Der Nebel von Osej         

Prolog:

 

Osej, 1814. Die befreundeten Hexenvölker Smela und Sidoc bereiteten sich auf das jährlich stattfindende Fest anlässlich des Geburtstages ihrer Göttin Ichemea vor. Jeder konnte sich an kleinen oder großen Attraktionen beteiligen, doch der Höhepunkt des Tages waren ohne Zweifel die Wettkämpfe zwischen den Fürstenfamilien der beiden Völker. Die fanden in diesem Jahr auf dem Reit- und Turnierplatz des Fürsten Xantor von Walgsam in Turadero, der Oberstadt von Sidoc statt.

Die drei Söhne des Fürsten Arval von Kaldam aus Miara, der Oberstadt  Smelas, trugen gerade ihre tanzenden Flammen zur Schau, als das Unglück geschah. Das Feuer geriet plötzlich außer Kontrolle und griff auf die in unmittelbarer Nähe liegenden Stallungen über. Dort bereiteten die beiden einzigen Söhne von Fürst Xantor ihre Pferde für die nächste Disziplin vor.

Die Ställe brannten in Windeseile nieder und kosteten den jungen Burschen und mehreren sehr wertvollen Pferden das Leben.

Das Fest wurde umgehend abgebrochen.

 

Gleich am nächsten Tag erschien ein wütender Xantor samt Gefolge in der Burg von Fürst Arval. „Das war pure Absicht deiner Söhne“, ging er ohne Gruß auf den Freund los. „Sie haben Schuld am Tod meiner Jungen. An den Verlust meiner unbezahlbaren Pferde will ich im Moment gar nicht erst denken.“

„Wie kannst du so etwas Ungeheuerliches behaupten, Xantor?“, erwiderte Arval mit Bitterkeit in der Stimme. „Das nenne ich eine boshafte Unterstellung und das aus deinem Mund, mein Freund. Der Tod deiner Söhne war ein schreckliches Unglück, und hat uns alle sehr getroffen.“

„Spar dir deine Worte und dein Mitleid. Es ist kein Geheimnis, dass unsere Söhne in letzter Zeit häufig aneinander gerieten und deine drei gingen dabei nicht gerade zimperlich mit meinen beiden um.“

„Sie sind noch jung, genauso waren wir doch auch. Aber ich kann mir denken, worauf du anspielst. Auf meine Jinni und deinen Sohn, der ihr immerfort nachstellte.“

„Falgor ist … war rebellisch, das gebe ich zu. Aber er war noch sehr jung. Ich habe ihm ja oft genug ins Gewissen geredet, dass er Jinni in Frieden lassen soll, weil sie bereits die Braut eines anderen ist.“

„Das hat ihn aber nicht davon abgehalten, ihr immer wieder nachzustellen. Meine Söhne haben nur das getan, was deine für ihre Schwester auch getan hätten. Sie haben sie beschützt.“

„Davon konnte ich mich überzeugen“, rief Xantor wütend. „Sie haben Falgor ordentlich verprügelt.“

„Wir haben das früher auch getan, schon vergessen, mein Freund?“, fragte Arval, dem die ganze Diskussion langsam auf die Nerven ging.

„Nein, aber aus Rache jemanden töten, das war nie unser Ding. Ab heute gibt es keine Freundschaft mehr zwischen unseren Familien und unseren Völkern. Prügeleien konnte ich noch verzeihen, aber den Tod meiner Söhne nicht. Den haben deine Jungens zu verantworten. Drum hör mir gut zu, Arval von Kaldam: Ab sofort gilt Folgendes: Kein Smelaner betritt mehr ungestraft das Land der Sidoc und keiner von Sidoc wird mehr euren Boden betreten. Diese Kunde gebe ich noch heute öffentlich bekannt. Außerdem werde ich an allen Grenzübergängen bewaffnete Wachen aufstellen.“

„Das kannst du doch nicht wirklich wollen, Xantor!“

Die Stimme Arvals klang entsetzt. „Du kannst doch nicht unsere Völker entzweien, nur weil wir beide im Augenblick eine Fehde haben. Und wie soll meine Tochter denn ihren Bräutigam heiraten, wenn sie nicht mehr zu ihm nach Turadero darf und umgekehrt?“

Xantor lachte hart. „Was geht mich das noch an? Das ist nun euer Problem.“

Er wandte sich zur Tür und ging.

Aus dem einst so gutmütigen Fürsten von Walgsam wurde ein verbitterter Mann, daran änderte sich auch nichts, als er mit achtundfünfzig Jahren noch einmal Vater eines Sohnes wurde und der Fortbestand der Familie somit gesichert war. Ein Gesetz der Göttin Ichemea besagte nämlich Folgendes: Hat ein Fürst bis zu seinem sechzigsten Geburtstag keinen männlichen Nachkomme, so muss er all seine Güter und seine Macht abgeben und das Volk darf ein neues Oberhaupt wählen.

Und während in Smela die Leute weiterhin stolz auf ihre beliebte Fürstenfamilie waren, zog in Sidoc ein rauer Wind ein. Von Generation zu Generation wurden die Fürsten von Walgsam immer

gefürchteter. Sie führten ein strenges Regiment, unterdrückten ihr Volk und setzten harte Bestrafungen bei Verfehlungen aus.

 

184 Jahre nach Beginn der Fehde war Fürst Walgor von Walgsam das am meisten verachtete Oberhaupt von Sidoc. Er war grausamer und rücksichtsloser als all seine Vorfahren. Erst mit vierzig Jahren nahm er sich Massarial, eine junge Lehrerin aus dem Volk, zur Frau. Sie sollte ihm möglichst viele Söhne schenken, und als die junge Fürstin schwanger wurde, sah Walgor sich schon als Vater eines Erben.

Dann kam der Tag, an dem das Kind das Licht der Welt erblickte …

 

Muriel, die Hebamme, hüllte das Baby, noch bevor es schreien konnte, in einen weißen Umhang, den sie zuvor mit einer geruchlosen und ungefährlichen Flüssigkeit besprüht hatte. Dann schaute sie auf das Bett, in dem Massarial, die junge Fürstin, lag. Ihr Gesicht, das von einer Flut rötlicher Locken umgeben war, sah erschöpft und traurig aus. Muriel lächelte ihr aufmunternd zu.

„Du kannst es dir noch überlegen“, sagte sie. „Es ist noch nicht zu spät.“

Massarial stieß einen Seufzer aus. „Nein. Es gibt kein Zurück. Wie wird es jetzt weitergehen, Muriel?“ Es war nur ein Flüstern, das die junge Frau über die spröden Lippen brachte. Aber die Hebamme hatte sie verstanden und sagte mit ruhigem Ton: „Hab keine Sorge, ich werde schon eine Lösung finden, und jetzt musst du dich ausruhen. Ich läute nach deiner Dienerin.“

Muriel zog an einer Kordel, die neben dem Bett hing. 

„Kümmere dich um deine Herrin“, sagte sie zu dem jungen Mädchen, das wenig später den Raum betrat. „Ich muss zum Fürsten, um ihm die traurige Nachricht selbst zu überbringen.“

Das Gesicht der Dienerin wurde blass, als sie den weißen Umhang sah. doch bevor sie etwas sagen konnte, war Muriel aus dem Gemach verschwunden.

 

Leichtfüßig, als wäre sie noch ein junges Mädchen, überquerte die Amme einen langen Korridor und kam endlich zu den Gemächern des Hexen-Fürsten. In diesem Augenblick öffnete sich auch schon eine der Türen und Walgor von Walgsam trat in Begleitung zweier Wachen auf den Flur. Beim Anblick der Amme oder besser gesagt, beim Anblick des weißen Tuches, wurde sein Gesicht aschfahl und seine kalten grauen Augen noch um eine Spur kälter.

