Tod am Neunerköpfle  

 

Zwei Wochen Urlaub! Zwei Wochen nichts als Berge, Seen, Wandern, Sonne, wenn möglich jeden Tag, und ganz nebenbei die Seele baumeln lassen. Wir liebten die Alpen, liebten Tirol und das Tannheimertal. Und wir kamen gerne, Jahr für Jahr, und wohnten vierzehn Tage lang bei den Wagners im Haus Bergfrieden, das ruhig und idyllisch auf einer Anhöhe am Fuße des Einstein stand.

Doch in diesem Jahr geriet unser Urlaub etwas aus der Bahn.

Vom Balkon unserer Ferienwohnung aus hatten wir einen herrlichen Blick über die Landschaft, über hübsche Häuser mit buntem Blumenschmuck, grüne Wiesen, die das Tal bis ins Dorf hinunter säumten und viele Wege, die zum Wandern wie geschaffen waren. Eine atemberaubende Bergkulisse im Hintergrund rundete das Bild ab. Motive zum Fotografieren würde mein Mann hier gewiss zur Genüge finden. Neben seiner Ausrüstung hatte er diesmal auch seine neueste Errungenschaft dabei. Ein nagelneues und supermodernes Fernrohr. Es fand vor dem Schlafzimmerfenster Platz.

 

Während der ersten acht Tage waren wir viel unterwegs, saßen an manchem Abend noch auf ein Bier oder ein Glas Wein mit anderen Gästen im Biergarten, der zum Haus Bergfrieden gehörte, zusammen und fielen hernach erschöpft ins Bett. Doch am Montag der zweiten Woche schlug das Wetter um. Als ich am Morgen auf den Balkon hinaus ging, sah der Himmel trübe aus und an den Berggipfeln hingen schwere graue Wolken. Nebel stieg von der Erde empor und es fing an zu regnen.

"Mit der Landsberger Hütte wird es heute wohl nichts!", rief ich meinem Mann zu, der gerade den Frühstückstisch deckte. Er knurrte etwas in seinen Bart, das ich nicht verstand, und kam zu mir auf den Balkon.

"Sieht ganz so aus", brummelte er. "Wir hätten den Aufstieg doch früher machen sollen."

"Das sagte ich dir ja schon am Samstag, nachdem der Wetterbericht für den Wochenanfang nicht allzu rosig ausfiel. Aber du  wolltest lieber zum Haldensee. Wir sind ja noch bis zum Wochenende hier, vielleicht ist uns Petrus ja gnädig gestimmt."

"Ganz sicher. Es wird uns bestimmt etwas einfallen."

"Wie wäre es mit Pfronten", schlug ich nach dem Frühstück vor. "Es gibt dort das beste Eis, schmeckt auch bei Regen. Und es gibt sehr schöne Geschäfte, da würde ich gerne ..."

"Nein, nur das nicht. Du weißt, wie sehr ich Einkaufen hasse, wenn du stundenlang Läden heimsuchst und am Ende doch nichts findest!", unterbrach mich Frank. Na toll.

"Stundenlang ist ja wohl etwas übertrieben", antwortete ich ein wenig schroff. "Aber wenn es um deine Hobbys geht, da ist dir kein Weg zu weit."

"Lass uns jetzt nicht streiten, Schatz!", beschwichtigte er mich. "Wenn du unbedingt einkaufen willst, dann mach das in Gottes Namen, ich setze mich dann solange in den Schwanen und später essen wir noch eine Kleinigkeit dort."

 

Aber dann fuhren wir doch nicht, weil ein kräftiges Gewitter heranzog und das Tal in Windeseile in eine schwarze Hölle verwandelte. Es blieb bis zum Mittag, so dass wir heute mal in der Ferienwohnung zu Mittag aßen, uns eine Stunde aufs Ohr hauten und später Kaffee tranken. Erst gegen siebzehn Uhr hellte sich der Himmel auf und die Sonne kam sogar zum Vorschein.

 

Während ich überall die Fenster aufriss, um die vom Gewitter gereinigte Luft hereinzulassen, war Frank auf den Balkon hinaus gegangen.

"Das musst du dir anschauen, Hanna!", rief er. Wenig später stand ich neben ihm. Das, was sich nun vor meinen Augen abspielte, war so einzigartig, wie ich es in all den Jahren zuvor hier noch nie gesehen hatte. Das Alpenglühen. Glutrot zeigte sich das Gebirge dort, wo es von der Sonne angestrahlt wurde.

"Da mache ich doch gleich ein paar Bilder", sagte Frank und holte seine Kamera. Auch ich wollte mir dieses Schauspiel nicht entgehen lassen und schaute kurz darauf durch das Fernrohr, zoomte immer weiter heran, um mehr Details zu erhaschen. Ich sah die in der Abendsonne glühenden Felsen, Bäume, die lange Schatten warfen und eine Gondelbahn, die hinunter zur Talstation fuhr, steile Hänge, einen leeren Fußweg, fuhr ihn mit dem Fernrohr ab und sah zwei Wanderer. Ich suchte den Weg weiter ab, konnte aber niemanden mehr entdecken und schwenkte wieder zurück zu den zwei Gestalten, die jetzt nicht mehr den Eindruck harmloser Wanderer machten. Sie stritten sich, rangen heftig miteinander. Der eine stieß den anderen mehrmals gegen die Brust, so dass er nach hinten taumelte. Ich hielt die Luft an. Wenn der nun das Gleichgewicht verlor und rückwärts den Abhang hinunterstürzte?

Ich wollte noch näher heran zoomen, aber ich hatte das Limit schon erreicht.   

"Frank!", rief ich aufgeregt, "Komm doch mal her!"

"Moment, ich fotografiere gerade", tönte seine Stimme bis zu mir ins Schlafzimmer.

Ich beobachtete die Szene weiter. Nun fiel der Gestoßene zu Boden. Der andere bückte sich, hielt plötzlich einen Stock oder einen Ast in der Hand und schlug damit auf seinen Gegner ein.  

Wieder rief ich Frank. "Nun komm doch mal! Am Neunerköpfle passiert gerade etwas!"

Da stand Frank neben mir. "Was ist passiert?"

"Da, schau es dir selbst an." Ich machte ihm Platz, damit er durch das Rohr sehen konnte. Das dauerte sicher nicht länger als drei Sekunden.

"Und, was siehst du?", fragte ich ungeduldig.

"Nichts", war die Antwort, dann: "Doch, da geht jemand spazieren. Mehr ist da nicht."

"Es müssen zwei Personen sein", sagte ich und schob mich wieder vor das Fernrohr, schwenkte es leicht  rechts, dann nach links und sah eine einsame Gestalt talwärts gehen. Wo war die zweite Person? Ich suchte den Wanderweg ab, der weit und breit von keinem Hindernis verdeckt wurde, also gut überschaubar war. Aber  niemand zu sehn. Das machte mich stutzig und mein kriminalistischer Spürsinn begann sich zu regen.     

