das rasch zubereitete Mahl verdrückt, fallen ihr bereits vor Müdigkeit die Augen zu.

Erst später, als sie munter und frohgelaunt im Kreis ihrer Eltern und den Schwestern sitzt, beginnt sie mit ihrer Geschichte.

 

Rhianna und Lauriel

 

Für Rhianna vergehen die Jahre viel zu schnell und dann ist sie eines Tages zu einer bildhübschen Elfe herangewachsen.

„Es ist jetzt an der Zeit, dass wir für dich einen netten jungen Elfenmann auswählen“, sagte ihr Vater eines Morgens nach dem Frühstück.

Rhianna, die gerade den Mund voll hatte, verschluckte sich vor Schreck bei dem Gedanken an eine Heirat und bekam einen fürchterlichen Hustenanfall. Rasch trank sie einige Schlucke Tee und sagte: „Ich möchte aber nicht heiraten, Vater.“

„Deine Schwestern sind es bereits seit Jahren. Warum also willst du nicht?“

„Weil ich lieber frei sein will und das tun, was ich immer mache: Das Leben ringsumher genießen. Mit den ersten Sonnenstrahlen aufstehen und mit einem fröhlichen Lied durch den Wald spazieren. Frische Kräuter für die Küche, für Tees und Salben sammeln und meine Freunde besuchen. Auf Lotus durch die Gegend reiten und mich von dem lustigen Fips ärgern lassen.“

„Bist du dafür nicht schon zu alt?“, fragt die Mutter. „Durch den Wald hüpfen, mit einem Kobold spielen und den davon hoppelnden Hasen hinterher schauen, das machen kleine Kinder. Du bist jetzt eine Frau und musst dich auch so verhalten.“

„Ach Mutter, ihr versteht mich nicht. Lustig sein und das Leben genießen hat doch nichts mit dem Alter zu tun.“

„Natürlich nicht, aber du kannst auch dein Leben an der Seite eines Mannes genießen, nimm dir ein Beispiel an deinen Schwestern.“

„Lasst mir noch ein bisschen Zeit zum Heiraten, bitte!“

Und die Eltern geben nach.

Rhianna ist wieder einmal im Wald unterwegs, als sie in der Ferne Lotus sieht, der auf sie zugaloppiert. Mit dem Einhorn verbindet sie eine ganz besonders innige Freundschaft und so lacht sie ihm freundlich entgegen. Kurz vor ihr bleibt er stehen und ruft aufgeregt: „Rhianna, wie gut, dass ich dich treffe. Du musst schnell mitkommen. Dort unten am Moor liegt ein Verwundeter.“

Rhianna war einmal als Kind am Moor gewesen gemeinsam mit Fips. Der hatte Steine und Holzstücke in die braune dickflüssige Masse geworfen. Rhianna fand es damals faszinierend, wie die Dinge blubbernd in dem Brei verschwanden und nie wieder auftauchten. „Wenn du einmal da drinnen bist, ist es aus, genau wie mit den Steinen und dem Holz. Wir sollten diesen Ort meiden, Prinzeßchen“, hatte der Kobold, der sonst immer zu jedem Schabernack bereit war, gemeint. Rhianna hatte diesen Ort auch nie wieder besucht, doch genau an diese Worte erinnert sie sich, als Lotus ihr von dem Verletzten erzählt. Doch heute ist sie erwachsen, kann Gefahren besser einschätzen als früher und außerdem ist es ein Notfall. So steigt sie rasch auf Lotus´ Rücken und lässt sich von ihm rasch zu dem Verletzten bringen.

Regungslos liegt er auf dem Rücken. Seine Kleider sind schmutzig und zerrissen. Am rechten Bein und an der linken Schulter sieht Rhianna Verwundungen, von bereits verkrustetem Blut umgeben.

Er ist nicht von unserem Volk, seine Hautfarbe ist dunkler als die unsrige, und sein Kinn ist spitzer, denkt Rhianna, während sie ihn nach weiteren Verletzungen untersucht. Außer einer Beule am Hinterkopf kann sie nichts mehr finden.