„Du weißt, was du zu tun hast, Alte!“, herrschte er die Hebamme an, so, als trüge sie Schuld an diesem Malheur. Jedoch unbeeindruckt vom bösartigen Wesen des Fürsten nickte sie und sprach: „Sehr wohl, mein Herr!“ 

 

Als Muriel die Burg Walgor von Walgsam, dem Fürsten der Sidoc-Hexen, verlassen hatte, atmete sie auf. Doch aus der Gefahrenzone war sie noch längst nicht. Sie spürte die Blicke der Torwächter in ihrem Rücken und musste befürchten, dass Walgor ihnen am Ende sogar befahl, die Hebamme zu begleiten und aufzupassen, dass sie ihre Sache auch anständig ausführte. Doch es blieb zum Glück alles ruhig und keiner kam ihr hinterher. Sie schlug den Weg zur Grotte ein und als sie außer Sichtweite war, änderte sie die Richtung.

Bald hatte der Wald sie verschlungen, doch Muriel eilte weiter, weil sie sich noch immer auf dem Land der Sidoc befand. Erst als die Grenze zum großen Wald überschritten war, wurde ihr Gang langsamer. Sie blieb stehen, hob das weiße Tuch etwas zur Seite und ein rosiges Babygesicht wurde sichtbar. Muriel lächelte es liebevoll an: „Nun darfst du schreien, mein Kleiner. Hier hört dich zum Glück niemand.“

Aber die Gefahr war noch längst nicht gebannt. Muriel war sich dessen bewusst. Fürst Walgor war nicht dumm. Er wusste immer, was in seinem Reich vor sich ging. Ob eine Familie Nachwuchs bekam oder einer der Sidoc-Bewohner zu Grabe getragen wurde. Sicher würde ein plötzlich auftauchendes, elternloses Baby sofort für großen Wirbel sorgen und Massarials Plan am Ende noch auffliegen lassen.
Ein rauer Wind kam auf und Muriel bedeckte das Kind wieder mit dem weißen Tuch. Sie ging etwas tiefer in den Wald hinein, immer noch nicht wissend, wo sie das Neugeborene solange unterbringen konnte, bis sie sich über den nächsten Schritt klar war.

 

Der Junge in ihrem Arm begann heftig zu strampeln und weinte. Er hatte sicher Hunger. Daran hatte die Hebamme nicht gedacht. Sie wiegte das Kind in ihren Armen und sprach ein paar beruhigende Worte. Nichts half. 

Muriel erschrak, als es neben ihr im Unterholz knackte. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Was, wenn Walgors Wachen ihr doch heimlich gefolgt waren? Ihr Blick irrte hin und her, aber sie sah niemanden. „Du Närrin“, schalt sie sich. „Du bist doch sonst nicht so leicht zu erschrecken.“

Ein Räuspern ließ sie jedoch Sekunden später erneut erschauern und dann erblickte Muriel sie. Eine feenhafte Gestalt, nicht größer als ein Kind von etwa sechs oder sieben Jahren. Das Wesen trug ein weißes Gewand und auf den goldblonden Locken ruhte ein Kranz aus zartrosa Blüten. Muriel wusste sofort, dass sie einem Ajinn gegenüber stand. 

In Osej waren Ajinn kleinwüchsige Halblinge, halb Mensch, halb Fee. Sie lebten in Wäldern und waren äußerst scheue Geschöpfe. Nur selten traf man sie in Städten oder Dörfern an. Und nun stand Muriel mit dem Baby auf dem Arm einem solchen Wesen gegenüber. 

„Hab ich dich sehr erschreckt? Wenn ja, dann tut es mir leid!“, mit einem scheuen Lächeln schaute die Gestalt zu der Hebamme auf. „Ich bin Mirial. Ich sehe dir an, dass du Hilfe brauchst.“

„Nein …. Ja, doch, die brauche ich“, stotterte Muriel. Konnte sie sich diesem Ajinn anvertrauen? Andererseits, hatte sie überhaupt eine andere Wahl?

„Ich suche für diese Nacht einen Unterschlupf für das Kind. Es ist außerdem hungrig“, sagte Muriel. Ihr war es gar nicht wohl bei dem Gedanken, sich einer fremden Person auszuliefern. Unter ihrem langen Gewand wurde ihr ganz heiß.

„Folge mir!“, bat Mirial. „Ich weiß ein gutes, sicheres und vor allem trockenes Versteck. Und mit etwas Milch kann ich auch dienen. Sei unbesorgt, ich tue keinem etwas zuleide und stelle auch keine Fragen.“

Die Hebamme folgte Mirial immer tiefer in den Wald. Dann blieben sie vor einem dicken Baum stehen, dessen Äste kreuz und quer in alle Himmelsrichtungen ragten.

„Und wo ist nun das Versteck?“, fragte Muriel.

„Hier, im Lichterbaum. Warte einen Moment, dann wirst du es sehen.“ Mirial begann zu singen, leise und lieblich klang die Melodie, die Muriel tief unter die Haut ging. Es dauerte nur wenige Augenblicke, da kam mit lautem Summen ein Schwarm Käfer angeflogen und das Ungewöhnliche an ihnen war das Licht, das sie verströmten.

„Leuchtkäfer“, sagte Mirial.

Gemeinsam mit der Hebamme schaute sie zu, wie sich die Käfer auf der Rinde des Baumes niederließen. Und dann erschien im Stamm eine Tür, die vorher nicht da gewesen war. Muriels Atem setzte aus. Das grenzte doch fast schon an Zauberei.

Mirial öffnete die Tür und winkte Muriel zu sich heran.

„Keine Angst. Komm, hier drinnen ist es warm genug für das Kind. Niemand wird es finden. Ich werde es versorgen und beschützen, bis du kommst und es wieder holst.“   

Und so legte Muriel den kleinen Jungen, eingehüllt in ihren weißen Umhang, auf ein Bett aus Moos und wartete, bis Mirial die Tür wieder schloss. Zum Abschied sagte sie noch einmal mit ernster Stimme: „Ich warte hier so lange auf dich, bis du wieder kommst.“

 

Etwas unwohl war es Muriel schon zumute, als sie ging. Ab und zu schaute sie zurück, sah die Lichter der Käfer in der beginnenden Abenddämmerung immer kleiner werden und fragte sich, ob sie richtig gehandelt hatte.

Zuhause in ihrer Hütte verfiel sie sofort ins Nachdenken. Sie fand eine Lösung und verwarf sie wieder. Dann kam ihr eine Alternative zum vorherigen Gedanken in den Sinn, bis sie auch diese verwarf. Kurz nach Mitternacht war ein Entschluss gereift. Nun wusste sie, was sie zu tun hatte. Es war ein Ziel, das keinen Aufschub duldete, auch wenn dabei der Weg zwangsläufig zu den verfeindeten Nachbarn, den Smela-Hexen, führte. Und auch, wenn es draußen stockfinstere Nacht war und ihr entsprechend unheimlich zumute. Umso besser, dachte Muriel, dann kann ich wenigstens sicher sein, dass ich unbemerkt an mein Ziel komme. Für diese Reise nahm sie ihren Hexenbesen, so sparte sie außerdem noch Zeit.