Aufgeregt erzählte ich Frank, der wieder auf dem Balkon war und fotografierte, von meiner Beobachtung.

"Ich bin davon überzeugt, dass etwas passiert ist", sagte ich am Ende meines Berichtes.

Er legte seinen Fotoapparat auf den Tisch und schaute mich an, als hätte ich etwas Ungeheuerliches gesagt.

"Wie willst du das auf diese Entfernung hin einschätzen?"

"Du hast doch selbst gesehen, wie weit man ein Objekt heran zoomen kann, Frank."

"Ja, schon, ich habe aber nur eine Person gesehen. Vielleicht hat sich die andere in dem Moment davongemacht, als du mir das Fernrohr übergabst."

"Dann muss sie aber geflogen sein oder sich in Luft aufgelöst haben, wenn sie in der kurzen Zeit, bis ich wieder dran ging,  verschwunden ist."

"Du musst dich vor mir nicht rechtfertigen, Hanna. Ich glaube dir ja, dass du zwei Personen gesehen hast, aber sie können auch einen harmlosen Streit ausgetragen haben. Das soll vorkommen."

"Und wo ist dann die zweite Person? Die müsste dann ja auch noch irgendwo auf dem Weg zu sehen sein."

"Lass uns jetzt nicht den ganzen Abend darüber diskutieren. Ich für meinen Teil habe Hunger, du nicht auch?"

 

"Da ist etwas passiert. Wir sollten die Polizei verständigen."

"Nun ist es aber gut, Hanna." Franks Stimme klang jetzt schon eine Spur schärfer. "Du siehst zu Hause einfach zu viele Krimis. Wir rufen nicht die Polizei. Ich mach mich doch nicht lächerlich."

Somit schien für Frank die Sache erledigt, doch mir ließ es keine Ruhe. Gut, ich bin ein Kriminarr, aber ich kann immer noch unterscheiden zwischen Film und Realität.

"Ich werde jetzt bei der Gendarmerie in Tannheim anrufen."

Frank redete mit Engelszungen auf mich ein, doch ich ließ nicht locker, suchte in der dicken Mappe, die in jeder Ferienwohnung lag, die Nummer des Polizeipostens. Ich hatte Glück, noch jemanden um diese Zeit dort anzutreffen.

Ich schilderte dem Beamten meine Beobachtung und wartete auf dessen Reaktion.

Etwas zu langsam für meine Begriffe antwortete er mir.

"So, durch ein Fernrohr wollen Sie das beobachtet haben?"

"Ja ,und jetzt sagen Sie bitte nicht, dass ich mich bestimmt geirrt habe und es sich lediglich um harmlose Wanderer handelte, die etwas in Streit geraten sind."

"Sie nehmen mir das Wort aus dem Munde, Frau ..."

"Scholz."

"Frau Scholz. Gut. Darf ich fragen, wo Sie wohnen?"

Ich sagte es ihm.

"Das ist doch in Untergschwend. Eine recht große Entfernung zum Neunerköpfle. Durch ein Fernrohr wollen Sie das gesehen haben?"

Ich holte tief Luft. Hielt der mich etwa für bescheuert?  

"Ja, genau. Es ist ein ganz neues Modell mit hoher Zoomzahl und gehört meinem Mann", antwortete ich und wurde allmählich ungeduldig.

"Hat Ihr Mann auch diese Beobachtung gemacht?"

"Nein. Er hat nur einmal kurz durch das Rohr geguckt und da war nur noch eine Person zu sehen."

"Hören Sie, Frau Schulz ... ähem Scholz, es wäre doch möglich, dass diese beiden Personen wirklich nur einen harmlosen Streit hatten."

"Nennen Sie es etwa harmlos, wenn einer mit einem Gegenstand auf den anderen einschlägt? Ich nicht!"

"Natürlich nicht", antwortete der Polizist und ich hörte deutlich, wie er tief einatmete, bevor er weiter sprach. "Konnten Sie denn wenigstens sehen, was mit der geschlagenen Person weiter geschah?"

"Nein, ich sagte Ihnen ja bereits, dass ich meinem Mann kurz das Fernrohr überließ."

"Dann haben Sie also nicht gesehen, wie der andere eventuell zu Schaden kam."

"Nein. Wenn Sie mir nicht glauben, Herr Wachtmeister, dass man mit unserem Fernrohr bis zum Neunerköpfle schauen kann, dann kommen Sie vorbei und überzeugen sich selbst davon."

"Heute nicht mehr, mein Dienst ist bald um, ich ..."

Ich fiel ihm ins Wort, was sonst nicht meine Art war.

"Ich bestehe aber darauf, dass Sie meine Beobachtung ernst nehmen. Sind Sie Polizist oder nicht?"

Ich hörte, wie der Mann am anderen Ende der Leitung irgendetwas vor sich hin brummelte, dann sagte er recht frostig: "Ich werde sehen, ob ich es heute noch schaffe. Guten Tag!"

         

Frank war recht reserviert, als ich das Gespräch beendet hatte.

"Du hast ihm bestimmt nicht mit deiner Hartnäckigkeit imponiert", sagte er.

"Das ist mir vollkommen egal, er ist Polizist und hat folgedessen dieser Sache nachzugehen. Nur nimmst du mich leider auch nicht ernst, stimmts?"

"Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Nicht ich, sondern du hast zwei Personen gesehen, die angeblich stritten. Kann harmlos gewesen sein und kommt in den besten Kreisen vor. Vielleicht bildest du dir jetzt ein, dass dem einen etwas zugestoßen ist, weil der plötzlich nicht mehr da war."

"Du hältst mich also für überdreht."

"Das habe ich nicht gesagt, Hanna. Aber es ist ja möglich, dass du eine harmlose Handgreiflichkeit eben falsch gedeutet hast. Lass die Sache auf sich beruhen und ich rufe bei der Gendarmerie an und ..."

Wieder unterbrach ich. "Nein, Frank. Ich bleibe bei meiner Version."

 

Der Polizist kam tatsächlich noch. Er war etwa in Franks Alter, Anfang Vierzig, schätzte ich, und machte nicht gerade ein freundliches Gesicht. Ich führte ihn zum Fernrohr, an dem wir nichts verändert hatten. Zuerst schaute ich hindurch und machte dann dem Polizisten Platz.

"Sie können direkt auf den Weg schauen, links neben dem  ziemlich dicken Baum ist die Stelle, wo ich die zwei Personen gesehen habe."

 

Der Gendarm, der sich als Wachtmeister Pötschke vorgestellt hatte schaute durch das Fernrohr und meinte etwas pikiert: "Nun ja, man kann tatsächlich ganz gut bis hinüber zum Neunerköpfle schauen. Die Sicht ist ziemlich klar. Konnten Sie denn auch erkennen, ob es sich um Männer oder Frauen handelte?"

"Nein, so genau nicht. Aber ich schätze Männer."

