Leseprobe: Das Geheimnis der vier Türen

 

1.  Kapitel: Die magische Kugel

 

Amanda hatte erst ein kleines Stück des Weges zurückgelegt, als sie sich auf einem Baumstumpf ausruhen musste, weil ihr die Füße weh taten. Nur eine kurze Pause wollte sie machen und dann eilig weitergehen. Bis auf das Zwitschern der buntschillernden Vögel war zum Glück alles ruhig. Die Zwerge hatten also Wort gehalten und verfolgten sie nicht. Zwei Tage lang war Amanda bei ihnen in der Zwergenstadt gewesen. Die kleinen Waldmenschen hatten sie gefangen genommen, weil sie unerlaubt in deren Reich eingedrungen war. Erst nachdem sie ihnen fest versprochen hatte, niemals wieder zu kommen, durfte sie gehen.

„Am Ende des breiten Pfades kommst du zu den vier Türen. Aber nur eine führt dich nach Hause“, hatte der Zwergenkönig zum Abschied gesagt.

„Und welche ist es?“, fragte sie.

„Das herauszufinden liegt ganz allein bei dir. Du hast jedoch nur einen Versuch, überlege gut und folge deinem Gefühl.“

Dann war der Zwergenkönig mit seinem Gefolge verschwunden.

 

Amanda erhob sich und wanderte weiter, immer den breiten Pfad entlang. Dann stand sie vor den vier geschlossenen Türen. Durch eine von ihnen musste sie gehen, um in die Freiheit zu gelangen, aber durch welche? Noch während sie fieberhaft überlegte, hörte sie plötzlich Stimmen hinter sich. Holten die Zwerge sie wieder zurück oder waren es andere Wesen, die sie fangen wollten? Amanda zitterte am ganzen Körper. Vier Türen, doch welche führte in die Freiheit?

„Ich schließe einfach meine Augen und gehe auf eine zu. Vielleicht sagt mir mein Gefühl, welche die richtige ist“, dachte sie und schloss die Lider. Spontan wollte sie loslaufen, aber ihre Füße streikten. Die Stimmen hinter ihr wurden lauter.

Sie bewegte sich vorwärts. Langsam, wie in Zeitlupe, aber sie erreichte eine der Türen, bevor ihre Verfolger sie erreichten. Der Türgriff fühlte sich kalt in ihrer vor Angst feuchten Hand an und ließ sich nur schwer nach unten drücken. Rasch machte Amanda ein paar Schritte nach vorne und als die Tür hinter ihr zu fiel, war plötzlich alles still. Vorsichtig öffnete sie die Augen. Wo war sie hier gelandet? Nach Freiheit sah es nicht aus.

Sie stand in einem großen Raum, in dem ihre Mutter bestimmt dem Putzfimmel freien Lauf gelassen hätte, so staubig wie alles war. An der Wand gegenüber gab es eine Glastür, an der der Griff fehlte, ansonsten waren alle Wände mit Regalen zugestellt, die bis an die hohe Decke reichten. Ein Regal jedoch war völlig leer, in den anderen reihten sich Bücher an Bücher. In der Mitte des Zimmers standen ein Sessel und davor ein runder Tisch. Darauf lag neben einem aufgeschlagenen Buch, aus dem eine Seite herausgerissen war, eine Kristallkugel. Trotz Staubschicht ging ein magischer Zauber von ihr aus. Amanda ging auf den Tisch zu, nahm die Kugel in die Hände und wischte den Staub fort. Sie schaute in das Glas und sah ein Gesicht … es war ihr eigenes …

 

„He, aufwachen, Schlafmütze!“, ertönte plötzlich eine Stimme.  Amanda kam nur langsam zu sich. Hatte da jemand gerufen?

„Dass du immer so lange brauchst, bis du in die Pantoffeln kommst!“

„Mami!“

„Nee, Schlafmütze, sehe ich etwa aus wie Mami?“

Amanda gähnte und streckte sich. Dann öffnete sie die Augen, doch grelles Tageslicht ließ die Lider im Nu wieder sinken. Erneut drang diese fremde Stimme in ihr Bewusstsein.

„Komm endlich in die Gänge, Schlafmütze!“

„Mami?“

„Nix Mami. Mann, was soll das. Mach endlich deine Augen richtig auf.“

Und das machte Amanda, zuerst nur einen Schlitz, dann ganz und glaubte an einen Spuk. Sie schloss die Lider und öffnete sie erneut, aber das Bild blieb. Sie schaute in ihr eigenes Gesicht.