Sie ließ Sidoc hinter sich zurück, überflog den Fluss Trey und erreichte Smela. Muriel war froh, dass der Mond schien, und ihr den Weg zu Aurelis Häuschen wies. Auch sie war Hebamme und wunderte sich über die nächtliche Besucherin.

Die beiden Hexen führten ein langes Gespräch und als sie sich im Morgengrauen trennten, wog die Last auf Muriels Schultern nur noch die Hälfte.

Alex

 

Ich lebe, obschon ich tot bin,

aber auch der Tod ist Leben

 

Dass er anders war, spürte Alex zum ersten Mal so richtig im Kindergarten. Er war gerade vier und sah mit seinen fast schulterlangen schwarzen Locken eher wie ein Mädchen aus. Aber das schien niemanden zu stören, genausowenig wie die leichte Tönung seiner Haut. Es waren vielmehr seine schrägstehenden großen grauen Augen, die die Aufmerksamkeit der anderen Kinder erregten. Sie fürchteten sich anfangs sogar vor ihm und auch die Erwachsenen schauten ihn so komisch an. 

Als man sich an sein „Aussehen“ gewöhnt hatte, luden ihn die Kinder sogar zu Geburtstagen ein. Jedoch seine Eltern erlaubten es nicht, auch nicht, dass er andere Kinder mit nach Hause brachte. Den Grund erfuhr er nicht. So wurde er zum Außenseiter. Einziger Spielgefährte war Lucas, ein gleichaltriger blinder Junge aus der Nachbarschaft, den Alex vor zwei größeren Jungen beschützte.

Als er sechs war, fragte er immer häufiger nach seinen Großeltern, die er ja noch nie gesehen hatte. Sein Vater sagte lediglich: „Die wohnen weit weg.“

Aber unter „weit weg“ hatte er sich als Kind rein gar nichts vorstellen können und daher gemeint:  „Dann besuchen wir sie doch mal oder sie uns.“

„Das geht nicht.“

„Warum nicht, Papa?“

Alex blieb hartnäckig. Er wollte einfach nur Großeltern haben, genauso wie die anderen Kinder im Kindergarten auch.

„Sie wohnen im Himmel“, erklärte ihm dann seine Mutter und Alex hatte daraufhin fürchterlich geweint. Das einzige Mal in seinem bisherigen Leben.  

 

Als er sieben war, zogen sie von Kiel nach Dortmund, wo er eingeschult wurde. Auch hier starrten ihn die Leute anfangs so an, als wäre er ein Außerirdischer. Das Lernen fiel ihm leicht und mehr noch: es machte sogar Spaß. Es dauerte nicht lange und er war Klassenbester. Das wiederum gefiel den Eltern und den Lehrern. Freunde brachte ihm der neu erworbene Ruhm allerdings nicht ein. In den Augen der Klassenkameraden war er ein Streber und Liebling des Klassenlehrers. Als Folge hiervon wurde Alex wieder zum Einzelgänger, was ihn allerdings diesmal überhaupt nicht störte. Er malte, las gerne, spielte allein und war sich selbst genug.

Zwei Jahre später packte die Familie abermals Kartons und Alex wusste Bescheid. „Warum ziehen wir wieder um?“, fragte er.

„Dein Vater will es so, und weil wir eine Familie sind, gehen wir mit.“

Beim nächsten Wohnungswechsel fragte er nicht mehr nach dem Warum. Trotzdem dachte er immer öfter darüber nach, was seine Eltern, an denen er zwar nicht gerade mit großer Liebe hing, dazu veranlasste, ständig umzuziehen. Vor allem seine Mutter kam ihm in letzter Zeit sehr unruhig vor. Sie schien gehetzt. So, als fürchtete sie sich vor etwas.

 

Als Alex vierzehn war, verliebte sich ein gleichaltriges Mädchen in ihn. Sie hieß Ines und hatte bereits einen Verehrer. Den eifersüchtigen Paul aus der 10. Klasse. Der lockte Alex eines Tages in einen Hinterhalt und ging mit einem Freund auf ihn los. Doch das bereuten beide später bitter, denn Alex entwickelte plötzlich ungeahnte Kräfte.  Stärken, von denen er bisher nichts geahnt hatte und deren Ausmaß ihn selbst erschreckte.

Beinahe wäre er von der Schule geflogen, hätte Paul nicht rechtzeitig dem Direktor gebeichtet, dass er die Prügelei angestiftet hatte. Danach waren die beiden älteren Jungen zahm wie Lämmer. Ines hingegen himmelte Alex noch mehr an als vorher.

Ihre tolle Figur und ihr hübsches Gesicht ließen ihn hingegen kalt. 

Und dann zogen sie nach Berlin, für ganze zwei Jahre.

 

Eines Tages kam Ansbert, sein Vater, nach Hause und war ganz aufgeregt. Ohne große Vorrede schickte er Alex, der gerade mit seiner Mutter im Wohnzimmer vor dem Fernsehapparat saß, aus dem Raum. Doch der war längst kein kleiner Junge mehr, den man einfach fortschickte, und so lauschte er an der Tür. Er hörte, was wohl nicht für seine Ohren bestimmt war. 

„Es ist wieder einmal soweit, Agneß. Stell dich auf unsere Abreise ein.“

„Und was sagen wir dem Jungen, wenn er diesmal fragt?“

„Dass ich meine Arbeit verloren habe und mir etwas Neues suchen muss.“

„Alex ist sechzehn. Dass wir wegen deines Jobs die Stadt verlassen müssen, wird er uns nicht mehr abkaufen. Arbeit gibt es hier für jemanden wie dich in Hülle und Fülle. Wie lange wollen wir ihm noch etwas vormachen?“  

Und dann sagte seine Mutter noch etwas, das Alex nicht nur ein Rätsel aufgab, sondern auch einen Schauer über den Rücken jagte.

„Ach Ansbert, ich habe Angst. Wie lange werden wir dieses falsche Leben noch durchhalten können? Meinst du nicht, dass Alex endlich alles erfahren sollte?“

 

Alex wartete erst gar nicht, bis sein Vater antwortete, sondern verzog sich rasch auf sein Zimmer. Hier stimmte etwas nicht. Hüteten seine Eltern etwa ein dunkles Geheimnis? Das würde womöglich auch die vielen Wohnungswechsel erklären. Er musste unbedingt herausfinden, was sie vor ihm verheimlichten und was er endlich wissen sollte. Eine günstige Gelegenheit schien der Donnerstag zu sein. An diesem Tag kamen seine Eltern erst nach 18 Uhr heim.

Zuerst suchte Alex im Wohnzimmer nach Hinweisen. Der Schrank enthielt lediglich Geschirr. In den Schubladen lagen Zeitschriften, Bedienungsanleitungen von Geräten und Prospekte. Auf dem Schreibtisch lag Papas Notebook. Rechts in der Ecke stand ein Bild mit Alex und den Eltern. Es war am Tage seiner Einschulung aufgenommen worden. Links daneben ein Glas mit Kugelschreibern und eine Box mit leeren Notizzetteln. Das Telefon befand sich in der linken Ecke auf dem Schreibtisch. Auch in den beiden Schubladen lag nichts, was Alex verdächtig vorkam. Nicht einmal ein Geheimfach oder eine abgeschlossene Tür gab es hier.

Der Kommode aus Buchenholznachbildung, über der das Bild einer unbekannten Landschaft hing, galt als nächstes seine Aufmerksamkeit. Vorsichtig öffnete er die beiden rechten Türen. Dahinter stapelten sich Music-CDs, Computersoftware und Programme. Der Inhalt der vier Schubladen und das, was sich hinter der einzelnen Tür links verbarg, enttäuschten ihn. Es deutete nichts auf ein düsteres Geheimnis. Blieb zuletzt nur noch das Bücherregal. Seine Mutter war eine eifrige Leserin, doch Alex glaubte nicht, dass er hier etwas finden würde.