"Wenn Sie das nicht so genau sehen konnten, woher wollen Sie wissen, dass es Männer waren?"

"Weil  sich Frauen anders bewegen als Männer. Aber ich kann Ihnen nicht im Detail sagen, wie sie aussahen. Dazu ist es nun doch etwas zu weit entfernt." 

"Haben Sie wenigstens gesehen, was sie anhatten?"

Ich überlegte nicht lange und antwortete: "Auf jeden Fall war der mit dem Stock dunkel angezogen, der andere trug eine helle Jacke, könnte auch ein Oberteil gewesen sein."

 

Der Wachtmeister sah zu meinem Mann und fragte: "Sie kennen Ihre Frau am besten, Herr ..."

"Scholz!"

"Ja, Herr Scholz. Also meine Frage: Neigt Ihre Frau zu Phantastereien, Sensationslust oder können Sie mit gutem Gewissen sagen, dass an der Sache durchaus etwas dran sein könnte?"

"Wollen Sie etwa sagen, dass ich mir da etwas einbilde oder zusammen reime?", antwortete ich an Franks Stelle. Was bildete sich dieser Dorfpolizist eigentlich ein?

"Verstehen Sie mich nicht falsch", sagte er nun zu mir gewandt. "Ich wollte Sie keineswegs beleidigen, aber was glauben Sie, wie vielen Anzeigen oder Verdächtigungen ich nachgehen muss, die sich am Ende als Irrtum herausstellen."

"Was ich gesehen habe, ist keine Einbildung. Sie müssten doch nur dort die Stelle am Neunerköpfle absuchen, wo ich die Personen gesehen habe. Vielleicht ist der eine ja abgestürzt."

"Hanna, also ich glaube, dass du nur einen harmlosen Streit zwischen zwei Freunden beobachtet hast."

"Nennst du das harmlos, wenn der eine mit einem Stock oder etwas Ähnlichem auf einen anderen einprügelt"

"Hast du vergessen, dass du schon einmal jemanden zu Unrecht verdächtigt hast?"

"Das ist ja interessant", hörte ich den Wachtmeister sagen und ich hatte den Eindruck, dass seine Stimme irgendwie schadenfroh klang. "Es ist also nicht das erste Mal, dass Sie etwas in dieser Richtung behaupten."

Ich schnappte nach Luft und rief: "Sind Sie nun Psychiater oder Polizist ..."

Ich wollte weiterreden, doch Frank unterbrach mich.

"Lass es gut sein, Hanna! Ende der Debatte." Und zu dem Polizisten gewandt: "Entschuldigen Sie, dass wir Sie bemüht haben. Wir vergessen die Sache einfach und ich bringe Sie noch hinunter zur Haustür."

 

Ich war stinksauer auf meinen Mann. Wie konnte er mir nur so in den Rücken fallen, mich vor dem Gendarm hinstellen, als würde ich reihenweise Leute zu Unrecht verdächtigen. Nur weil mir das einmal passiert war.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Frank wieder erschien.

"Wo warst du noch solange?", fragte ich.

"Bei Helmut. Er sah das Auto auf dem Parkplatz stehen und fragte, ob die Polizei hier im Haus war."

"Und? Hast du ihm etwas erzählt?"

"Naja, er war halt neugierig und wollte alles wissen. Ist ja auch nichts dabei, oder?"

 

Regine und Helmut Möller waren ein Ehepaar aus Bonn und  machten schon einige Male zur gleichen Zeit wie wir Urlaub im Bergfrieden. Sie bewohnten die Ferienwohnung neben uns. Manchmal trafen wir die beiden ganz zufällig bei einer Wanderung oder im Treppenhaus. Oft auch im Biergarten der Pension. Die Männer tranken dann ein Bier und bestritten die Unterhaltung. Ich fühlte mich in dieser Runde ziemlich gelangweilt, denn bis auf ein paar Höflichkeitsfloskeln kam nie ein Gespräch zwischen Regine und mir zustande. Das war schon in den vergangenen Jahren nicht anders gewesen. Ich vermutete schon länger, dass diese Frau, die einem nie richtig in die Augen schauen konnte und meist verlegen auf den Boden starrte, Angst hatte. Vor ihrem Mann? Wundern würde es mich nicht.

 

Frank verstand sich ganz gut mit Helmut. Ich mochte diesen Mann nicht und ich glaubte, der wusste es auch. Allein schon sein stechender Blick genügte, dass sich meine Nackenhaare aufstellten. Er war ein Choleriker und das sagte ja schon alles. Außerdem war ich felsenfest davon überzeugt, dass er seiner Frau gegenüber auch gewalttätig wurde. Nur beweisen konnte ich es ihm nicht. Und Regine? Die kam mir ziemlich eingeschüchtert und zurückhaltend vor, eine Art Frau, die stillschweigend alles hinnahm. Traf ich sie dann mal allein auf dem Flur und wollte sie in eine belanglose Unterhaltung verwickeln, tauchte Helmut wie aus dem Nichts auf und Regine verschwand wie ein gerügtes Kind in der Wohnung.

 

"Musstest du ausgerechnet Helmut Möller erzählen, weshalb die Polizei hier war?", fragte ich und ließ durchblicken, dass ich ziemlich sauer darüber war.

"Da ist doch nichts dabei. Du reagierst ja nur so empfindlich, weil du Helmut nicht magst."

"Nein, ich kann ihn nicht ausstehen und Regine tut mir leid, sie steht total unter der Fuchtel ihres Mannes. Sollte mich nicht wundern, wenn er sie sogar schlägt."

"Was redest du da für Unsinn, Hanna! Wie kannst du so etwas behaupten?"

"Schau sie dir doch an. Sie wirkt auf mich eingeschüchtert. Hast du nicht am Freitagabend bemerkt, wie er ihr über den Mund fuhr, als sie sich in eure Unterhaltung einklinkte?"

"Ja, das fand ich auch nicht richtig, aber wie die beiden miteinander umgehen, ist nicht unsere Sache. Und selbst wenn er sie schlägt, warum zeigt sie ihn dann nicht an?"

"Aus Angst, ist doch klar."

Frank schwieg einen Moment, dann meinte er: "Wir sollten uns besser um unsere eigenen Angelegenheiten kümmern. In ein paar Tagen sehen wir die beiden sowieso nicht mehr. Helmut hat mir vorhin im Flur erzählt, dass er und Regine zum letzten Mal hier Urlaub machen."

"Aha", war mein ganzer Kommentar. Ich hätte jetzt am liebsten eine Diskussion über misshandelte Frauen vom Zaun gebrochen. Franks Meinung dazu kannte ich: warum lassen sich die Frauen das gefallen? Sollen ihre Männer doch anzeigen und sie verlassen. Als wenn das so einfach wäre!

Für den Rest des Abends zog ich mich schmollend zurück und versuchte, mich mit einem Buch abzulenken, was mir jedoch nicht gelang.