Rhianna winkt Lotus zu sich heran. „Wir können ihn hier nicht liegen lassen. Bei uns im Schloss ist genug Platz, dort bringen wir ihn hin“, sagt sie mit großer Bestimmtheit. Das Einhorn antwortet nichts. Er neigt seinen Körper zur Erde und mit großem Kräfteaufwand schafft es die zarte Elfe, den Verletzten auf Lotus Rücken zu bekommen.

 
Rhianna muss ihre Eltern nicht lange bitten. Sie sind sofort einverstanden, den Verwundeten aufzunehmen. So wird er in einem Seitenflügel des Schlosses untergebracht und Rhianna lässt es sich weder nehmen noch verbieten, ihn eigenhändig gesund zu pflegen. Zuerst säubert sie seine Wunden und sorgt dafür, dass er ein sauberes Nachtgewand bekommt. Sie kocht ihm täglich aus frisch gesammelten Kräutern Tee und bereitet eine schmerzlindernde Salbe zu. Außerdem noch einen Brei, den sie dick auf seine Wunden aufträgt. Allmählich geht das Fieber zurück und die Verletzungen heilen. Dann ist es endlich geschafft.


Eines Morgens, als Rhianna zu ihrem Patient in das kleine Zimmer kommt, sitzt er bereits aufrecht im Bett und schaut ihr entgegen. Sie freut sich, ihn wohlauf vorzufinden und lächelt ihm freundlich zu. Er erwidert ihr Lächeln und ein Blick aus seinen bernsteinfarbenen  Augen macht sie mit einem Male sehr verlegen.

„Du hast bestimmt Hunger. Ich hole dir ein kräftiges Frühstück“, sagt sie, um die momentane Verlegenheit zu überspielen. Sie eilt in die Küche und kehrt nach einer Weile zu dem Mann zurück. In ihren Händen trägt sie eine Schale dampfende Hühnersuppe mit Kräutern.

„Die Suppe wird dich stärken, damit du bald wieder auf die Beine kommst.“ Rhianna vermeidet es, ihn direkt anzuschauen, doch das gelingt ihr nicht so ganz. Sie stellt die Schüssel neben ihn auf ein niedriges Tischchen und meint: „Nun iss, bevor es kalt wird. Die Kräuter habe ich selbst gesammelt.“

„O, dann wird mir die Suppe aber besonders gut schmecken“, antwortet er freundlich. Kurz treffen sich beider Augen, und Rhianna fühlt eine große Freude dabei. Ihre Verlegenheit ist wie weggeblasen.

„Wie heißt du denn?“, fragt er zwischen zwei Löffeln Suppe.
„Rhianna. Aber du solltest die Suppe essen, bevor sie abkühlt, denn sonst schmecken die Kräuter etwas bitter.“
„Rhianna. Welch lieblicher Name für eine zauberhafte Elfe. Mich nennt man Lauriel und du wirst längst erkannt haben, dass ich nicht aus dieser Gegend komme.“
Die Prinzessin nickt. „Wo kommst du her, Lauriel?“
„Von den Hohen Bergen.“

„Dann bist du ein Bergelf. Ich habe zwar schon von ihnen gehört, doch noch niemals einen gesehen. Weit bist du von zuhause fort, Lauriel.“

„Ja, das ist richtig.“

„Und was hat dich in unseren Wald verschlagen?“

Der Bergelf zögert erst, dann redet er: „Ich soll ein Mädchen heiraten, das ich nicht mag und so hat mich mein Vater des Hauses verwiesen. Ich bin sehr lange unterwegs gewesen. Auf meiner Reise kam ich durch den „Kühlen Grund“, eine verrufene Gegend. Dort verfolgten mich üble Kreaturen. Sie jagten mich, bis mir der Atem ausblieb, und schlugen mit Stöcken auf mich ein. Ein Messer traf mein Bein und die Schulter. Verletzt wie ich war, wanderte ich weiter. Irgendwann kam ich an einen See, trank und kühlte meine schmerzenden Wunden, die immer wieder begannen zu bluten. Dann kam ich auf meinem weiteren Weg in den Wald, schon vom Fieber heimgesucht. Der Durst plagte mich, da sah ich das Wasser und dann wurde es Nacht um mich herum.“


„Das Moor hast du gesehen. Zum Glück bist du zusammengebrochen, bevor du dich vielleicht noch hineingestürzt hättest, vor lauter Durst. Lotus fand dich dort.“
„Wer ist Lotus?“

„Mein bester Freund, das Einhorn.“

Die Schale mit der Suppe ist mittlerweile leer und Rhianna nimmt sie ihm aus der Hand.