 

Er nahm sich also noch das Schlafzimmer vor. Im Schrank waren nur Kleider und Schuhe, und auf einem runden Tischchen, über dem ein Spiegel hing, stand Mutters Schmuckschatulle und einige Flakons mit Parfüm. Nichts. Einfach nichts zu finden. Kein Geheimnis, trotzdem blieb alles geheimnisvoll, weil er nichts fand. Nicht einmal ein einziges Bilderalbum. Außer dem Bild auf dem Schreibtisch gab es kein einziges Foto und er konnte sich auch nicht erinnern, dass seine Eltern jemals welche gemacht hatten. 

Aber warum?

Drei Wochen später packten sie die Umzugskartons. Alex half mit großem Interesse mit. Vielleicht war ihm ja doch etwas beim Durchsuchen der Wohnung entgangen und kam nun zum Vorschein. Aber er hatte Pech. Nichts Offensichtliches trat zutage, lediglich sein Gefühl sagte Alex, dass hier etwas nicht stimmte. Es musste einen Grund für das merkwürdige Verhalten seiner Eltern geben. Und eines Tages würde er es herausfinden.

   

Sein Vater fuhr später die zerlegten Möbel und die Kartons allein mit einem geliehenen Lieferwagen hunderte von Kilometer in die neue Wohnung. Alex und seine Mutter übernachteten währenddessen in einer Pension, bis Ansbert zurückkam. Dann packten sie den Rest ihrer Habe und verstauten sie im Kofferraum ihres Wagens. Um 22:00 Uhr begann ihre Reise. 

 

Alex trauerte Berlin genauso wenig nach wie Kiel, Dortmund, Kassel, Frankfurt oder Hamburg. Er hatte sich ohnehin nirgendwo so richtig zuhause und dazugehörig gefühlt, und würde ganz bestimmt auch keinen nachhaltigen Klang hinterlassen, außer vielleicht bei seinen Lehrern, die mit seinen Leistungen immer sehr zufrieden waren. 

 

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Sie waren schon seit drei Stunden unterwegs, hatten viel geredet, doch in den letzten dreißig Minuten kein einziges Wort mehr gesprochen. Alex war darüber ganz froh, denn das Gerede seiner Eltern nervte ihn manchmal tierisch. Aber nicht nur das Gerede, sondern auch das, was sie taten. Und sie taten es immer wieder. Sie zogen ständig um.

Während draußen in der Dunkelheit die Landschaft an ihnen vorbeizog, war Alex mit seinen Gedanken weit weg.

 

Erst die Stimme seines Vaters holte ihn wieder in die Gegenwart zurück. „Was ist?“, fragte er und scheuchte letzte Erinnerungsstücke beiseite. „Ich sagte, in fünf Kilometern kommt eine Raststätte. Wollen wir dort anhalten und etwas essen?“

„Ich habe keinen Hunger“, antwortete Alex gleichgültig.  „Wann sind wir endlich in Schwetzingen? Wo liegt dieses Kaff überhaupt?“

„In Baden-Württemberg. Nicht weit von Mannheim entfernt. Das wirst du doch kennen, nehm ich an.“

Alex antwortete nicht, sondern starrte nur hinaus in die Dunkelheit. 

Zwei Wagen fuhren gerade mit hoher Geschwindigkeit an ihnen vorbei und er wünschte sich, dass sein Vater ebenfalls etwas fester auf das Gaspedal drücken würde, damit sie endlich am Ziel wären. 

 

Letztendlich einigten sie sich auf die Raststätte, die um diese Uhrzeit kaum Gäste beherbergte. Der Kaffee schmeckte fade und die Brötchen waren recht zäh und nur mit reichlich Flüssigkeit genießbar. Dreißig Minuten später saßen sie wieder im Auto und fuhren weiter Richtung Süden.

Alex, der während der Rast nichts gesprochen hatte, versank wieder in seinen Erinnerungen und fragte sich zum wiederholten Male, was für ein Geheimnis seine Eltern vor ihm verbargen.

Betraf es nur ihn oder die ganze Familie? 

 

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Am Morgen des ersten Schultages nach den Osterferien stand Alex recht früh auf, obwohl er einen wesentlich kürzeren Schulweg hatte als in Berlin. Zwei Wochen wohnten sie nun schon in Schwetzingen, das ihm im Vergleich zu den anderen Städten, in denen er bisher gewohnt hatte, wie ein Dorf erschien.

 

Agneß und Ansbert Lohenstein saßen bereits am Frühstückstisch, als Alex in die geräumige Küche kam. Nach einem kurzen „Morgen“ setzte er sich und griff nach einem Brötchen. Die Mutter goss Kaffee in seine Tasse und fragte: „Bist du schon aufgeregt?“

„Nö. Wovor denn? Ist ja nicht der erste Schulwechsel.“

„Papa fängt heute mit der neuen Arbeit an.“

Als Alex schweigend in sein Brötchen biss und keine Anstalten machte, etwas zu sagen, fragte die Mutter: „Willst du gar nicht wissen, was er macht?“

„Nun lass den Jungen doch, Agneß. Allmählich solltest du wissen, dass unser Sohn sich nicht für meine Arbeit interessiert. Hauptsache das Geld stimmt, mit dem wir seine neuen Schulbücher bezahlen und die Kleidung und was er sonst noch so braucht.“

Alex schaute mit ausdrucksloser Miene zu seinem Vater. „Wenn ich euch auf der Tasche liege, dann müsst ihr es nur sagen. Ich kann neben der Schule auch jobben gehen.“

„Alex!“, rief seine Mutter. „Papa hat es nicht so gemeint.“

„Doch, das habe ich“, erwiderte Ansbert. „Und die Idee mit einem Job finde ich gut. Kann der Junge gleich in den nächsten Ferien mal ausprobieren. Dann weiß er, was Arbeit ist. Hier rührt er keinen Finger, selbst sein Zimmer wird sauber gemacht. So, ich muss fort.“

Ansbert verabschiedete sich und verließ die Küche. Wenig später fiel die Wohnungstür ins Schloss.

Alex schaute mit finsterem Blick vor sich hin, bis seine Mutter sagte:

„Du könntest ruhig mal ein bisschen Interesse für Papas Arbeit zeigen.“

„Wozu, Mama? Er interessiert sich ja auch nicht für das, was ich in der Schule mache.“

„Papa arbeitet bis abends. Da hat er keinen Kopf mehr für andere Dinge. Aber er fragt mich immer, was die Schule macht.“

„Dafür kann ich mir nichts kaufen.“ Alex stand auf und verließ wortlos den Raum. Im Bad wusch er seine Hände und betrachtete sein Spiegelbild. Wie schon sooft bemerkte er die mangelnde Ähnlichkeit zu seinen Eltern. Sie waren beide dunkelblond und hatten braune Augen. Mit einer raschen Handbewegung fuhr er sich durchs kurze schwarze Haar, das vorn etwas länger war und ihm ständig in die Stirn fiel. Er presste seine Lippen hart aufeinander und seine grauen Augen starrten ihm kalt entgegen.

„Wer bist du?“, fragte er sein Spiegelbild. Das Gefühl, anders zu sein als die Menschen um ihn herum, hatte er schon seit der Kindergartenzeit und es hatte sich von Jahr zu Jahr immer mehr verstärkt. Und dann war da noch etwas: der irre Glaube, nicht in diese Welt zu gehören. „Was verbergen meine Eltern vor mir und was sollte ich endlich erfahren?“

Von der Badezimmertür her hörte er die Stimme seiner Mutter.