 

Auch am nächsten Morgen war meine gute Laune noch nicht zurückgekehrt. Das Wetter war wieder besser und Frank meinte: "Wenn du willst, steigen wir heute zur Landsberger Hütte auf."

Als ich nicht gleich antwortete, fragte er: "Bist du noch immer beleidigt?"

"Ich bin nicht beleidigt, nur sauer. Wie konntest du gestern vor dem Polizisten meine Glaubwürdigkeit anzweifeln? Auf meine Seite hättest du dich stellen müssen."

"Hanna! Hätte ich lügen sollen? Ich habe doch nicht gesehen, was du gesehen haben willst."

"Du glaubst also tatsächlich, dass ich mir alles nur eingebildet habe?"

"Nein, Schatz. Nicht alles."

Frank packte seine Kameraausrüstung zusammen und gab mir zu verstehen, dass dieses Thema für ihn beendet war.  Wir einigten uns, nach Pfronten zu fahren, aber so richtig konnte ich den Tag nicht genießen, und so war ich froh, als wir am Nachmittag wieder in unserer Wohnung waren.

 

Wir saßen gerade auf dem Balkon, als es an unsere Tür klopfte. Frank ging öffnen und kam kurz darauf in Begleitung von Wachtmeister Pötschke zurück.

"Guten Tag, Frau Scholz", begrüßte er mich, nachdem er erst einige Sekunden nur so dastand. Er nahm seine Uniformmütze ab und drehte sie nervös in seinen Händen. "Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen", sagte er und ich hatte das Gefühl, dass er recht verlegen wirkte.

"Es tut mir leid, dass ich Ihre Beobachtungen gestern nicht ernstgenommen habe." Er räusperte sich. "Spaziergänger haben heute Vormittag einen Mann gefunden drüben am Neunerköpfle. Ungefähr an der Stelle, die Sie mir durch das Fernrohr gezeigt haben. Er muss ein gutes Stück den Abhang hinuntergefallen sein, ein Strauch verhinderte, dass er völlig in die Tiefe stürzte."

Etwas wie Schadenfreude befiel mich und ich fragte mit leicht zittriger Stimme: "Ist der Mann tot?"

"Ja!", antwortete der Polizist. "Und er trug einen hellbeigen Anorak."

Ich sank in meinem Stuhl zurück und fing noch mehr zu zittern an. Es lief mir eiskalt den Rücken hinunter. Ich brauchte einige Sekunden, um mich wieder zu beruhigen.

"Ist er durch den Sturz gestorben?", fragte ich.

"Das weiß ich noch nicht. Er wurde in die Gerichtsmedizin gebracht. Das wollte ich Ihnen lieber persönlich mitteilen. Wenn noch Fragen auftreten, melde ich mich bei Ihnen. Wenn Sie mir Ihre Handynummer geben, rufe ich an. Und jetzt wünsch ich Ihnen noch einen schönen Rest des Tages."

Der Polizist schien es mit einem Mal sehr eilig zu haben, nahm die Visitenkarte aus Franks Hand und verschwand.  

"Siehst du, ich habe mir das alles also doch nicht eingebildet", sagte ich zu meinem Mann, als wir allein waren.

"Es steht aber nicht fest, ob der Mann getötet wurde. Das ist einzig und alleine eine Vermutung von dir, habe ich recht?"

"Ja", gab ich zu. "Aber ausschließen kann man es nicht."

 

Am späten Nachmittag des nächsten Tages, einem Mittwoch, wir kamen gerade von unserem Ausflug nach Höfen zurück, kam ein Anruf von Wachtmeister Pötschke. Wir wurden gebeten, nach Tannheim in die Dienststelle zu kommen. Mich beschlich ein eigenartiges Gefühl, das mich während der ganzen Fahrt dorthin nicht verließ.

 

Zwei Männer erwarteten uns. Gendarm Pötschke und ein Herr in Zivil, der sich als Inspektor Danninger aus Reutte vorstellte.

"Herr und Frau Scholz", begann er. "Bitte, setzen Sie sich. Ich habe Sie hergebeten, um mit Ihnen über den Toten vom Neunerköpfle zu sprechen. Wachtmeister Pötschke erzählte  mir bereits, dass Sie am Montag merkwürdige Beobachtungen durch ein Fernrohr gemacht haben."

"Ja", antwortete Frank. "Das war meine Frau."

"Was genau haben Sie gesehen, Frau Scholz?"

Der Inspektor wandte sich zu mir und ich wiederholte, was ich schon vor zwei Tagen dem Wachtmeister berichtet hatte.

"Und den Mann mit dem Stock können Sie nicht beschreiben?"

"Nein, Einzelheiten wie das Gesicht konnte ich nicht erkennen. Ich weiß nur, dass der Kerl dunkel angezogen war."

"Schwarz? Dunkelbraun oder grau?", fragte der Inspektor.

"Auf die genaue Farbe habe ich nicht geachtet, erkannte nur, dass sie dunkel war. Vielleicht weiß Frank ... mein Mann es, denn er hat ihn ja auch kurz gesehen, als er durch das Fernrohr sah."

"Herr Scholz?", fragte der Inspektor und schaute Frank an.

"Naja, ich sah einen Mann des Weges gehen, aber die Farbe der Kleider? Ob braun, schwarz oder grau? Keine Ahnung. Tut mir leid, da kann ich Ihnen nicht weiter helfen."

"Es wäre uns schon wichtig, wenn wir die genaue Beschreibung des Mannes hätten. Vielleicht ist er ja noch anderen Wanderern begegnet", sagte der Inspektor.

"War es denn kein Unfall?", fragte ich.

Inspektor Danninger zögerte einen Augenblick, sicher überlegte er, ob er uns Näheres erzählen sollte, was ja normalerweise nicht üblich war. Aber dann meinte er:

"Nein. An dem Sturz wäre der Mann sicher nicht gestorben, aber durch Schläge auf den Kopf, genauer gesagt an der Hirnblutung, die durch diese Schläge hervorgerufen wurde."

"Da habe ich mir die Geschichte also doch nicht eingebildet. Armer Kerl. Wissen Sie denn schon, wer er ist?"

"Nein, leider noch nicht. Momentan wird das Gebiet auf brauchbare Spuren durchsucht."

Ein Gedanke schoss mir plötzlich in den Sinn und ich schaute Frank an.

"Hast du am Montag das Alpenglühen mit deinem Teleobjektiv fotografiert?", fragte ich.

"Ja, ich wollte die Berge so nahe wie möglich vor die Linse bekommen."

"Vielleicht kann man auf den Bildern etwas erkennen, falls Sie den Bereich fotografiert haben, wo das Verbrechen geschah", sagte der Wachtmeister.

"Glaube ich kaum. Trotz Teleobjektiv mit hohem Brennbereich komme ich nicht so nahe an die Berge heran wie mit dem Fernrohr."

