Schaukelpferdchen Max

 

 

 

 

Verstaubt stand Max zwischen alten Möbeln und Kleidersäcken auf dem Dachboden einer großen Villa.

„Ach ja!“, seufzte er, als die milde Dezembersonne durchs Fenster direkt auf seinen Kopf schien. „Hier friste ich seit Jahren mein Dasein und zähle schon lange nicht mehr die vielen kalten Winter, die es hier oben gibt.“      

Das Pferdchen musste niesen, weil ein Staubflöckchen an seiner Nase kitzelte. Traurig schaute es sich in diesem trostlosen Raum um, den schon seit langer Zeit kein Menschenfuß mehr betreten hatte.

 

Wie schon sooft in den letzten Wochen, dachte Max auch heute an früher. In seiner Erinnerung stand er wieder in dem weihnachtlich dekorierten Schaufenster des großen Spielwarengeschäftes. Er hatte die Menschen auf der Straße beobachtet, die teils hastig, teils mit Ruhe vorbeiliefen. Natürlich waren sie auch in „seinen“ Laden gekommen, hatten etwas gekauft oder sich nur ein paar Spielsachen angeschaut. Und bei jedem Öffnen der Tür ertönte ein mehrstimmiges Glockenspiel mit der Melodie „Ihr Kinderlein kommet.“

 

Es musste so um die Mittagszeit gewesen sein, erinnerte sich Max weiter, als plötzlich dieses kleine Mädchen vor ihm aufgetaucht war und ihn betrachtete. Ein Engel, hatte er gedacht und kugelrunde Augen bekommen. Goldblonde Löckchen lugten unter einer Pudelmütze hervor. Eine kecke Stupsnase und ein süß lächelnder Mund waren schuld daran gewesen, dass sich Max auf der Stelle unsterblich verliebte. Vor Freude war er einen Moment lang vor und zurückgeschaukelt. Das hübsche Kind hatte ihm dabei freundlich zu gewunken. Dann war es davongelaufen und kurz darauf mit einer Frau an der Hand wieder erschienen.  Max hatte die beiden genau beobachtet, als sie sich miteinander unterhielten und das Mädchen immerfort auf ihn deutete.

 

Max` Glück war unbeschreiblich gewesen, als der Weihnachtsmann ihn an Heiligabend abholte, in ein großes, wunderschönes Haus und zu dem goldblonden Engel brachte. Max hatte niemals die Freude in den Kinderaugen vergessen können, als sie ihn erblickten. „Da hat der Weihnachtsmann mir aber meinen Wunsch doch noch erfüllt!“, hatte das Engelchen, das in Wirklichkeit Nina hieß, voller Freude ausgerufen. „Mein liebes Pferdchen!“

All die anderen Geschenke waren Nebensache, nur er zählte.

Flink hatte das Mädchen zuerst seine Eltern umarmt und dann Max` Hals umschlungen und: „Ich hab dich so lieb, mein Pferdchen“, in sein Ohr geflüstert.

„Wie soll dein neuer Freund denn heißen?“, hatte die Mutter gefragt. „Max“, war Ninas Antwort gewesen.  

 

Er und Nina waren von dieser Stunde an für lange, lange Zeit unzertrennlich gewesen. Jedoch die Jahre vergingen und mit zunehmendem Alter hatte Nina ihm immer weniger Beachtung geschenkt. Irgendwann war Max dann in einer Ecke und eines Tages sogar in einem Abstellraum gelandet. Dort drinnen war es dunkel und stickig gewesen. Traurig hatte er sich seinem Schicksal ergeben.

 

Weitere Monate eilten dahin und wurden zu Jahren. In seiner finsteren Kammer bekam Max damals nicht mit, dass Nina heiratete und als sie selbst Mutter geworden und ihr kleines Mädchen alt genug war, hatte sie sich offensichtlich an ihn, Max, erinnert. So stand er nämlich entstaubt und fast wie neu wieder in der Wohnstube zwischen all den anderen Geschenken. Doch wie enttäuscht war Max gewesen, als die Bescherung begonnen hatte. Ninas Kind schenkte ihm keinen einzigen Blick. Achtlos und ohne jegliches Interesse hatte es ihn beiseite geschoben und lieber die vielen anderen Päckchen aufgerissen.