„Alex, jetzt ist es aber höchste Zeit. Du kommst sonst an deinem ersten Schultag zu spät.“

 

Den Weg zum Hebel-Gymnasium kannte Alex inzwischen. Er lief die Lindenstraße, in der er wohnte, entlang bis zum Schlossplatz und auf der Carl-Theodor-Straße Richtung Bahnhof. Bei der Unterführung traf er auf eine ganze Gruppe von Jugendlichen, die etwa sein Alter haben mussten. Da er keine Lust hatte, sich mitten unter die krakelenden Schüler zu mischen, ließ er ihnen den Vormarsch und schlenderte gelassen in einigem Abstand hinter ihnen her.

 

In der Schule angekommen, fand er mühelos das Sekretariat und fünf Minuten später ging er an der Seite des Rektors, Herrn Fischer, über die langen Flure, bis sie vor einem Klassenzimmer stehen blieben.

Etwas gelangweilt ließ Alex die Vorstellung seiner Person in der Klasse an sich vorbeiziehen. Die Blicke und das Getuschel einiger Schüler entgingen ihm dabei allerdings nicht. Schließlich kam er neben Leon, einem pummeligen Jungen mit rotblondem Haar, zu sitzen.

Die ersten Tage in einer neuen Schule waren für Alex immer die schlimmsten, weil in jedem Bundesland der Lehrplan anders war. So freute er sich, als er nach der letzten Stunde das Gymnasium verließ. Nach einer kurzen Wegstrecke hielten ihn plötzlich zwei Klassenkameraden an. Es war sein Banknachbar Leon und Moritz, der hinter ihnen saß. 

„Haste mal ne Zigarette?“, fragte Moritz und grinste.

Alex schüttelte den Kopf und sagte monoton: „Nein, ich rauche nicht.“

„Verbieten dir wohl deine Eltern, he?“

„Deine scheinen jedoch nichts dagegen zu haben, dass du dich mit dem Zeug vergiftest“, antwortete Alex spöttisch.

„Bist sicher ein ganz braves Söhnchen“, sagte Moritz in einem Ton, bei dem Alex sich nun doch etwas angegriffen fühlte. Er hoffte nur, dass der andere Junge ihn nicht soweit reizte, dass er so ausrastete, wie damals, als zwei ältere Schulkameraden ihn in einen Hinterhalt gelockt hatten. 

„Hast bestimmt auch noch nie gekifft. Die meisten aus der Klasse machen das. Solltest du auch, wenn du dazugehören willst.“

„Lass ihn doch in Ruhe, Moritz!“, rief Leon. Und zu Alex gewandt: „Lass dich von ihm nicht ärgern. Das macht er mit allen, die hier neu sind.“

„Was hast du denn schon zu melden, Rotkopf!“, erwiderte Moritz. „Ich glaube, ihr beide passt ganz gut zusammen. Dann tschüss, bis morgen.“

Als Moritz außer Hörweite war, sagte Leon: „Du darfst Moritz Geschwätz nicht persönlich nehmen. Er ist eigentlich nicht so, wie er sich eben aufgespielt hat.“

„So? Wie ist er denn?“

„Naja, seine Eltern sind geschieden und er lebt beim Vater. Der trinkt gerne mal einen über den Durst und lässt Moritz machen, was er will. Seine Mutter ist mit einem Ami abgehauen. Irgendwie lässt Moritz dann an uns seinen Frust ab, aber wenn‘s drauf ankommt, hast du in ihm einen guten Kumpel.“

Alex lachte etwas bitter. „Hoffen wir, dass es nie passiert, dass es halt nie „drauf ankommt“. Wohnst du hier?“

„Nö, in Ketsch. Und du?“

„Ich wohne seit zwei Wochen hier. Und nun muss ich los.“ Alex ging weiter. Er wollte sich eigentlich nicht länger mit Leon unterhalten, doch dieser trabte neben ihm her und fragte: „Vielleicht können wir irgendwann nach der Schule mal was zusammen unternehmen?“

„Ja, vielleicht“, antwortete Alex gelangweilt.

„Wäre cool. Bis zum Bahnhof haben wir den gleichen Weg. Von dort aus fahre ich mit dem Bus.“

Schweigend gingen sie weiter und trennten sich erst nach der Unterführung.

Alex erschrak, als hinter ihm jemand rief: „Hi, bist du nicht der Neue aus der Zehn?“

Er drehte sich um und stand zwei Mädchen gegenüber.

„Wer will das wissen?“, fragte er.

„Na Elena und Cosima, das bin ich. Die Mädchen aus deiner Klasse haben in den Pausen nur von dem Typ mit den schrägen Augen geredet. Das hat mir meine Schwester Lena erzählt. Die geht auch in die Zehn.“

Alex Gesichtsausdruck blieb unbeweglich, obwohl diese Cosima ihn anlächelte. Zugegeben, sie war ein schönes Mädchen mit langen blonden Haaren, und ihre blauen Augen konnte er ebenfalls nicht übersehen. Aber sie war nicht sein Typ.

Dass die meisten Leute ihn anfangs angafften wie ein Wesen von einem anderen Stern, kannte er ja schon.

Doch alle, die öfter mit ihm zu tun hatten, würden sich daran gewöhnen. So war es ja überall gewesen. Als er in Dortmund eingeschult wurde, hatte ihn ein Mädchen sogar gefragt, ob er Chinese sei. Damals hatte Alex gelacht und gesagt: „Nö, ein Deutscher.“

Heute war er sich da nicht mehr so sicher. Aber ein Asiate war er nicht.

 

Alex machte Anstalten, weiter zu gehen, als die blonde Cosima fragte:

„In welcher Straße wohnst du? Vielleicht können wir ein Stück zusammen gehen.“

Dazu hatte er allerdings keine Lust, sagte aber dennoch: „Lindenstraße. Aber lasst euch nicht aufhalten. Ich brauche keine Begleitung.“

„Aber …“, begann Cosima, wurde jedoch von dem anderen Mädchen unterbrochen: „Lass ihn doch, merkst du nicht, dass der nichts mit uns zu tun haben will?“

Erst jetzt nahm Alex Elena aus den Augenwinkeln heraus zur Kenntnis.

Ihre zierliche Gestalt, die etwa einen halben Kopf kleiner war, als die des anderen Mädchens, und ihre braunen kinnlangen Locken. Dann sah er direkt in ihre braunen Augen und fühlte fast körperlich, dass sie erschrak. Trotzdem hielt er ihren Blick für einen Moment fest, während Cosima weiter redete und schließlich fragte, wo er denn vorher gewohnt hätte. 

„Berlin“, antwortete er knapp. Dann wandte er sich abrupt von Elena ab und hörte sie Sekunden später mit vibrierender Stimme sagen: „Nun komm schon, Cosi.“

Alex hörte zwar, dass Cosima noch etwas sagte, aber er verstand nicht was, weil gerade ein Bus an ihnen vorbeifuhr. Ohne noch einen Blick auf die Mädchen zu werfen, überquerte er die Straße und ging Richtung Schloss davon.

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Zuhause angekommen, wartete bereits seine Mutter auf ihn und fragte noch im Flur: „Und wie war dein erster Schultag?“ 

„So, wie jeder erste Tag in einer neuen Schule“, murmelte er.