„Jetzt schlaf etwas, Lauriel, damit du ganz gesund wirst.“
„Hast du mich gepflegt, Rhianna?“, fragt er, als sie  schon an der Tür ist.

„Ja. Ich habe mich gerne um dich gekümmert. Nun muss ich aber los und schaue später noch mal herein.“

Als Rhianna nach dem Mittagessen in den Wald spazieren geht, hat sie das Gefühl, wie auf Wolken zu schweben. Sie muss immerzu an Lauriel denken und daran, wie er sie am Morgen angeschaut hat.

„He, Prinzeßchen!“ Eine vertraute Stimme holt sie aus ihren Gedanken. „Was ist los mit dir? Hättest mich um ein Haar umgerannt.“

„Oh, Fips, ich habe dich wirklich nicht bemerkt, tut mir leid.“
Fips lächelt. „Wie geht es deinem Patienten? Lotus hat mir davon erzählt.“

Rhianna erzählt Fips von Lauriel und kommt dabei richtig ins Schwärmen.

„Weißt du, was ich glaube?“, fragt Fips, „Du bist verliebt.“
Die Prinzessin sieht ihn mit ihren großen Augen an. „Verliebt?“, wiederholt sie. An das Naheliegende hat sie noch gar nicht gedacht.

„Ja, richtig verliebt. Hihi, du wirst ganz rot im Gesicht.“ Und Fips hüpft plötzlich auf seinen dürren Beinchen hin und her, vollführt einen richtigen Tanz und ruft fortwährend: „Verliebt, verliebt, verliebt. Rhianna ist verliebt.“

„Wirst du wohl still sein, muss doch nicht jeder wissen“, schimpft sie, doch der Kobold denkt nicht daran, ruhig zu bleiben.

Erst als Rhiannas Stimme etwas lauter wird, lässt er sich ins Laub fallen und fragt: „Liebt er dich auch?“
„Das weiß ich doch nicht und fragen werde ich nicht.“ Sie will jetzt allein sein und geht zurück zum Schloss. Dort sucht sie sich im Garten ein einsames Plätzchen, um sich über ihre Gefühle klar zu werden.

Einige Tage später steht Lauriel wieder auf seinen Beinen. Rhiannas Eltern, die anfangs etwas skeptisch waren, erlauben dem jungen Elfen, so lange bei ihnen im Schloss zu bleiben, wie er möchte, und bald hat man ihn als Freund der Familie akzeptiert. Nur eines gefällt ihnen nicht so ganz: Rhianna und der Bergelf sind mittlerweile unzertrennlich geworden und sie  verstehen sich ausnehmend gut.


Rhianna, die täglich mit Lauriel im Wald umherstreift und ihm ihr Reich zeigt, ist bis über die Ohren in ihn verliebt. Dass er genauso fühlt, ist ein Wunsch, der tief in ihrem Herzen auf Erfüllung hofft. Sie kann ihre Liebe vor der Familie bisher noch geheim halten. Lediglich ihre engsten Freunde wissen davon.


Auch heute sind die beiden wieder unterwegs und kommen diesmal zu der Höhle, die in Rhiannas Leben einmal eine Rolle gespielt hatte. Sie bleiben eine Weile davor stehen und Lauriel erfährt die Geschichte von dem Drachenkönig, der sie von den Hexen entführen ließ und denen sie im letzten Moment entkam.
Lauriel steht vor Rhianna, die einen Kopf kleiner ist als er. Vorsichtig, als wäre es zerbrechlich, nimmt er ihr Gesicht in seine Hände und lächelt ihr zu. „Was für ein Glück für mich, dass du nicht die Frau eines Drachenkönigs wirst, Rhianna. Ich habe dich sehr, sehr lieb und möchte für immer mit dir zusammen sein.“ Er beugt sich zu ihr und küsst ihre Stirn, die Wangen und den Mund. Rhiannas Herz schlägt Purzelbäume und sie ist die glücklichste Prinzessin der Welt.