 

Das Kinderzimmer quoll über von Spielsachen, mit denen die Kleine sich kaum zu beschäftigen wusste, fand Max. Vieles zerstörte sie und auch er hatte dies hin und wieder zu spüren bekommen, wenn ihm Spielsachen um die Ohren flogen. Und so war Max eines Tages, wie all die anderen, nicht mehr gebrauchten Dinge, auf dem Dachboden gelandet.

 

Oft wünschte er sich seitdem die Zeit zurück, als Nina, sein Engel, noch klein gewesen war, auf seinem Rücken schaukelte und dazu die lustigsten Lieder sang, die sie im Kindergarten gelernt hatte. War das herrlich gewesen.

Viele Male wechselten erneut die Jahreszeiten. Staub und Spinnweben waren die Einzigen, die sich noch für ihn zu interessieren schienen.

 

„Hallo, Max!“, riss ihn eine Stimme aus seiner Erinnerung. Er spitzte die Ohren. Hatte da nicht jemand seinen Namen gerufen? „Wer ist da?“, fragte er zaghaft.

„Ich bins, der Weihnachtsmann.“

„Und was willst du von mir?“

„Dich holen, Max, du hast lange genug hier in der Einsamkeit zugebracht. Übermorgen ist Heiligabend und du bist die letzte Hoffnung für ein krankes Kind.“

Max bekam glänzende Augen. „Ich darf wieder hinunter in die Wohnstube? Zu einem schönen Tannenbaum mit Weihnachtsmusik und Glöckchenläuten?“

„Ja, mein Freund“, antwortete der Weihnachtsmann.

„Und was ist aus dem Kind geworden, das mich früher niemals wollte?“

„Aus ihm ist längst eine gute Frau geworden. Sie hat einen kleinen Sohn, der behindert ist. Er heißt Felix und lässt keinen Menschen zu nahe an sich herankommen. Seine Eltern und die Großmutter, du kennst sie ja noch, es ist dein Engel Nina, sind ratlos. Sie haben ihm schon so viele Dinge geschenkt, die er unbeachtet liegen lässt. Nun wissen sie nicht mehr, womit dem Buben zu Weihnachten noch eine Freude zu machen wäre.“

„Und da dachten sie an mich?“, fragte Max freudestrahlend.

„Ja und Nina hat mich gebeten, ihren Max vom Speicher zu holen.“

 

Und so stand er nach all der langen Zeit endlich wieder inmitten des festlich geschmückten Wohnzimmers und starrte erwartungsvoll zur Tür, die sich nach dem leisen Klingen eines Glöckchens öffnete.

Zuerst betrat Felix zaghaft an der Hand seiner Mutter das Zimmer. Sein Gesicht wirkte teilnahmslos und starr. Trotzdem fühlte sich Max sofort, genau wie damals bei Nina, zu dem Jungen hingezogen.

„Schau mal, was dir der Weihnachtsmann gebracht hat“, sagte jetzt Felix` Großmutter und schob den Kleinen zu Max hin. Widerstrebend ließ der Junge das geschehen und als er vor ihm stand, schaute das Pferdchen dem Buben direkt in die Augen und sagte so leise, dass es außer Felix keiner verstand: „Lass mich dein Freund sein, kleiner Prinz, so werde ich dich ein Leben lang beschützen.“

 

Und Felix setzte sich zum großen Erstaunen der Erwachsenen auf Max` Rücken, schlang die dünnen Ärmchen um dessen Hals und schmiegte seinen Kopf an den des Schaukelpferdes.

Von diesem Tage an hatte Max seinen festen Platz in der Familie und wurde niemals wieder auf den Dachboden verbannt.   

 © Brigitte Kemptner

 

 

 

     

 


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