 

„Na endlich! Wurde auch Zeit, dass du aufwachst.“

Der Mund in diesem Gesicht lächelte und da waren diese Grübchen, die auch Amanda hatte. Braune Augen blickten sie an und die Haare, nein, das gab es ja nicht.

„Ich muss doch noch träumen“, sagte sie laut vor sich hin und spürte im nächsten Moment den Schmerz im Oberarm.

„Autsch! Das tut doch weh!“

Ihre Doppelgängerin hatte sie gezwickt.

„Merkst du jetzt, dass du nicht träumst?“

 

Die Tür ging auf und Amandas Mutter streckte den Kopf herein. „Guten Morgen, mein Schatz. Ich kam grad an deinem Zimmer vorbei und hörte dich schreien. Was ist denn passiert?“

„Nichts, Mami“, antwortete Amanda.

„Das klang aber so, als hättest du dir wehgetan“, sagte Mama und kam an Amandas Bett.

„Ich .. ich habe mir nur den Ellenbogen am Nachtschrank angeschlagen.“

Etwas Besseres war ihr auf die Schnelle nicht eingefallen, aber die Mutter glaubte es und meinte: „Wenn du willst, kannst du noch etwas liegenbleiben. Du hast ja erst in der dritten Stunde Schule.“

 

„Mami hat dich gar nicht gesehen“, stellte Amanda erstaunt und im Flüsterton fest, als sie mit ihrem Ebenbild allein war. 

„Weiß ich doch, Schlauberger. Niemand außer dir sieht und hört mich.“

„Woher kommst du? Wer bist du? Weshalb kann nur ich dich sehen und hören?“

„Du stellst aber viele Fragen auf einmal, Mandy.“

Amanda schluckte.

„Nenn mich nicht Mandy.“

„Warum? Ist doch eine schöne Abkürzung.“

„Ich … ich will das aber nicht. Ich hasse diese Abkürzung.“

„Wieso?“

„Das, das geht dich nichts an.“

Amandas Stimme klang jetzt leicht schroff.

„Also, was ist?“

„Was ist was?“

„Meine Fragen.“

Amanda wurde allmählich ungeduldig.

„Schon gut, schon gut. Ich bin dein Zwilling.“

Amanda schaute ihr Spiegelbild ungläubig an.

„Das bist du nicht. Müsste ich doch wissen.“

„Doch, das bin ich und um dir deine erste Frage zu beantworten, ich komme aus der Traumwelt, besser gesagt aus deinem Traum.“

„Waaaaaas, aus meinem Traum?“

„Ja. Du hast die Kristallkugel mitgenommen. Oder stimmt das etwa nicht?“

 

Mit Schrecken dachte Amanda an ihren Traum, bekam eine Gänsehaut und schüttelte sich. Merkwürdig war der gewesen.

„Stimmt, ich habe von Zwergen geräumt und Türen. Und auch von einer Kristallkugel. Ich habe sie nur in die Hand genommen, weil sie so herrlich glänzte. Mehr nicht.“

„Du hast sie mitgenommen und deshalb bin ich hier. Du darfst mich Lana nennen, denn meinen richtigen Namen kannst du sowieso nicht aussprechen.“

„Am besten, du verschwindest gleich wieder, dann brauche ich deinen Namen auch nicht zu wissen. Und nenn mich nicht Diebin“, zischte ihr Amanda entgegen.

„Ich habe lediglich gesagt, dass du sie mitgenommen hast. Ich werde, nein ich muss so lange bei dir bleiben, bis die Kugel wieder dort ist, wo sie hingehört.“

„Wer es glaubt wird selig. Erzähl keine Märchen und jetzt verschwinde endlich.“

 

Amanda verstand an diesem Morgen selbst nicht, was mit ihr geschah. Sie war doch sonst immer so ruhig und eher verschlossen, doch diese Lana brachte sie völlig durcheinander, war im Begriff, ihr ganzes Leben auf den Kopf zu stellen.  Sie stand auf, ging ins Bad und knallte die Tür zu, doch Lana ließ sich nicht abschütteln.

„Mach, dass du endlich Land gewinnst!“, schrie Amanda so laut, dass sie vor sich selbst erschrak. Mama kam sogar herein.