Doch dann steht Lauriel eines Tages mit traurigem Blick vor ihr und sagt: „Dein Vater bittet mich, umgehend das Schloss zu verlassen.“

„Warum das denn?“

„Weil er einer Hochzeit nicht zustimmt. Als dein Freund bin ich deinen Eltern lieb und gut, doch ihre Gastfreundschaft geht, wie dein Vater sagt, nicht so weit, dass sie uns heiraten lassen.“

„Dann will ich auch nicht mehr hierbleiben. Ich gehe mit dir.“

Rhianna muss sofort mit ihren Eltern reden und findet sie im Arbeitszimmer ihres Vaters. Bevor der aber etwas sagen kann, braust sie los und Zorn liegt in ihrer Stimme.: 

„Warum schickt ihr Lauriel weg? Wir haben uns lieb und wollen doch nur zusammenbleiben, für immer.“

„Du wirst diesen Mann nicht heiraten, Rhianna. Er kommt aus einem fremden Land, dessen Kulturen wir hier nicht kennen“, sagt der Vater in ernstem Ton. „Auch wissen wir nichts über seine Familie. Er ist nett und hat Manieren, aber wer sagt uns, dass es nach eurer Heirat so bleibt? Er wird dich mitnehmen in sein Reich und dort musst du dich ihm fügen. Vielleicht ist seine Familie nicht so gastfreundlich eingestellt. Du wirst den Wald vermissen, deine Freunde und nicht zuletzt deine Familie.“

„Lauriel wird mich immer beschützen, auch vor seinen Leuten“, trumpft Rhianna auf und ihre großen Augen sprühen Funken. „Einen anderen kann und will ich niemals so lieb haben wie ihn. Außerdem hat er gar nicht die Absicht, jemals wieder zu seinem Volk zurückzugehen.“
„Selbst wenn er jetzt hier bleibt, wird es ihn eines Tages wieder in die Berge ziehen. Sei vernünftig, Rhianna, es ist besser für dich“, fügt die Mutter nun noch hinzu. „Wir meinen es doch nur gut.“

„Dann will ich lieber sterben, als von ihm lassen!“, ruft die Prinzessin und läuft aus dem Zimmer. Nein! Niemals will sie sich von Lauriel trennen, dass schwört sie sich. Sie eilt zu ihrem Liebsten und weint bitterlich. Nachdem ihre Tränen versiegt sind, erzählt sie ihm das, was der Vater gesagt hat.

Lauriel schaut sie traurig an. „Das habe ich befürchtet, Rhianna. Wir Bergelfen reagieren genauso, haben es auch am liebsten, wenn sich die Völker nicht durch Heirat vermischen. Zu meiner Familie gehe ich jedoch  nicht zurück. Ich suche mir woanders eine neue Heimat. Du würdest deinen Wald vermissen, wenn du mit mir gingst. Und hier darf ich nicht bleiben als dein Mann.“
Rhianna schaut ihn mit traurigen Augen an. Tränen schimmern darin, als sie das Zimmer verlässt. So nah war das Glück gewesen und nun ist es entfernter denn je. Für Lauriel würde sie auf ihre Freiheit verzichten, würde mit ihm hingehen, wo immer er wollte. Ihre Füße bekommen ein Eigenleben und bewegen sich aus dem Schloss hinaus. Sie muss immerzu an Lauriel denken, der in diesem Moment vielleicht das Schloss in unbekannte Richtung verlässt. Wiederum kommen die Tränen, als jemand sie anspricht. Es ist Lotus.

„Wo willst du hin, Rhianna? Und warum weinst du?“, fragt er.

„Ich bin so traurig, Lotus und möchte jetzt nur allein sein.“

„Kann ich dich nicht aufheitern?“

„Nein.“ Sie geht einfach weiter und lässt das Einhorn stehen. Als sie sich wenig später umschaut, ist es verschwunden. Erleichtert geht sie weiter. Niemand muss etwas von ihrem Plan erfahren.

Dann ist sie endlich am Ziel.