„Dass du mir nie eine normale Antwort geben kannst, Alex.“

„Was willst du denn hören, Mutter?“

„Entweder gut oder schlecht. Das würde mir schon genügen.“

„Gibst du mir denn eine normale Antwort, wenn ich dich frage, warum wir ständig umziehen müssen? Und warum ich früher niemals Spielkameraden mit nach Hause bringen durfte?“

Alex schaute seine Mutter an. Würde sie ihn belügen oder endlich das sagen, was er wissen sollte?

Doch sie sagte lediglich: „Lass deinem Vater und mir noch etwas Zeit, bitte.“

„Wie viel Zeit braucht ihr?“

Seine Mutter gab ihm darauf keine Antwort und sagte stattdessen: „Komm in die Küche essen, bevor noch alles kalt wird.“

Ärger begann in Alex zu brodeln. Er spürte die Wut wie aufkochendes Wasser in seinem Hals, ballte die Fäuste und fegte im nächsten Augenblick den erstbesten Gegenstand, der auf dem Flurschrank stand, zu Boden. Es war eine Porzellanvase mit Flieder, die in tausend Scherben zersprang. 

„Verflucht nochmal, ich will endlich wissen, was für ein Geheimnis ihr vor mir habt“, brüllte er. „Und essen kannst du ohne mich.“

Er drehte sich um, rutschte beinahe auf der Wasserlache aus und stürmte aus der Wohnung. Hinter ihm knallte die Tür hart ins Schloss.

 

Elena

Elena saß über ihren Hausaufgaben, aber sie konnte sich nicht so richtig darauf konzentrieren, weil sie an die Begegnung mit diesem seltsamen Jungen denken musste.

Ihre Gedanken kehrten zur letzten Schulpause zurück …

 

Elena stand mit ihrer Freundin an einem der Flurfenster, als Lena, Cosimas ältere Schwester, zu ihnen stieß.

„Habt ihr schon gehört, dass wir einen Neuen in der Klasse haben?“, fragte sie ohne Umschweife.

„Nö, es kommen doch immer wieder mal Neue zu uns“, antwortete Cosima.

„Stimmt, aber nicht so einer wie der.“

„Jetzt machst du uns aber neugierig, Schwesterherz“, sagte Cosima.

„Also erzähl schon.“

„Er heißt Alex, ist groß, schlank und hat schwarze Haare. Aber das Merkwürdige an ihm sind die Augen, sie stehen schräg. Zuerst dachte ich, und ich glaube, die anderen in der Klasse auch, dass er ein Ausländer ist, aber Alex hat gesagt, er sei Deutscher. Sieht aber gut aus. Man muss sich nur erst an sein Gesicht gewöhnen.“

„Den schaue ich mir mal aus der Nähe an“, sagte Cosima, als sie zurück ins Klassenzimmer gingen. Elena zog es allerdings vor, darauf nicht zu antworten.

Später auf dem Heimweg, sie hatten gerade die Bahnunterführung hinter sich gelassen, schubste Cosima Elena an und flüsterte: „Schau mal vor uns. Ist zwar nur von hinten zu sehen, aber ich glaube, das könnte der Neue sein, dieser Alex. Den quatschen wir jetzt einfach an.“

Elena hielt sie zurück. „Komm, lass das.“

Aber Cosima dachte nicht daran. Sie lief etwas schneller und rief: „Hi, bist du nicht der Neue aus der Zehn?“

„Wer will das wissen?“, fragte der Angesprochene. In Elenas Ohren klang diese Frage allerdings ziemlich unfreundlich und abweisend. Das musste Cosima doch auch gehört haben, aber sie fing gleich ohne Umschweife an, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Elena sah sein Gesicht zwar nur von der Seite, konnte ihn aber trotzdem genau beobachten. Das war leicht, denn er schenkte ihr keine Beachtung. Sie kannte ihre Freundin viel zu gut und wusste, dass sie es prima verstand, die Aufmerksamkeit eines Jungen, der ihr gefiel, auf sich zu lenken. Und dieser schien ihr zu gefallen, denn sie lächelte ihn auf eine Art an, die Elena als pure Anmache bezeichnete.

Und Alex? Der antwortete zwar auf Cosimas Fragen, doch er schien nicht auf ihr Geflirte anzusprechen, denn sein Gesicht blieb ausdruckslos. Das war schon ungewöhnlich, wenn man einem so hübschen Mädchen wie Cosima Hübner gegenüber stand.

Elena wurde das hier langsam zu dumm, deshalb sagte sie zu ihrer Freundin: „Lass ihn doch. Merkst du nicht, dass der nichts mit uns zu tun haben will?“ 

Im nächsten Augenblick fühlte sie sich beobachtet und erschrak heftig, als seine Augen völlig unverhofft die ihren trafen und sie wie hypnotisiert festhielten. Es war Elena, als blickte sie in zwei eisgraue Seen. Sie fror mit einem Male und fühlte Angst in sich aufsteigen. Sie wollte seinem Blick entkommen, aber es gelang ihr nicht. Wie aus weiter Ferne hörte sie Cosima sprechen, ohne jedoch ein Wort zu verstehen.

Und dann war dieser Augenblick so schnell, wie er gekommen war, vorbei, als Alex sich abrupt von ihr abwandte. Die Angst verflog, als wäre nichts gewesen und die Kälte, die sie eben noch gespürt hatte, war gewichen, als hätte es sie nie gegeben. Nur das Hämmern in ihrem Innersten blieb und da war noch ein Gefühl, für das sie im Moment noch keinen Namen hatte.  

Elena sah zu ihrer Freundin und sagte mit vibrierender Stimme:  „Nun komm schon, Cosi!“

„Ist dieser Typ nicht schnuckelig?“, fragte Cosima, als sie wenig später die Berliner Straße entlang gingen. „Und hast du seine Augen gesehen? So asiatisch, oder?“

„Die Asiaten haben Schlitzaugen, keine schrägen“, antwortete Elena.  

„Ist doch egal“, winkte Cosima ab. „Aber wie findest du ihn?“

„Er ist so … so eigenartig, ziemlich abweisend und er macht mir irgendwie angst. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass er nicht an uns interessiert ist.“

Cosima meinte lachend: „Vielleicht nicht an dir, aber ich werde ihn schon dahin bekommen, wo ich ihn hinhaben will.“

Elena war ganz froh darüber, dass der kurze Blickkontakt mit Alex der Freundin offensichtlich entgangen war. So wechselte sie nun das Thema, indem sie fragte: „Was ist mit Boris? Du weißt, wie eifersüchtig er ist.“

„Das ist sein Problem. Außerdem habe ich ihm gar nichts versprochen.“

„Wie leicht du das alles nimmst, Cosi.“

„Ist es doch auch. Ich bin halt nicht so ernst wie du und überlege erst lang und breit, ob ich was tun will oder es lieber sein lasse.“

Elena kannte Cosima, die von ihren Eltern alles bekam, was sie sich wünschte. Die Freundschaft mit ihr war nicht einfach, und wurde ständig harten Prüfungen unterzogen. Oft gab es Streitereien, doch sie hatten sich am Ende wieder vertragen.

 

Elena erschrak, als es an ihre Zimmertür klopfte. Die Mutter schaute herein und fragte: „Kommst du zum Kaffeetrinken?“

„Nö, Mami. Ich habe noch zu arbeiten.“

„Dass die Lehrer euch gleich am ersten Tag nach den Ferien so viele Hausaufgaben aufgeben, verstehe ich einfach nicht. Ich habe Rhabarberkuchen, soll ich dir ein Stück aufheben?“

„Ja.“

„Gut, dann will ich dich nicht weiter stören.“

Elena schaute wieder auf das leere Blatt Papier. Endlich gelang es ihr, die Gedanken an ihre erste Begegnung mit Alex beiseite zu schieben und sich auf die Hausaufgaben zu konzentrieren. Zum Glück war auch ihre innere Unruhe verschwunden.