"Ein Versuch wäre es wert, Herr Scholz", entgegnete der Inspektor. "Wir vergrößern die Bilder. Unser Techniker kann da wahre Wunder vollbringen."

"Dann bringe ich Ihnen morgen meine Kamera", antwortete Frank.

"Wachtmeister Pötschke begleitet Sie in Ihre Pension und bringt die Kamera mit hierher, so verlieren wir keine Zeit. Das war es vorerst. Ich melde mich, falls noch Fragen auftreten. Ihre Handynummer habe ich ja."

Wir verabschiedeten uns von Inspektor Danninger und fuhren, gefolgt von Wachtmeister Pötschke, in unsere Ferienwohnung. 

 

Die Stimmung zwischen Frank und mir war alles andere als rosig, als Pötschke mit der Kamera gegangen war. Wir hingen beide unseren Gedanken nach und es wollte keine Unterhaltung in Gang kommen, dabei war ich felsenfest davon ausgegangen, dass Frank sich bei mir entschuldigten würde.

Wir aßen etwas und danach meinte Frank: "Ich gehe noch auf ein Bier ins Braustüble. Kommst du mit?"

Ich verneinte, zu Geselligkeiten hatte ich heute keinen Kopf mehr.

"Dann frage ich  Helmut. Wird aber nicht allzu spät, versprochen."

Vom Balkon aus sah ich, wie die beiden einige Minuten später über den Hof zur Straße gingen und im gegenüber liegenden Braustüble verschwanden.

 

Ich schaltete den Fernseher ein, aber das Programm war miserabel, sodass ich in meinem Buch weiterlesen wollte. Aber ich konnte mich nicht konzentrieren, weil sich die Gedanken in meinem Schädel überschlugen. Ich musste mich irgendwie ablenken und ging hinüber zur Nachbarwohnung. Vielleicht kam heute ein Gespräch mit Regine in Gang, Helmut war ja mit Frank unterwegs.

Zuerst klopfte ich vergebens. Sie war sicher noch nicht schlafen gegangen, denn ich hörte Stimmen, die vermutlich aus dem Fernsehapparat kamen.

Nach dem dritten Klopfen meldete sich ihre Stimme hinter der Wohnungstür: "Ja, wer ist da?"

"Ich, Frau Scholz von nebenan. Hätten Sie Lust auf einen Plausch?"

"Nein danke, mir geht es heute nicht so gut. Ich habe Kopfschmerzen und möchte lieber allein sein."

"Haben Sie wenigstens Tabletten da?"

"Nein, die vergesse ich ständig mitzunehmen."

"Dann hole ich Ihnen welche. Einen Moment."

"Das brauchen Sie nicht. Ich nehme nicht so gerne Schmerzmittel."

"Ich auch nicht", antwortete ich. "Aber hin und wieder ist es nicht schädlich. Ich bringe sie Ihnen rüber."

 

Regine sagte etwas, doch ich verstand es nicht. Eilig holte ich zwei Dolormin und klopfte erneut bei ihr an.

"Ich bin es mit den Tabletten, machen Sie kurz auf, dann sind Sie mich auch gleich wieder los."

"Ich habe doch gesagt, dass ich keine nehmen möchte, will nur Ruhe, bitte, gehen Sie!"

Komisch, dachte ich. Wenn es ihr wirklich nicht gut ging,  warum also öffnete sie nicht für einen Augenblick die Tür, nahm die Tabletten, um mich schnell wieder loszuwerden? Sie musste die Dinger ja nicht schlucken und konnte sie ins Klo werfen.

Ich wusste nicht, welcher Teufel mich ritt, als ich fragte: "Hat Helmut Ihnen verboten, mit mir zu sprechen?"

Stille, dann: "Wie kommen Sie darauf?"

Ich zog es vor, auf diese Frage nicht zu antworten und sagte statt dessen: 

"Dann können Sie mir auch kurz öffnen und die Tabletten annehmen." So hartnäckig kannte ich mich gar nicht.

"Mir geht es nicht gut und jetzt gehen Sie."

"Wie kann Ihr Mann Sie dann allein lassen und einen trinken gehen? Ich glaube eher doch, dass er Ihnen verboten hat, mit mir zu reden."

"Es macht mir nichts aus, allein zu sein. Helmut hat versprochen, nicht so lange weg zu bleiben."

Hatte ich mich verhört oder klang Regines Stimme mit einem Male verweint?

"Regine!", rief ich. "Was ist mit Ihnen? Weinen Sie?"

Es blieb still hinter der Tür.

"Regine, ich wollte Sie nicht bedrängen, wirklich nicht. Aber ich mache mir Sorgen um Sie."

"Um mich?"

"Ja. Stimmt es, dass Ihr Mann verboten hat, mit mir zu reden?"

Ich war schon auf eine weitere Abwehrreaktion vorbereitet, da sagte sie: "Ja. Er mag nicht, dass ich mich mit anderen unterhalte, wenn er nicht dabei ist. Er hat abgeschlossen und es gibt nur einen Schlüssel. Aber Sie dürfen niemandem sagen, dass ich es Ihnen gesagt habe, bitte! Auch nicht Ihrem Mann."

"Sie können sich auf mich verlassen. Dann will ich wirklich nicht weiter stören. Gute Nacht, Regine."

"Gute Nacht", erwiderte sie.

 

Das war ja wirklich allerhand, dachte ich, wieder in meine Wohnung zurückgekehrt. Dieser Helmut Möller war mir schon unsympathisch und ich hatte geglaubt, dass es da keine Steigerung mehr gäbe, aber das war wohl ein Irrtum. Und mit ihm ging Frank auch noch ein Bier trinken! Am liebsten würde ich ihm erzählen, was Regine vor einigen Minuten gesagt hatte, aber ich wollte ihr Vertrauen nicht enttäuschen, also würde ich schweigen. Auch wenn es mir schwer fiel.

 

Erst gegen elf Uhr erschien Frank, aber ich stellte mich schlafend, weil ich keine Lust mehr auf irgend welche Gespräche hatte.

Am nächsten Morgen ging ich dann direkt auf mein Ziel los.

"Sag es mir lieber gleich, dass du Helmut von unserem Besuch auf der Polizeidienststelle erzählt hast."

Frank schaute mich entgeistert an und fragte: "Hast du schlecht geträumt, weil du heute Morgen gar so biestig bist?"

"Durchaus nicht. Es war nur eine harmlose Frage, die du sicher beantworten kannst, oder?"

"Klar kann ich das. Ja, wir haben auch über das gesprochen, was am Neunerköpfle passiert ist. Helmut war ziemlich interessiert an dem Geschehen. So etwas kommt ja schließlich nicht alle Tage vor, sagte er. "

Ich schwieg und deckte den Frühstückstisch, da kam Frank zu mir und legte seinen Arm um mich.

"Schatz, was ist eigentlich los? Seit wir gestern von der Polizei zurück sind, benimmst du dich mir gegenüber so eigenartig. Bist du sauer auf mich, wenn ja, warum?"