Rhianna sieht in die brodelnde, braune Masse des Moores. Es ist bestimmt kein leichter Tod, wenn ich mich hineinstürze, denkt sie schon zum wiederholten Male. Aber ein Leben ohne Lauriel kann sie sich auch nicht mehr vorstellen. Was also soll sie tun? Eine ganze Weile steht sie hier und kann sich nicht entschließen. Wieder vergehen Minuten und plötzlich setzt sich ihre zierliche Gestalt wie unter Trance in Gang, ein Fuß vor den anderen, bis der Boden unter ihr schlammig wird und nachgibt. Bis zu den Knöcheln steht sie schon im Morast. Wieder hebt sie ein Bein und will den nächsten Schritt tun, als eine ihr nur zu gut vertraute Stimme sie in ihrer Bewegung innehalten lässt.
„Rhianna, bitte, tu das nicht!“

Verwundert schaut sie zu Lauriel, der gerade von Lotus Rücken springt. Überglücklich nimmt er sie in seine Arme und zieht sie von dem gefährlichen Moor fort. „Woher hast du gewusst, dass ich hier bin?“, fragt sie völlig außer Atem.

„Deine Eltern haben dich im Schloss gesucht. Du warst nirgends zu finden und da bin ich auf die Suche gegangen. Ich habe Lotus getroffen, der mir erzählte, dass du weinend Richtung Osten gelaufen bist. Zum Moor. Und jetzt bringe ich dich schnell nach Hause,“

Lotus trug beide umgehend ins Elfenschloss, wo Rhiannas Eltern schon sehnsüchtig warten.


Und jetzt, nachdem der Schrecken vorüber ist, stellen sich Rhiannas Eltern nicht mehr gegen eine Heirat ihrer Tochter mit dem Bergelfen. Sie sind viel zu glücklich darüber, dass Rhianna nicht ins Moor gegangen ist. Ein zweites Mal wollen sie das Schicksal in keiner Weise mehr herausfordern.

 

Gefangen im Wolkenturm

 

Rhianna ist überglücklich, dass sie endlich Lauriels Frau werden darf. Schon seit einigen Wochen sind die Vorbereitungen für den schönsten Tag im Leben der Elfenprinzessin in vollem Gang. Außerdem werden alle Verwandten und Freunde der Familie eingeladen. Das Brautkleid wird eigens in einer Feenwerkstatt angefertigt. Es soll ein Fest werden, von dem der ganze Zauberwald noch in vielen Jahren berichtet.

Lauriel, der sich genauso auf die bevorstehende Hochzeit freut, hält sich von den Vorbereitungen im Schloss fern. 

„Ein Fest zu gestalten ist Frauensache. So jedenfalls wird es bei uns in den Bergen gehalten“, meint er lächelnd und streift deshalb lieber allein im Walde umher. Auch ist er ab und zu auf dem Rücken des Einhorns Lotus  unterwegs. Und eines Tages kommt er von einem seiner Ausflüge nicht mehr zurück. Alle im Schloss, besonders Rhianna, sind sehr in Sorge und ihr Vater schickt sogar seine Leute los, den Bräutigam zu suchen. Da sich auch Lotus nicht mehr blicken lässt, wächst die Sorge der Prinzessin ins Unermessliche. Lauriel und das Einhorn bleiben unauffindbar. Nicht einmal Fips, der kleine Kobold, kann mit seinen Späßen trösten.

„Ach Fips“, seufzt die Prinzessin, „vielleicht liebt Lauriel mich nicht mehr und ist zu seiner Familie zurückgekehrt.“ Dicke Tränen der Verzweiflung rollen ihre Wangen hinunter.

„Wenn er das getan hat“, poltert Fips los und schlägt einen doppelten Purzelbaum, „dann hat er dich nicht verdient.“

Rhianna weint sich jeden Abend in den Schlaf. Eines Nachts jedoch pocht es an ihr Fenster. Sie wacht davon auf und sieht einen dunklen Schatten, der sich im Mondlicht vor der Scheibe abzeichnet.

Sie ist ängstlich, steigt aber trotzdem aus dem Bett und öffnet geschwind. Ein großer Vogel hockt auf der Fensterbank. Seine krächzende Stimme schmerzt in ihren Ohren.