Zum Abendessen kam Elenas Vater, Cornelius Lanner, etwas später. Er streckte kurz den Kopf zum Esszimmer herein und sagte lächelnd:

„Hallo, meine beiden Schätze, entschuldigt, dass ich mal wieder nicht pünktlich bin.“ Dann verschwand er wieder und setzte sich Minuten später an den Tisch.

„Kurz vor Schluss“, erzählte er, „kamen noch zwei Notfälle in die Praxis. Da konnte ich ja schlecht nein sagen.“

„Schon gut. Bei mir war es heute Mittag genauso“, antwortete die Mutter, „Eine Kindergärtnerin kam mit einem Jungen, der sich beim Raufen verletzt hatte, gerade als ich die Vormittagssprechstunde beenden wollte.“

„Und du, Elena? Wie war der erste Tag nach den Ferien?“

„Ach Papa, das fragst du mich jedes Mal. Es war ganz gut. Wie immer nach den Ferien haben wir gleich jede Menge Hausaufgaben aufgebrummt bekommen.“

„Das macht doch meinem Mädchen keine Mühe, oder?“

Der Vater lachte fröhlich und Elena ließ sich davon anstecken. Sie liebte ihre Eltern. Papa war Neurologe in einer Gemeinschaftspraxis und ihre Mutter Kinderärztin. Aber sie arbeitete nur halbtags.

„Nö, Paps, Lernen macht mir Spaß. Morgen Nachmittag gehen die Proben für unser Klassikkonzert weiter. Bitte, nehmt euch nichts vor für den fünfzehnten Juni.“

„So! Was ist denn da?“, fragte Cornelius und Elena sah die Lachfalten in seinem Gesicht.

„Ach Paps, willst mich veräppeln. Du weißt doch, dass da unser Auftritt ist.“

Seit zwei Jahren war Elena im Pop- und Klassikorchester des Hebel-Gymnasiums und spielte Querflöte. Bei dem letzten Konzert im vorigen Jahr konnte sie nicht mitmachen, weil sie vierzehn Tage vorher plötzlich eine Blinddarmentzündung bekommen hatte und ins Krankenhaus musste.

„Natürlich richten wir es uns ein“, versprach er und die Mutter stimmte ihm zu.

 

Elena, die in den letzten Stunden erfolgreich den kurzen Blickkontakt mit Alex verdrängt hatte, träumte in der Nacht wirres Zeug. Alex verfolgte sie und Cosima im Schlossgarten und es war niemand da, der ihnen helfen konnte. Schließlich retteten sie sich auf den Merkurturm. Von oben schaute Elena, die im Traum jetzt völlig allein war, in die Tiefe und sah ihn dort stehen. Plötzlich verzog sich sein Gesicht zu einer hässlichen Fratze und aus seinen Augen sprühte Feuer zu ihr nach oben.

Am ganzen Körper zitternd wachte sie auf. Elena knipste ihre Nachttischlampe an und schaute auf die Uhr. Es waren noch über zwei Stunden bis zum Aufstehen. Sie ließ das Licht brennen und versuchte, diesen Traum aus ihrem Kopf zu bekommen. Was hatte er zu bedeuten? Vielleicht gar nichts und ihre Abneigung gegen Alex, den sie zwar erst einmal gesehen hatte, hatte Früchte getragen und sie dann bis in den Schlaf verfolgt. Irgendwann fiel sie aber doch noch in einen leichten Schlummer und wachte erst wieder auf, als der Wecker klingelte.

 

Cosima wartete schon vor dem Haus, als Elena in die Liselottestraße einbog. „Ich dachte schon, du hast verpennt“, begrüßte sie die Freundin. „Gleich in der ersten Stunde Mathe. Das Fach könnte von mir aus gestrichen werden.“

„Ich glaube, wenn’s nach dir ginge, Cosi, müssten noch mehr Fächer abgeschafft werden.“

„Du sagst es. Dir fällt das Lernen eben leichter als mir und wenn meine Eltern nicht darauf bestanden hätten, wäre ich gar nicht aufs Gymnasium gegangen. Ich will sowieso nicht studieren, auch wenn Papa meint, ich müsste ja irgendwann seine Kanzlei übernehmen.“

„Also wenn ich studiere, dann Richtung Musik oder im sozialen Bereich. Meine Eltern bestehen nicht auf Medizin. Das will ich auch gar nicht.“

„Wohl klassische Musik? Heute Mittag probt ihr ja wieder.“

„Ja. Und weißt du was? Ich freue mich schon drauf.“

„Dann viel Spaß!“

Elena wusste, dass Cosima wenig übrig hatte für ihre Musikrichtung, auch wenn in ihrem Orchester die klassischen Stücke etwas auf modern gespielt wurden.

 

An der Bahnunterführung trafen sie auf eine ganze Horde Schüler und mischten sich darunter. Elena fiel es auf, dass Cosima sich ständig umdrehte und fragte: „Nach wem hältst du denn Ausschau?“

„Nach wem denn schon. Ich kann Alex nirgends sehen. Vielleicht ist er auch schon in der Schule.“

„Hi, Süße!“, hörte Elena eine Stimme im Hintergrund. Es war Boris, der im nächsten Moment neben Cosima herlief.

Boris war ein großer, schlanker und sportlicher Junge mit blondem Haar. Elena wusste, dass er seit einiger Zeit hinter Cosima her war. Zweimal hatte er sie bereits ins Kino eingeladen und mehrere Male ins Café Leisinger. Und immer hatte Cosima Elena angefleht, mitzukommen, weil sie nicht allein mit ihm sein wollte. Boris hatte zwar nichts gesagt, aber Elena konnte sich schon denken, dass es ihm nicht gepasst hatte.

Als Boris von einem anderen Jungen abgelenkt wurde, hakte sich Cosima bei Elena unter und zog sie rasch mit sich fort. 

„Komm Elena, wir müssen uns beeilen.“

„Sag Boris doch endlich, dass du nicht mit ihm gehen willst.“

„Der kapiert das einfach nicht. Er muss doch längst gemerkt haben, dass ich nix von ihm will. Manche Kerle stehen mächtig auf dem Schlauch. Irgendwann wird er es begreifen, verlass dich drauf.“

Davon war Elena nicht überzeugt.

 

Kurz darauf betraten sie das Schulgebäude und Elena sah auch sofort Alex und den rothaarigen Leon an einem der Fenster stehen. Hoffentlich entdeckte Cosima ihn nicht, dachte sie, und damit dies auch so blieb, steuerte sie zielstrebig mit der Freundin die Treppe an, die in das Obergeschoss führte. Kaum waren sie im Klassenzimmer, da läutete es auch schon zur ersten Stunde.

 

In den Pausen ging es Elena mächtig auf den Keks, dass Cosima ständig in der Gegend herumschaute und ihr kaum zuhörte. Sie vermutete, dass die Freundin Alex suchte. Zum Glück ohne Erfolg, wie sie sich heimlich eingestand, denn Alex war nirgendwo zu sehen. Auch am Mittag in der Mensa nicht. Nach dem Essen hatten sie noch eine Stunde Chemie und dann verabschiedeten sich die Freundinnen und Cosima machte sich auf den Heimweg.