„Was ist nur heute Morgen mit dir los? So kenne ich dich gar nicht. In deinem Zimmer führst du schon Selbstgespräche und jetzt im Bad schreist du sogar.“

„Es ist nichts, Mami. Wirklich nicht.“

„Bist du dir sicher?“

Mamas Stimme klang besorgt und so schaute sie auch aus, fand Amanda und nickte heftig.

„Ja, Mami. Alles okay. Ich hab nur laut geflucht, weil wir heute doch die Mathearbeit schreiben.“

„Du hast doch dafür gelernt, oder?“

„Ja, hab ich.“

„Dann ist es ja gut. Ich mach jetzt mal Frühstück.“ 

 

„Du bist ja immer noch da“, flüsterte Amanda, als die Mutter fort war. Aber die Doppelgängerin blieb. Sie wich nicht von ihrer Seite. Auch nicht beim Ankleiden.

„Zieh die Jeans an und das weiße Shirt“, sagte, nein, befahl sie.

„Lass mich in Frieden“, antwortete Amanda, jetzt drauf bedacht, nicht so laut zu reden, damit Mama nichts mitbekam.

„Ich ziehe mein blaues Kleid an, basta. Von dir lass ich mir nichts sagen.“

Ehe sie sich versah, hatte Lana das blaue Kleid an sich genommen, jedoch nicht damit gerechnet, dass Amanda so schnell reagierte und danach griff.

„Gib es sofort her!“, rief sie. Sie zog einmal heftig daran, aber Lana hielt das Kleid fest. Als Amanda abermals mit einem Ruck ihr Eigentum zurückhaben wollte, ließ Lana es unerwartet los und Amanda landete auf ihren vier Buchstaben. Im Fallen streifte sie einen Stuhl, der scheppernd umkippte. Sie fluchte laut, stand auf und rieb sich ihr Hinterteil.

„Was ist denn jetzt schon wieder passiert?“

Mama stand in der Tür.

„N … nichts. Der blöde Stuhl stand mir im Weg und fiel um.“

„Du hast doch was, Amanda. Du bist heute Morgen so zerstreut. Ich mache mir langsam ernsthafte Sorgen.“

„Das musst du nicht. Habe nur schlecht geträumt heute Nacht, weiter nichts.“

Amanda ging zu ihrer Mutter und gab ihr rasch einen Kuss.

„Ich bin gleich angezogen und komme frühstücken.“

 Amanda zog es vor, ihr Ebenbild einfach zu ignorieren.

„Du wirst mich nicht los, auch wenn du so tust, als sei ich nicht da“, sagte Lana, aber Amanda reagierte nicht.

„Gewöhne dich daran, dass ich dein Schatten bin, Mandy.“

„Du sollst mich nicht so nennen, hab ich dir schon einmal gesagt.“

„Haha, so leicht bist du aus deiner Ruhe zu bringen. Und jetzt beeil dich, ich habe riesigen Hunger.“

„Das könnte dir so passen. Du bleibst hier im Zimmer.“

„Denkste.“

 

Wenige Minuten später saß Amanda am Esszimmertisch, in Jeans und Shirt. Aber sie hatte die Sachen nicht Lana zuliebe angezogen, sondern weil sie endlich ihre Ruhe haben wollte.

Sie schnitt ein Brötchen auf und beschmierte es mit Butter und Honig.

„Bietest du mir denn nichts an?“, fragte Lana.

„Schließlich habe ich auch Hunger.“

Amanda sagte lieber nichts und reichte ihr – wenn auch ungern - die eine Brötchenhälfte.

„Mehr kriegste nicht“, flüsterte sie, damit Mami nichts hörte. 

Diese war zum Glück in der Küche beschäftigt. Während der Woche frühstückte sie zeitig mit Papa, bevor der zur Arbeit fuhr. Nur an den Wochenenden saß die ganze Familie zusammen beim Frühstück.