„Wenn du wissen willst, Elfenprinzessin, wo dein Bräutigam ist, dann steig auf meinen Rücken. Ich bringe dich zu ihm.“ 

„Du weißt, wo er ist? Dann sage es mit bitte“, fleht sie ihn an.

„Er ist beim Drachenkönig. Dort wird er auf dich warten. Kommst du nicht bis zum Morgengrauen, wird dein Liebster in ein Verlies im Wolkenturm gesperrt und muss dort elend verhungern.“

Rhianna bleibt bei diesen Worten beinahe das Herz stehen. Drachenkönig! Wolkenturm! Schlagartig ist ihr bewusst, dass dieser Vogel derjenige ist, der sie vor vielen Jahren über den See zu diesem dunklen Turm bringen sollte.

„Überleg nicht zu lange“, krächzte der Rabe. „Die Zeit vergeht und schnell ist es Morgen.“

Nun kommt Leben in Rhiannas Gestalt. Noch in ihrem Schlafgewand steigt sie auf den Rücken des schwarzen Vogels, der sich sofort in die Luft erhebt. Über den Wipfeln des Zauberwaldes fliegen sie im hellen Mondschein nach Norden und über den See. Dann landen sie auf einer Plattform des Wolkenturms. Es weht ein rauer Wind hier oben und Rhianna hat große Angst.

„Endlich bist du bei mir, Prinzessin. Lange habe ich auf diesen Tag gewartet.“

Im Dämmerschein des beginnenden Morgens steht, wie aus dem Boden gewachsen, die hässliche Gestalt des Drachenkönigs vor ihr. Seine Haut ist von grell-grüner Farbe und die Augen stehen weit aus den Höhlen hervor. Quer über seine Nase zieht sich eine dicke, rot-braune Narbe. Rhianna will schreien, doch sie bringt keinen Ton hervor und fällt in Ohnmacht. Als sie wieder erwacht, liegt sie auf einem großen Bett und der Drache steht daneben. Rhianna rückt ans andere Ende des Lagers.

„Wenn du dich erst einmal an mich gewöhnt hast, wirst du bei meinem Anblick nicht mehr umfallen“, sagt er mit laut dröhnender Stimme.

„Niemals!“, rief die Elfenprinzessin aus. „Wo ist mein Bräutigam?“

„Noch geht es ihm gut. Und dass dies auch so bleibt, hängt von dir ab, Liebste. Werde meine Frau und er ist frei. Darauf gebe ich dir mein Ehrenwort.“

„Niemals werde ich deine Frau!“, rief Rhianna aus.

„Das solltest du dir gut überlegen. Dein Bräutigam wird hier in einem Verlies jämmerlich verhungern, wenn du nicht einwilligst. Ich gebe dir Zeit, bis der Mond in dein Zimmer scheint. Dann musst du dich entscheiden.“

Er verlässt den Raum und Rhianna ist allein. 

Diesen Drachen heiraten, das würde sie niemals tun. Sie eilt zum Fenster. Ein dort angebrachtes Eisengitter macht jegliche Flucht unmöglich. Ihre kalten Finger umklammern die dicken Stäbe so fest, dass es schmerzt. Sie geht zur Tür, doch diese ist verschlossen. Sie ist gefangen. Weinend sinkt sie zu Boden. Was soll sie tun? Wenn sie sich weigert, muss Lauriel sterben. Dieser Drache kennt keine Gnade. Sie hat keine Wahl, wenn sie das Leben ihres Liebsten retten will. Als ihre Tränen versiegt sind, fühlt sie eine Leere in sich. Ihr stets freundliches Gesicht und der zum Lachen bereite Mund verwandeln sich in eine starre Maske. 

Der Mond scheint bereits hell ins Zimmer, als sich die Tür öffnet und der Drachenkönig hereinkommt.

„Nun, wie lautet deine Antwort?“

„Gut, ich werde hierbleiben, doch wie weiß ich, dass mein Bräutigam auch wirklich frei ist?“

„Morgen bei Sonnenaufgang wird der Vogel, der dich brachte, an deinem Fenster vorbeifliegen. Er trägt den Bergelfen auf seinem Rücken und bringt ihn in die Freiheit. Das muss dir als Beweis reichen.“

Der Drache geht zur Tür. „Und nun komm, das Essen wartet auf uns.“

Rhianna verspürt keinen Appetit, nichts wird sie essen und das sagt sie dem Ungeheuer auch.