 

Elena aber freute sich neben der Musikstunde auch auf einen Nachmittag ohne ihre Freundin, die manchmal schon recht anstrengend sein konnte. Bei den Proben lief alles gut und nach einer Stunde war sie auf dem Weg durch die Fußgängerzone. Ohne Cosi konnte sie sich mal in aller Ruhe das anschauen, was sie wollte. So betrachtete sie die Schaufensterauslagen und machte auch bei einem Buchladen halt, der draußen einige Tische mit Büchern stehen hatte.

Elena gab der Versuchung nach und durchstöberte die Bücher. Dabei vergaß sie alles um sich herum, bis sie auf einmal das Gefühl hatte, beobachtet zu werden. Das machte sie so nervös, dass das Buch, dessen Klappentext sie gerade lesen wollte, ihren Händen entglitt und auf den Boden fiel.

Als sie sich bückte, um es aufzuheben, griff schon eine andere Hand danach und reichte es ihr. Elena wollte sich gerade für diese freundliche Geste bedanken, da sah sie direkt in zwei graue, kalte Augen. Und genau wie am Tag zuvor war es ihr unmöglich, sich dem Blick von Alex zu entziehen. Obwohl die milde Aprilsonne warm auf ihren Rücken schien, fing sie trotz Jacke an zu frieren. Und hatte wieder diese Angst. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken, so sehr schämte sie sich für ihre Reaktion.

Er sagte etwas, aber sie verstand es nicht, weil seine Stimme von weit her zu kommen schien. Warum tat er das? Spürte er denn nicht ihre Furcht?

Dann wandte er rasch sein Gesicht von ihr ab und der Augenblick war vorüber. Der Bann gebrochen.

Er fragte: „Nun, suchst du etwas Bestimmtes?“

Innerlich immer noch aufgewühlt, antwortete sie leicht stotternd: „N … nein. Ich … ich mag Bücher und kann an keiner Bücherei vorbeigehen, ohne sie mir anzuschauen.“  

„Ich lese auch gerne“, hörte sie ihn sagen. „Alles, was mit Abenteuer zu tun hat. Du hattest noch Schule, stimmts?“

Elena fand den Ton, in dem er jetzt zu ihr sprach, warm und freundlich. Anders als gestern, wo er sich mit Cosima unterhalten hatte. 

Ihre innere Unruhe wich allmählich und sie ließ sich auf ein Gespräch mit ihm ein. Den Kontakt mit seinen Augen mied sie jedoch. 

„Ja, ich hatte noch Musik. Wir proben gerade für ein Schulkonzert im Juni.“

„Beim Klassikorchester?“

„Ja, woher weißt du das?“

„Steht doch groß am Brett angeschrieben. Und was spielst du da?“

„Querflöte. Magst du Musik?“

„Ja, aber ich höre sie mir lieber an.“

„Das mache ich auch gerne. Aber jetzt muss ich weiter.“

„Ich begleite dich ein Stück, wenn du nichts dagegen hast. Ich heiße Alex, aber das hat sich ja längst herumgesprochen.“

„Stimmt. Ich bin Elena.“

„Ich weiß. Du und dieses andere Mädchen, ihr habt mich gestern ja regelrecht angemacht.“

„Angemacht? Ist wohl ziemlich übertrieben. Cosima hat dich angesprochen, mehr nicht.“

„Und angemacht oder angehimmelt, nenn es wie du willst. Macht sie das bei jedem?“

„Ich glaube, da bildest du dir etwas ein, Alex. Cosima war nur freundlich.“

„Und neugierig. Das seid ihr alle, so, als wäre ich ein Ungeheuer.“

„Jetzt übertreibst du aber. Hat dich schon jemals einer so genannt?“

„Nein, die Blicke der Leute sprechen Bände, aber mich stört das schon längst nicht mehr. Komm, lass uns hier einen Kaffee trinken. Ich hab noch keine Lust auf Familie.“

 

Bevor Elena protestieren konnte, spürte sie seine Hand am Ellenbogen. Er schob sie zu dem noch freien Tisch vor dem Café. Es war zwar erst April, aber so mild, dass man am Nachmittag schon draußen sitzen konnte. Und plötzlich freute sie sich sogar auf seine Gesellschaft. Sie wusste selbst nicht, was in ihr vorging, aber sie wollte auch noch nicht nach Hause und setzte sich, während er den Kaffee holte.

In den nächsten zehn Minuten erzählte er von Berlin und den anderen Städten, in denen er schon gelebt hatte.

„Warum seid ihr so oft umgezogen?“

„Die Antwort auf diese Frage wüsste ich auch gerne.“ Er lachte auf und Elena glaubte, einen bitteren Beigeschmack dabei zu hören.

„Meine Eltern hüllen sich in Schweigen.“

Elena betrachtete sein Gesicht. Die schmalen Lippen hatte er fest aufeinander gepresst. Jedoch vermied sie weiterhin den Augenkontakt. Sie erschrak, als ein Stuhl über den Steinboden rutschte. Die Leute, die dort saßen, gingen, und gleich darauf sah Elena, dass sich zwei Männer an den nun freien Tisch setzten. Sie starrten zu ihnen herüber, vielmehr zu Alex. Elena wusste nicht, ob er die Männer auch bemerkt hatte. Sie wollte ihn gerade danach fragen, als er in völlig verändertem Tonfall sagte: „Ich muss gehen.“

Sie schaute ihm noch solange nach, bis er in die Kurpfalz-Passage einbog. Als sie ebenfalls aufstand, um heimzugehen, sah sie zufällig hinüber zum Nachbartisch.

Einer der Männer war verschwunden.

Die Beichte        

Alex schaute sich nicht mehr um, als er Elena ohne ein Wort der Entschuldigung am Tisch allein zurück ließ. Das war mehr als unhöflich, aber irgendetwas trieb ihn von ihr fort. Er wurde das Gefühl nicht los, dass es mit den beiden Männern zusammenhing, die an einem der Nachbartische saßen. Zwar war er es gewohnt, dass man ihn anstarrte, aber diese Situation hier war anders. Es war die Art, wie diese Kerle ihn begafften. Bei ihrem Blick lief es ihm kalt über den Rücken und sein rechtes Schulterblatt schmerzte, aus welchem Grund auch immer. Er hatte sofort gespürt, dass es keine harmlosen und neugierigen Passanten waren. Dieses Gefühl trieb ihn zur Flucht.

 

Der Weg führte Alex durch die Passage und dann weiter die Dreikönigstraße entlang. Vor einem Schaufenster blieb er stehen und tat so, als würde er die Auslagen betrachten. In Wirklichkeit aber beobachtete er aus den Augenwinkeln heraus die Straße. Spontan bemerkte er einen der Männer aus dem Café, der fünf Meter weiter zurück ebenfalls an einem Schaufenster stand.

Zufall oder Absicht? Das musste er herausfinden. Alex ging weiter die Dreikönigstraße entlang und bog links an der Kirche ab in Richtung Schlossplatz. An einer der Bushaltestellen setzte er sich, holte sein Handy aus der Jackentasche und tat so, als würde er sich damit beschäftigen. In Wirklichkeit aber wurde er wiederum zum Beobachter und sah den Mann am Eingang zum Schlossgarten stehen. In diesem Moment kam der Bus nach Mannheim. Ohne lange zu überlegen, stieg Alex ein, löste einen Schein für zwei Haltestellen und setzte sich in die Nähe der Mitteltür. Als sie am Schloss vorbeifuhren, stand der Mann noch immer an der gleichen Stelle.

 


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