Als die Mutter nun ins Esszimmer kam und am Tisch stehen blieb, meinte sie:

„Ich glaube allmählich doch, dass heute etwas nicht mit dir stimmt, Amanda. Du hast doch noch nie drei Brötchen verdrückt. Und das in so kurzer Zeit.“ 

 

 

2. Kapitel: Peinlicher Abgang

 

„Renn nicht so schnell!“, rief Lana. „Man könnte meinen, der Teufel wär hinter dir her.“

„Der Bus wartet nicht und wegen dir bin ich sowieso schon zu spät dran.“

„Jaja, schieb es nur auf mich. Wir sind ja gleich da und es ist noch kein Bus zu sehen. Oder ist das da vorne nicht unsere Haltestelle?“

„Berichtigung: meine Haltestelle! Besser, du verschwindest jetzt.“

„Seit wann redest du mit dir selber?“

Amanda erschrak, als Silvia, eine Klassenkameradin,  neben ihr auftauchte. Aber Amanda tat, als hätte sie die Frage nicht gehört und begrüßte sie.

„Hi, heute bekommen wir die Deutscharbeit zurück. Bin gespannt, welche Note ich krieg.“

 „Ich auch. Oh, da kommt schon der Bus. Bis später, Amanda!“

Silvia mischte sich rasch unter die Fahrgäste, während Amanda wie immer im Hintergrund blieb und zuletzt einstieg. Lana klebte wie ein Kaugummi an ihrer Seite.

„Verschwinde endlich aus meinem Leben“, zischte Amanda ihr leise zu. Die Antwort war nur ein belustigendes Lächeln.

 

Amanda ignorierte ihre Doppelgängerin während der ganzen Fahrt und auch auf dem Rest des Schulweges. Erst vorm Klassenzimmer, als niemand in Hörweite war, zischte sie Lana zu: „Was kann ich tun, damit du endlich verschwindest?“

„Das weißt du doch, M a n d y.“

Lana zog den Namen absichtlich in die Länge und erreichte genau das, was sie wollte. 

Amandas Augen glühten wie Feuer und ihre Stimme klang noch wütender als zuvor.

„Du sollst mich nicht so nennen! Nie wieder, hörst du!“

Sie riss die Klassentür auf und warf sie so heftig hinter sich zu, dass das gegenüber liegende Fenster in seiner Verankerung bebte. Sie schaute in die entgeisterten Gesichter  ihrer Klassenkameraden.

„Ist jemand hinter dir her?“, fragte Gabriel.

„Nö, wie kommst du darauf?“, antwortete Amanda noch immer wütend. Es fiel ihr verdammt schwer, die Fassung zurückzubekommen.

„Weil du wie eine Wilde hereinkommst und die Tür zuknallst. Das hast du noch nie gemacht.“

„Wer ist denn der schnuckelige Typ?“, fragte Lana und als Amanda nicht darauf reagierte, fragte sie noch einmal: „Wer ist das, Mandy?“

„Halt endlich den Rand!“, entfuhr es Amanda und dafür hätte sie sich am liebsten selbst ohrfeigen können. Sie war seit heute Morgen nicht mehr sie selbst, sondern hatte sich in eine aufbrausende Furie verwandelt. Warum reizte diese Lana sie immerfort? Und jetzt legte sie sich ihretwegen noch mit Gabriel an.    

„Was hast du gesagt?“, wollte Gabriel wissen und ging einige Schritte auf Amanda zu.

„Ich habe doch nur gefragt, ob jemand hinter dir her ist. Da musst du mich nicht blöd anmachen. Was ist denn mit dir los?“

Amanda wäre am liebsten im Erdboden versunken. Sie mochte Gabriel zwar nicht, auch wenn er gut aussah und die Hälfte der Mädchen in ihrer Klasse für ihn schwärmte. Aber sie wollte es sich auch nicht mit ihm verderben.

„Schon gut, Gabriel“, sagte sie beschwichtigend. Ihre Stimme war leiser geworden.

„Ich habe dich auch nicht gemeint.“

„Und wen hast du gemeint? Du willst mich wohl für dumm verkaufen. Außer mir hat doch keiner etwas zu dir gesagt.“

 „Lass sie doch“, rief Sabine, die Banknachbarin von Silvia. 

„Ne, ich lass sie nicht …“

„Was ist denn hier los? Warum sitzt ihr nicht auf euren Plätzen?“

Herr Mahlmann, der Mathelehrer, war unbemerkt hereingekommen. Sein Blick wanderte zwischen Gabriel und Amanda hin und her.

„Ist etwas mit euch beiden? Wenn nicht, dann setzt euch. Ihr anderen bitte auch.“

Er ging zum Pult und legte seine Tasche ab.