„Wie du willst. Wenn du Hunger hast, wirst du dich schon melden.“

Wieder ist sie allein, geht zum Fenster und schaut in die Nacht. In der Tiefe ist der große See, der den Wolkenturm vom Walde trennt. Eulen rufen in der Ferne und ein Käuzchen schreit. Hier will sie stehen bleiben, bis die Sonne aufgeht, um ja nicht Lauriels Abflug zu verpassen. Noch einmal will sie ihn sehen, ihm zurufen, wie lieb sie ihn hat und dass sie ihn niemals vergessen wird. Irgendwann sind ihre Füße vom Stehen so müde, dass sie diese gar nicht mehr  fühlt. Doch sie hält durch bis zum Morgengrauen und da sieht sie ihn, den Vogel, mit Lauriel auf dem Rücken.

Laut ist ihre Stimme, als sie ihm zuruft, was ihr auf dem Herzen liegt, doch er reagiert nicht.

„Er wird dich nicht hören und dir auch nicht antworten“, vernimmt sie hinter sich die verhasste Stimme. „Ich habe ihn mit einem Zauberschlaf belegt und meinen treuen Diener Taral gebeten, ihn zu seiner Familie in die „Hohen Berge“ zu bringen. Wenn er später erwacht, wird er nicht mehr wissen, dass es Rhianna gibt. So kann ich sicher sein, dass er nicht versucht, dich zu befreien.“

Rhianna dreht sich um und schaut den Drachen mit starrer und ausdrucksloser Miene an. Alles Leben ist daraus gewichen.

So vergeht die Zeit. Die Prinzessin verlässt niemals ihr Zimmer, sodass einer der Zwerge, die im Dienste des Drachenkönigs stehen, ihr das Essen bringt. Sie rührt nur wenig an und steht den ganzen Tag am Fenster, bis sie die Beine nicht mehr spürt. Dann legt sie sich auf das Bett und schaut mit leeren Augen an die Decke. Der Drachenkönig kommt täglich zu ihr. Er bringt Geschenke mit, die sie weder anrührt noch beachtet. Er will sich mit ihr unterhalten, doch sie schaut nur mit starren Augen aus dem Fenster. Er berichtet, dass die Hochzeitsvorbereitungen bald vorüber sind, doch sie antwortet nicht. Nein, sie schreit nicht einmal oder bittet um ihre Freiheit.  

Als er am nächsten Tag wieder zu ihr kommt, hat sich nichts an ihr verändert. Starr schaut sie wieder aus dem Fenster und schenkt ihm und seinem Geschenk keinen Blick. Plötzlich beginnt er zu toben. Er schreit, faucht und schlägt das Bett entzwei. Rhianna wendet sich vom Fenster ab und schaut mit ausdrucksloser Miene zu, bis er davongeht. Erst nach zwei Tagen erscheint er erneut und die Stimme, die zu ihr spricht, ist kaum mehr wiederzuerkennen.

„Du bist nicht mehr das Mädchen, welches ich für mich haben wollte, Rhianna. Wo ist deine Fröhlichkeit geblieben? Deine Herzlichkeit? Du lachst nicht mehr, dein leerer Blick ängstigt mich. So sehr liebst du also diesen Bergelfen, dass du all diese Tugenden, die dein liebreizendes Wesen ausmachten, ablegst? Ich musste dich haben, weil ich einsam bin und weil ich den Turm mit deinem Lachen ausfüllen wollte. Und jetzt?“

Rhianna schaut ihn an und plötzlich erscheint er ihr nicht mehr so hässlich, nein, eher traurig.

„Du bist frei, Rhianna, mein Vogel wird dich morgen nach Hause bringen. Vor einer solch großen Liebe kann ich nur aufgeben.“

Er dreht sich zur Tür um und geht.

 

Es ist später Nachmittag des folgenden Tages, als Rhianna mit dem schwarzen Vogel die „Hohen Berge“ erreicht. Sie hätte nicht sagen können, warum sie dorthin wollte und nicht erst zu ihren Eltern. Mitten auf einem freien Platz setzt Taral sie ab. „Jetzt musst du deinen Weg allein weitergehen. Hier habe ich den Elfen auch abgesetzt“, sagt er und erhebt sich wieder in die Luft.