"Da fragst du noch?", rief ich aufgebracht. "Nachdem es sich herausgestellt hat, dass ich mit meiner Vermutung richtig lag, hatte ich eigentlich gehofft, du würdest dich bei mir entschuldigen. Immerhin hast du meinen Verdacht  verharmlost, aber was noch schlimmer ist, du hast mich als überdreht und unglaubwürdig hingestellt."

"Du hast ja recht, ich habe deine Beobachtung als harmlos abgetan und gedacht, dass du dir da etwas zusammenreimst, als ich nur eine Person durch das Fernrohr gesehen habe. Dann entschuldige ich mich jetzt in aller Form, Hanna. Aber sei bitte wieder gut."

Frank, der immer noch den Arm um meine Schulter liegen hatte, beugte sich zu mir und küsste mich auf die Wange. Ich fühlte, wie mein Ärger allmählich abschwoll und lehnte mich gegen seine Brust. Aber nur für kurz, dann deckte ich den Tisch fertig.

"Wir können dann frühstücken", sagte ich und lächelte ihm versöhnlich zu.

 

Den ganzen Vormittag über verbrachten wir in Fischen, gingen zuerst ins Freibad, als es uns dann nach zwei Stunden zu voll wurde, machten wir einen Spaziergang entlang der Iller. Mittags aßen wir im Kurhotel und fuhren so gegen vierzehn Uhr über den Jochpass nach Oberjoch, kauften in der Bäckerei frischen Käsekuchen und legten die letzten Kilometer bis zum Bergfrieden  zurück. Als ich um vier Uhr Kaffee kochen wollte, klingelte das Handy. Es war Wachtmeister Pötschke. Wir sollten in die Dienststelle nach Tannheim kommen.  

 

"Gut, dass Sie gleich Zeit hatten", empfing uns Inspektor Danninger, der ebenfalls da war. Er wandte sich an Frank.

"Wir haben die Bilder vom Neunerköpfle von unserem Experten in Reutte auswerten lassen. Mit viel Glück konnte er ein Foto soweit vergrößern, dass die zwei Personen darauf einigermaßen gut zu erkennen sind."

"Ob wir Ihnen da weiterhelfen können?", fragte Frank, der alte Skeptiker.

"Wir dürfen nichts unversucht lassen", antwortete Danninger. "Schauen Sie sich wenigstens das Bild einmal an."

 Wachtmeister Pötschke hantierte an seinem Computer herum und sagte dann: "Hier haben wir es. Bitte!"

Er drehte den 21"- Monitor zu uns herum und ich beugte mich als erste zu dem Bildschirm vor. Die zwei Personen konnte man recht deutlich sehen. Und die eine kannte ich  ...

 

"Das ... das ist doch Helmut", entfuhr es mir, während ich mit dem Zeigefinger auf die dunkel bekleidete Person wies. Ich war fassungslos.

"Was?", rief Frank. "Helmut? Das glaube ich nicht. Lass mal sehen."

Er schob mich zur Seite und starrte auf den Monitor.

"Tatsächlich. Ich fasse es nicht."

"Sie kennen beide den Mann?", fragte Inspektor Danninger.  

"Ja", antwortete ich. "Helmut Möller. Wohnt mit seiner Frau im Bergfrieden, direkt neben uns." Ich rang immer noch mit der Fassung. Alles hätte ich diesem Mann zugetraut, aber einen Mord?

Frank starrte weiterhin auf den Bildschirm.

"Ich kann das einfach nicht glauben, Herr Inspektor. Gestern Abend noch habe ich mit ihm ein Bier im Braustüble getrunken und wir haben uns dabei gut unterhalten."

"Und du hast ihm auch noch alles erzählt", entfuhr es mir. "Er weiß sogar, dass die Polizei sich deine Bilder anschauen wollte." Mir zitterten mit einem Male die Knie und ich musste mich setzen.

"Sie haben also mit diesem Möller über die Vorkommnisse am Neunerköpfle geredet, Herr Scholz?", wollte der Inspektor wissen.

"Ja, ich dachte mir doch nichts dabei."

"Kennen Sie das Ehepaar näher?", fragte der Wachtmeister.

"Seit vier Jahren machen wir rein zufällig zur gleichen Zeit im Bergfrieden Urlaub, aber sonst haben wir keinen Kontakt. Sie wohnen in Bonn und wir in Mannheim."

"Dann werden wir Herrn Möller mal einen Besuch abstatten. Wie man auf dem Foto sieht, trug er keine Handschuhe, es müssten also seine Fingerabdrücke auf der Tatwaffe zu finden sein", sagte der Inspektor.

"Haben Sie den Stock gefunden?", fragte ich ihn.

"Ja, die Spurensuche war fündig. Hinter einem Strauch lag ein Ast, darauf haben wir Blutspuren sichergestellt, die wir dem Opfer zuordnen konnten. Ist Ihnen zufällig auch die zweite Person bekannt?"

Frank und ich verneinten gleichzeitig.

Danninger wandte sich zu dem Wachtmeister und sagte: "Kommen Sie mit, Pötschke, gehen wir zu Möller und Sie beide bleiben sicherheitshalber hier im Ort oder setzen sich gegenüber in das Café, bis wir mit Herrn Möller zurück sind." 

 

Ich rührte in meiner Kaffeetasse und schaute Frank an, der mir gegenüber saß.

"Finde ich richtig nett von diesem Inspektor, dass er uns bereitwillig von den Ermittlungen erzählt."

"Hm!", brummte Frank und nippte an seinem Bier.

"Hättest du das von Möller gedacht?"

Frank schaute zu mir her, räusperte sich und antwortete:

"Nein. Ich gebe ja zu, dass er nicht gerade fürsorglich und freundlich mit Regine umspringt, aber ich bin ganz gut mit ihm klargekommen. Du hast ihn ja schon immer abgelehnt."

"Und ich habe dir auch gesagt, warum. Er ist mir nicht ganz geheuer und ich habe nach wie vor den Verdacht, dass er seine Frau schlecht behandelt. Aber einen Mord hätte ich ihm jetzt doch nicht zugetraut."

 

Von unserem Platz im Café aus sahen wir die Polizei zurückkommen. Helmut war nicht bei ihnen.

"Weder Herr noch Frau Möller waren in ihrer Wohnung", erklärte der Inspektor, als wir wieder in Pötschkes Büro standen.

"Frau Wagner, die Pensionswirtin, sagte uns, dass sie am Vormittag zu einer Wanderung aufgebrochen sind. Wohin wusste sie nicht."

"Und was werden Sie jetzt tun?", fragte ich.

"Wachtmeister Pötschke wird vor dem Bergfrieden Posten beziehen und warten, bis das Ehepaar Möller wieder von ihrer Wanderung zurück ist. Sie beide bleiben in Ihrer Wohnung und unternehmen nichts, was Sie gefährden könnte."

"Geht in Ordnung", versprach Frank.