„Ich hoffe, ihr habt euch gut auf die heutige Mathearbeit vorbereitet.“

Während alle ihre Hefte hervorholten, flüsterte Lana Amanda ins Ohr: „Mathe ist blöd, du hasst dieses Fach doch, Mandy.“

„Sei still!“, zischte Amanda.

„Wenn du etwas zu sagen hast, Amanda, dann mach das bitte laut, damit wir alle es hören.“

„Nein, es ist nichts“, erwiderte Amanda. Ihr wurde es schrecklich heiß und sie hätte diese Lana am liebsten auf den Mond geschossen. Sie würde sich bestimmt nicht auf die Arbeit, vor der sie sich ohnehin fürchtete, konzentrieren können, solange ihre Doppelgängerin anwesend war.

„Du hasst Mathe! Du hasst Mathe!“, brüllte Lana Amanda abermals ins Ohr. „Das weiß ich, weil ich es ebenfalls hasse, Mandy.“

„Sei endlich still. Ja, ich hasse Mathe! Ich …“

„Amanda!“

Herr Mahlmanns Stimme klang jetzt nicht mehr so freundlich.

„Ich weiß zwar nicht, was heute in dich gefahren ist und was dein für mich recht ungewöhnliches Verhalten zu bedeuten hat, aber du verlässt jetzt augenblicklich die Klasse. Und für die Arbeit schreibe ich dir eine Sechs.“

Als Amanda fluchtartig und mit hochrotem Kopf das Zimmer verließ, hörte sie die anderen lachen und Herrn Mahlmanns Stimme: „Ruhe! Es gibt keinen Grund zu lachen. Schlagt eure Hefte auf.“

 

„Pah! Wirft der dich gleich aus der Klasse“, empörte sich Lana.

„Lass mich doch endlich in Ruhe“, rief Amanda und rannte in den Schulpark. Dort setzte sie sich auf eine Bank. Tränen liefen ihr über die Wangen.

„Ich kann mich da nie wieder blicken lassen“, schluchzte sie.

„Nie wieder und das ist allein deine Schuld. Du hast mich vor allen blamiert. Jetzt haben sie noch mehr Grund, mich zu verachten.“

„Ach was! Dein Lehrer kriegt sich wieder ein“, erwiderte Lana, „und deine Mitschüler sind sowieso blöd. Hast doch gehört, wie sie gelacht haben. Hoffentlich versalzen sie sich ihre Mathearbeit, dann bekommst du wenigstens nicht alleine eine Sechs.“

„Ich gehe dort nie wieder hin.“

Amanda Stimme klang immer noch tränenerstickt.

„Warum gehst du nicht einfach fort, Lana?“

„Wie oft soll ich dir das denn noch sagen? Also, Mandy, mach deine Lauscher auf: Du hast die Kristallkugel mitgenommen.“

„Wie kannst du das behaupten? Lass mich endlich mit dieser verdammten Kugel in Ruhe oder hast du sie etwa bei mir gesehen? Es war doch nur ein Traum. Und außerdem heiße ich Amanda, nicht Mandy.“

 

Nachdem Amandas Tränen endlich versiegt waren, fühlte sie sich so richtig elend. Sie fürchtete sich, den Klassenkameraden wieder unter die Augen zu treten. Ihren Eltern würde Herr Mahlmann alles brühwarm erzählen, das konnte sie sich an ihren zehn Fingern abzählen. Und wie sollte sie das ihren Eltern erklären? Die würden die Wahrheit nie glauben und sie für verrückt halten. Und das war allein Lanas Schuld.

Lana stand von der Parkbank auf.

„Komm jetzt!“, rief sie ungeduldig. 

Amanda machte einen letzten Versuch und bat: „Lana, bitte, bitte, verschwinde aus meinem Leben, das du total durcheinander gebracht hast.“

„Würde ich gerne, es geht aber nicht, weil du mit der Kristallkugel auch mich in dein Leben geholt hast.“

 

Als Amanda nach Hause kam, öffnete sie leise die Haustür und schlich auf Zehenspitzen durch den Flur. Als sie gerade an der geöffneten Küchentür vorbei wollte, stand die Mutter vor ihr.

„Amanda! Wieso bist du nicht in der Schule?“

„Mir … mir ist nicht gut“, antwortete Amanda nach kurzem Zögern. „Herr Mahlmann hat mich heimgeschickt.“

Sie schaute auf den Boden und schämte sich, dass ihr diese Lüge so leicht über die Lippen kam. 