Sie bleibt eine Weile stehen und blickt sich um. Da sieht sie ein paar Bergelfen, die miteinander sprechen und geht zu ihnen hin. Sie erkundigt sich nach Lauriel.

„Ja, den kennen wir“, sagt der eine und ein anderer zeigt mit dem Finger auf eines der Häuer. „Dort wohnt Lauriel. Der wird heute vermählt.“

Rhianna geht auf das Haus zu.

Lauriel heiratet! Das kann doch nicht sein. Sie beschleunigt den Schritt und pocht kräftig an die Tür des Hauses. Ein weiblicher Elf in den Kleidern einer Dienerin öffnet. 

 

„Ich möchte zu Lauriel“, sagt Rhianna und ihre Stimme zittert dabei ein wenig.

„Er feiert heute Hochzeit. Bist du eingeladen? Du gehörst nicht zu unserem Volk, wie ich sehen kann.“

„Nein. Ich komme aus dem Zauberwald. Ich habe ihn dort verletzt gefunden und gesund gepflegt.“

Rhianna hält es für besser die Wahrheit zu sagen. Die Bergelfe zögert einen Moment, dann führt sie die Elfenprinzessin umgehend und ohne weitere Fragen zu stellen  zu ihm.

Da steht er nun, ihr Lauriel. Groß und kräftig im Hochzeitsgewand. Plötzlich macht ihr Herz einen Sprung und das Lächeln kehrt auf ihre Lippen zurück. Sie flüstert seinen Namen und er wendet sich ihr zu. Aber wie enttäuscht und zugleich entsetzt ist Rhianna, denn es liegt keine Spur eines Erkennens auf seinem Gesicht. Sie geht näher an ihn heran. „Erkennst du mich nicht mehr?“, fragt sie mit zitternder Stimme. Erst jetzt erinnert sie sich an das, was der Drache ihr gesagt hat: „Wenn er aufwacht, wird er nicht einmal mehr wissen, dass es eine Rhianna gibt.“

Er schüttelt seinen Kopf und sagt laut: „Nein, ich kenne dich nicht.“

Da ergreift sie seine Hand, presst sie an ihre Wange und beginnt zu weinen. Als aber ihre Tränen seine Haut berühren geschieht das Wunderbare: Der Zauber, den der Drache ihm auferlegt hatte, weicht und er erkennt seine Rhianna wieder.

Dass ihn sein Vater nun abermals aus seinem Haus weist, ist Lauriel egal, er ist überglücklich, dass seine Elfenprinzessin wohlbehalten wieder bei ihm ist. Nachdem sie ihm alles erzählt hat, machen sie sich gemeinsam auf die lange Reise in den Zauberwald. Sie haben die „Hohen Berge“ gerade verlassen, als ihnen Lotus entgegenkommt. Der Drachenkönig hatte auch ihn mit einem Zauberbann umgeben und in dem Moment, wo Lauriel seine junge Braut wiedererkannte, wurde auch das Einhorn befreit.  

Gemeinsam sitzen die Elfen auf seinem Rücken und die Heimreise kann beginnen. Als sie am großen See ankommen, erleben sie eine große Überraschung. Rhianna und Lauriel müssen zweimal hinschauen, denn der Wolkenturm ist verschwunden. An seiner Stelle ist eine wunderschöne grüne Wiese entstanden, die übervoll von bunten Blumen jedem Betrachter ins Auge sticht. Auf dem Wasser tummeln sich jetzt munter Enten und Schwäne. Selbst Lotus genießt eine kühle Erfrischung, als er mit den Beinen ein Stück in den See geht. Das war früher nicht möglich, weil ihn der Einhorn hassende Drachenkönig einst mit einem Bann belegt hatte.  

„Vor diesem Ungeheuer müssen wir niemals mehr Angst haben“, sagt Lauriel zu Rhianna und nimmt sie fest in seine Arme. „Er hat ganz sicher seine gerechte Strafe bekommen.“

Was aus dem Wolkenturm und dem Drachen geworden ist, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben.

 

 

E N D E


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