Ich nickte nur.

 

Von unserem Balkon aus konnten wir später Wachtmeister Pötschkes Streifenwagen stehen sehen, und Helmut würde es vermutlich auch auffallen, wenn er zurückkam.

"Die Polizei sitzt da unten quasi auf dem Präsentierteller", sagte ich zu Frank. "Der Möller ist doch nicht dumm und wird sofort Verdacht schöpfen. Dank deiner Geschwätzigkeit kann er sich zusammen reimen, dass die Polizei ihm über kurz oder lang auf der Spur ist."

"Lass es jetzt endlich gut sein, Hanna. Ich kann es ohnehin nicht mehr ändern nur hoffen, dass dieser Albtraum bald vorüber ist."

Da stimmte ich ihm zu.   

 

Die Zeit zog sich wie Kaugummi in die Länge, doch die Möllers kamen nicht. Allmählich war es dunkel geworden und das machte die Observierung nicht einfacher. Im Gegenteil. In der Dunkelheit waren sie leichter zu übersehen.

Diese Warterei machte mich wahnsinnig und zerrte an meinen Nerven, und als Frank fragte, ob ich Hunger hätte, weil wir seit Mittag nichts mehr gegessen hatten, schüttelte ich nur den Kopf.

"Ich bringe jetzt keinen Bissen runter. Du kannst ja essen, wenn du willst."

Es klopfte an unsere Tür. Da der Eingang zur Pension bis um 22 Uhr offenstand, dachte ich, dass es Wachtmeister Pötschke wäre. Ich öffnete. Das war ein fataler Fehler, denn es war nicht die Polizei, es war Helmut.

Ich wollte die Tür sofort wieder zuknallen, doch er war schneller, packte mich grob am Arm, schob mich in den kleinen Flur und gab der Tür einen Tritt, dass sie hart ins Schloss fiel. Dann stieß er mich unsanft in den Wohnbereich. Frank blickte uns erschrocken an und rief:

"Was soll das, Helmut? Lass meine Frau los."

"Halte die Klappe!", schrie Helmut meinen Mann an. "Ihr beide seid doch schuld daran, dass die Bullen hinter mir her sind. Aber so leicht bekommen die mich nicht. Du machst genau das, was ich dir sage, Frank. Dann wird deiner Frau auch nichts passieren."

Die Angst schnürte mir fast die Kehle zu, als ich fragte: "Wo ist Regine?"

"Ha! Die ist gut versorgt", antwortete er, ließ mich jedoch nicht los. "Mach die Balkontüre zu, aber flott!", herrschte er Frank an. Der tat es, kam dann ein Stück auf uns zu und rief: "Und jetzt lass sie los. Wenn du eine Geisel willst, dann nimm mich."

"Das musst du schon mir überlassen", höhnte Möller.

Ich weiß nicht, welcher Teufel mich in diesem Moment ritt, als ich sagte: "Gewalt gegenüber Frauen macht Ihnen ja viel mehr Spaß, hab ich recht?"

Im nächsten Augenblick spürte ich einen so derben Stoß in meinem Rücken, dass mir die Luft weg blieb. Es dröhnte in meinen Ohren und das Zimmer begann sich vor meinen Augen zu drehen. Und dann fehlten mir einige Minuten in meinem Leben.

 

Als ich wieder zu mir kam, schaute ich in Franks Gesicht.

"Hanna!", rief er. "Gottseidank bist du wieder bei dir. Bleib ganz ruhig liegen, bis der Arzt kommt."

"Ich brauch keinen Arzt. Was ist denn passiert?"

Ich versuchte mich aufzurichten, aber ein erneuter Schwindel ließ mich wieder auf das Kissen sinken. "O Mann, hab ich Kopfweh. Und erst mein Rücken", stöhnte ich und schloss die Augen.

"Du sollst doch liegen bleiben", sagte Frank in strengem Ton.

"Was ist denn passiert?", fragte ich noch einmal und dann war die Erinnerung wieder da.

"Helmut ...! Er war in unserer Wohnung und hielt mich fest, dann ..."

"Ist schon gut, Schatz", unterbrach mich Frank. "Es ist alles vorbei. Als du durch den harten Stoß in den Rücken ohnmächtig wurdest, muss Helmut für einen Moment irritiert gewesen sein. So konnte ich ihn überwältigen."

"Ja, Sie können stolz auf Ihren Mann sein", hörte ich von der Schlafzimmertür her die Stimme von Wachtmeister Pötschke.

"Ich bringe Herrn Möller nach Tannheim in unsere Arrestzelle, Herr Scholz. Dort darf er erst einmal bis morgen schmoren. Wenn es Ihrer Frau besser geht, dann kommen Sie beide gegen 10 Uhr vorbei, dann ist auch der Inspektor wieder hier."

"Fragen Sie ihn, was er mit seiner Frau gemacht hat!", rief ich.

"Das habe ich ihn schon gefragt, aber er hat auf stur geschaltet. In ihrer Wohnung ist sie jedenfalls nicht. Also bis morgen und gute Besserung, Frau Scholz."

 

Der Doktor kam, untersuchte meinen Rücken und meinte: "Ich glaube nicht, dass Wirbel verletzt sind. Vorsichtshalber sollten Sie sich aber röntgen lassen. Für die Schmerzen spritze ich Ihnen etwas."

In dieser Spritze musste Schlafmittel gewesen sein, denn es dauerte nicht lange und ich schlief tief und fest. Erst als die Sonne ins Zimmer schien, wachte ich auf. Frank war schon wach, denn ich hörte ihn in der kleinen Küche herum hantieren und es roch herrlich nach frisch gebrühtem Kaffee. Es war 8 Uhr 30.

Die Schmerzen im Rücken waren so gut wie abgeklungen, nur ein großer Bluterguss hatte es sich neben der Wirbelsäule bequem gemacht. Ich fand, es bestand kein Grund zum Röntgen. 

 

Pünktlich um 10 Uhr standen wir in der Polizeidienststelle. Inspektor Danninger war schon da und teilte uns mit, dass Helmut Möller vor einer halben Stunde nach Reutte überführt worden sei. Mir war es recht, dass wir ihn nicht mehr sehen mussten. Ich machte mir nur Sorgen um Regine und das sagte ich auch dem Inspektor.  

"Da Herr Möller uns nicht verraten wollte, wo seine Frau sich aufhält, müssen wir eine Vermisstenanzeige machen. Die Wohnung der beiden wird gerade nach Spuren untersucht. Ein Bild von Frau Möller würde uns die Suche erleichtern. Haben Sie denn keine Vermutung, wo sie sein könnte?"

Ich verneinte. "Wir haben ja nie viel miteinander reden können. ihr Mann mochte das nicht."

"Und Sie, Herr Scholz? Sie verstanden sich doch mit dem Mann. Worüber haben Sie sich unterhalten?"