„Aber wovon ist dir schlecht?“, fragte die Mutter fürsorglich. „Vielleicht vom Frühstück? So viel wie heute hast du noch nie gefuttert. Hast du Bauchweh?“

Amanda schüttelte den Kopf.

„Mir ist nur übel. Ich leg mich ins Bett. Vielleicht geht’s mir dann wieder besser.“

„Ich muss jetzt zum Einkaufen“, sagte die Mutter. „Kann ich dich denn allein lassen? Ich beeile mich auch und wenn es bis zum Mittag nicht besser wird, rufe ich Dr. Angersbach an. Er kann dann in der Mittagszeit nach dir schauen.“

„Nein, Mami! Morgen geht es mir bestimmt wieder gut.“

„Mir ist es lieber, wenn der Doktor nach dir sieht.“

Sie legte ihre Hand auf Amandas Stirn.

„Fieber scheinst du keines zu haben. Leg dich hin, ich bin bald wieder zurück.“

 

Wenig später saß Amanda auf ihrem Bett und starrte den Fußboden an.

„Was wirst du deinen Eltern sagen, wenn sie erfahren, dass du aus der Klasse geflogen bist und für die Arbeit, die du nicht einmal mitgeschrieben hast, eine Sechs kassierst?“

Diese Frage hatte sich Amanda ja bereits gestellt. Eine Antwort dafür hatte sie jedoch nicht.

„Warum konntest du wenigstens in der Klasse nicht still sein?“, fragte sie Lana.

„Es ist gekommen, weil es so kommen musste. Lass uns die Kugel suchen und die Probleme lösen sich danach von selbst.“

„Ich habe keine Kugel, die existiert nur in meinem Traum und in deiner Fantasie. Und weißt du was? Ich lege mich hin und mache die Augen zu. Wenn ich sie wieder öffne, bist du verschwunden.“

Amanda zog die Schuhe aus und schlüpfte in das noch ungemachte Bett. Sie wollte sich gerade zur Wand drehen, als ihr rechter Fuß auf etwas Hartes stieß. Sie setzte sich und tastete unter der Decke danach. Ihre Finger berührten etwas Kühles, Glattes. Amanda zog die Hand zurück, schlug die Decke zur Seite und erstarrte. 

„Die Kugel!“, rief Lana und bevor Amanda sie ergreifen konnte, hielt ihre Doppelgängerin sie in beiden Händen.

„Ich wusste doch, dass du sie hast, Mandy.“

Amanda, nicht fähig, auch nur ein Wort zu sagen, starrte auf die glänzende Kugel, die Lana wie einen Schatz fest hielt. Das kann doch nur ein Traum sein, dachte sie, und gleich werde ich aufwachen und mich für die Schule fertig machen.

Aber es geschah nichts. Lana stand noch immer neben dem Bett, die Kugel fest umschlungen.

„Du hast doch, was du wolltest, Lana. Behalte dieses verdammte Ding und lass mich endlich allein.“

Doch Lana dachte nicht daran, setzte sich auf das Bett und hielt Amanda die Kristallkugel entgegen.

„Nimm sie schon, denn nur du kannst sie zurück bringen.“

„Niemals!“, rief Amanda. Sie sprang aus dem Bett, stürmte aus dem Zimmer und wäre beinahe der Länge nach hingefallen. Dann den Flur entlang ins Wohnzimmer, aber Lana war schneller und verstellte ihr den Weg zur Terrassentür.

„Hier, Nimm sie, damit der ganze Spuk endlich vorbei ist.“

Lana streckte ihr die Kugel entgegen. Amanda wollte sie abwehren, doch als ihre Fingerspitzen das blanke Glas berührten, traf es sie wie ein Blitz und sie konnte sich plötzlich seiner magischen Anziehungskraft nicht mehr entziehen. Sie wurde in die Höhe gehoben und das Letzte, das sie sah, bevor sie die Augen schloss, war Lana. Amanda wirbelte durch die Luft, wild mit den Armen um sich schlagend. Ihr wurde ganz schwindelig. Sie rief, nein, sie schrie ängstlich zuerst nach der Mutter, dann nach Lana, bat um Hilfe und behielt weiter die Augen geschlossen, um nicht sehen zu müssen, was als nächstes passierte. Alles ging so schnell und dann war es vorbei ...

 

Neugierig, wie es weiter geht ...?

 

 


powered by Beepworld