"Über eher Belangloses. Sport, hauptsächlich Fußball, über seine Arbeit bei einer Großdruckerei, über sein Hobby Klettern, und dass er am letzten Tag noch zur Landsberger Hütte aufsteigen wollte. Außerdem hat er erzählt, dass er und Regine in diesem Jahr zum letzten Mal hier Urlaub machen."

"Hat er auch den Grund genannt?", fragte Pötschke, der unsere Aussagen protokollierte.

"Nein, und ich habe auch nicht gefragt."

Wir erzählten alles, was wir wussten, viel war es nicht, aber wir hofften, dass Regine bald gefunden wurde.

Als wir die Dienststelle verließen, war es Mittagszeit und wir gingen ins Goldene Kreuz eine Kleinigkeit essen.

 

Den Rest des Tages verbrachten wir in der Wohnung. Wir redeten viel und dachten darüber nach, noch ein paar Tage zu bleiben. Nicht wegen Helmut, der war mir und mittlerweile auch Frank, egal, aber ich hätte keine Ruhe, wenn wir morgen mit der Ungewissheit über Regines Verbleib unsere Heimfahrt antreten würden. Später rief ich Wachtmeister Pötschke an und erfuhr, dass man in der Wohnung den Personalausweis von Frau Möller gefunden hätte. Das Bild sei vergrößert und vervielfältigt worden und läge schon im Aushang des Touristikzentrums und an einigen anderen Stellen zur Kenntnisnahme. Nun hofften wir alle, dass irgendjemand Regine gesehen hatte.

 

Was die Verlängerung unseres Aufenthaltes anging, hatten wir Glück, denn die Wohnung war noch frei bis einschließlich Mittwoch.

So verging der Freitag und am Samstag gegen Mittag rief Wachtmeister Pötschke an und nahm von mir den Druck über Regines Verbleib. Wir erfuhren, dass sie mit mittelschweren Verletzungen in der Nähe der Landsberger Hütte gefunden wurde. Sie lag in einem ausgetrockneten Bachbett und hatte Glück, dass ihr weißer Anorak zwei Wanderern aufgefallen war.

"In welchem Krankenhaus liegt sie?", wollte ich wissen.

"In Reutte. Ich glaube, sie würde sich sicher freuen, wenn sie ein paar bekannte Gesichter sieht. Soweit wir wissen, ist ihr Zustand stabil und sie ist bei Bewusstsein."

 

Frank war der Meinung, dass ich allein ins Krankenzimmer gehen sollte.

Regine schien sich über meinen Besuch zu freuen. Mir aber lief es bei ihrem Anblick eiskalt über den Rücken. Ihre Augen waren geschwollen, das rechte sogar blau unterlaufen. Auf Kinn und Wangen hatte sie zahlreiche Hämatome - ich schätzte mal, dass auch genug am übrigen Körper vorhanden waren - und über die ganze Stirn klebte ein Pflaster.

Ich zog mir einen Stuhl heran, setzte mich und nahm ihre Hand in meine. 

Meine Stimme klang ein bisschen heiser, als ich sagte: "Regine, ich bin so froh, Sie wiederzusehen."   

"Wäre ich doch tot", sagte sie und ich glaubte, in ihrer Stimme einen Anflug von Bitterkeit zu erkennen.

"Das dürfen Sie nicht sagen, Regine. Die Ärzte hier bekommen Sie schon wieder hin."

 "Ja, die äußeren Wunden, aber die in meiner Seele nicht. Wie konnte ich nur auf Helmut hereinfallen? Robin hat mich ja schon vor der Hochzeit gewarnt, aber ich war so verliebt, dass ich ihn auslachte. Robin ist  ... war mein älterer Bruder. Helmut hat mir auf dem Weg zur Landsberger Hütte genau beschrieben, wie er ihn getötet hat."

Ich drückte Regines Hand. Dann war der zweite Mann am Montagabend also Regines Bruder gewesen, dachte ich voller Entsetzen.

"Hat die Polizei Sie schon befragt?"

"Ja, ein Inspektor Danninger war vor einer Stunde etwa hier und ich habe ihm alles erzählt. Hoffentlich bekommt Helmut seine Strafe. Aber das bringt mir meinen Bruder auch nicht wieder zurück."

Regine drehte den Kopf zur Seite, aber ich sah trotzdem, dass sie weinte.

Eine Schwester kam herein und sagte freundlich:

"Sie sollten jetzt gehen. Frau Möller braucht noch Ruhe."  

So verabschiedete ich mich, versprach, wiederzukommen und verließ das Zimmer.

 

Am Dienstag verließ Regine, deren Mutter aus Bonn angereist war, um sich um ihre Tochter und die Überführung ihres Sohnes zu kümmern, das Krankenhaus. Weil sie in die Ferienwohnung, die sie und Helmut zwar für drei Wochen gemietet hatten, nicht zurückwollte, bekam sie von Frau Wagner ein anderes Appartement mit ihrer Mutter zusammen. Wir hingegen wollten am nächsten Tag abreisen. Die Polizei hatte keine Einwände, unsere genaue Anschrift, falls noch Fragen auftreten sollten, lag ihnen ja vor.

Und Regine war nicht allein, wir konnten beruhigt fahren.

 

So endete unser recht turbulenter Urlaub und während wir die 107 Kurven des Jochpasses hinunterfuhren, dachte ich an den Abschied von Regine. Wir würden auch in Zukunft miteinander telefonieren oder per Email in Kontakt bleiben.

 

Eines Tages kannten wir auch die ganze Geschichte.     

Helmut Möller war ein Spieler und hatte hohe Schulden gemacht. Als seine Frau und deren Bruder vor einigen Monaten viel Geld erbten, sah Helmut seine Chance gekommen, die Schulden durch erneutes Spielen zu begleichen. Durch eine gefälschte Vollmacht verschaffte er sich Zugang zu Regines Konto und hob noch vor dem Urlaub eine höhere Summe ab. Durch einen dummen Zufall erfuhr Robin davon und wollte zuerst seine Schwester darüber informieren, bevor er seinen Schwager zur Rede stellte. Robin reiste nach Tannheim und verabredete sich per SMS mit Regine an der kleinen Kapelle im Ort. Aber nicht sie, sondern Helmut las die SMS, weil Regine gerade im Bad war. Er schrieb von ihrem Handy aus rasch zurück und schlug einen anderen Treffpunkt vor. Dort kam es dann an diesem verhängnisvollen Montagabend zu einer heftigen Auseinandersetzung mit Todesfolge.

Helmut, der ohnehin geplant hatte, sich in diesem Jahr seiner wohlhabenden Frau durch einen herbeigeführten Unfall in den Bergen zu entledigen, musste jetzt schnell handeln. Doch sein Pech war, dass Regine überlebte und er aufgrund unserer Mithilfe rasch überführt werden konnte. 

Er hatte ein volles Geständnis abgelegt und wartete jetzt auf seine Verhandlung, die hoffentlich in einer hohen Gefängnisstrafe endete.


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