Unruhige Tage

 

Warm schien die Sonne an diesem frühen Junimorgen durch mein Schlafzimmerfenster. Ich stand unbekleidet vor dem hohen Wandspiegel und betrachtete meinen leicht gewölbten Bauch. Genau wie mein Mann freute auch ich mich auf unser zweites Kind und trotzdem war ich diesmal voller Sorge. Ich war bereits in der 33. Woche und hatte gerade mal so um die fünf Kilo zugenommen, im Gegensatz zur ersten Schwangerschaft, da waren es bis zum Schluss vierzehn Kilo. Meine Besorgnis war durchaus berechtigt, fand ich. Genauso verhielt es sich mit den Kindsbewegungen.

Mein Frauenarzt war da optimistischer, als ich ihm meine Sorge verriet.

„Manche Kinder sind eben etwas faul und bewegen sich nicht viel“, tröstete er mich und dass es auch nicht unbedingt ein Nachteil sei, wenn man weniger zunahm. Gut, dachte ich, er ist der Doktor, er muss es ja wissen. Ultraschall wurde damals in den Siebzigern noch nicht sooft durchgeführt, auf jeden Fall besaß mein Arzt solch ein Untersuchungsgerät überhaupt noch nicht, wer weiß, sonst hätte er eventuell doch bemerkt, dass etwas nicht stimmte.

Ich gehe einige Wochen zurück. April/Mai. Ich wachte eines Morgens mit starken Kopfschmerzen auf. Sie waren anders als die, die mich seit meiner Kindheit an hin und wieder mal heimsuchten und es war auch keine Migräne. Mir wurde übel und ich fühlte mich allgemein nicht wohl. Eine Stirnhöhlenvereiterung, sagte mein Hausarzt und verschrieb mir ein Vitamin-B-Präparat und Neuralgin. Irgendwann trat aber nur eine leichte Besserung ein und ich ging mit zweimonatiger Verspätung endlich zur Mai-Vorsorgeuntersuchung.

Nach der Urinabgabe fragte mich die Arzthelferin, ob ich Probleme mit den Nieren hätte, weil Eiweiß im Urin war. Ich verneinte, denn mir war nichts dergleichen bekannt. Als ich dann zum Arzt ins Sprechzimmer ging, schaute der in meinen Mutterpass, sagte aber nichts. So nahm ich an, dass keine Sorge bestand. Hatte die Arzthelferin das Urinergebnis etwa nicht im Mutterpass vermerkt? Sie hatte, aber mit diesen Zeichen (durchstrichenen Kreis und +-Zeichen) konnte ich nichts anfangen und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich auch nicht gefragt hatte. Aber ich vertraute halt noch immer meinem Arzt und verabschiedete mich bis zum nächsten Monat.  

Meine Gedanken reisten wieder zu dem warmen Junimorgen, wo ich noch immer vorm Spiegel stand. Behutsam legte ich nun beide Hände auf meinen Bauch und begann ihn zu streicheln. „Guten Morgen, mein Kleines“, flüsterte ich und wartete. Endlich – es erschien mir wie eine Ewigkeit - spürte ich eine zaghafte Bewegung unter meinen Fingern und musste lächeln. Wenig später schlüpfte ich in meine Kleider. Nicole war wach geworden und hatte Hunger.  

Am Abend bekam ich ohne Vorwarnung Bauchkrämpfe, die ich dem Genuss des Sauerkrautes vom Mittagessen zu schrieb. Als ich die Schmerzen nicht mehr aushielt, nahm ich eine Tablette und wie durch ein Wunder ließen die Krämpfe nach. Am nächsten Nachmittag waren sie jedoch wieder da. Krampfartig zogen sie sich vom Magen über meinen Unterleib. Schlimmer noch als am Tag zuvor. Und dann der Schock, als ich später Blut im Urin entdeckte. In meinem Kopf schlugen sämtliche Alarmglocken an, denn das bedeutete nichts Gutes und ich bekam es mit der Angst zu tun. Mein Mann beruhigte mich und meinte, dass das nicht unbedingt etwas Schlimmes zu bedeuten hätte, aber die Sorge um mein ungeborenes Baby ließ mich nicht los und so rief ich kurz entschlossen meinen Gynäkologen im 15 Kilometer entfernten Mannheim an. Es war 18 Uhr und ich hoffte, dass er noch in seiner Praxis war. Ich hatte Glück und schilderte ihm mein Problem.

„Kommen Sie gleich morgen Früh in die Sprechstunde“, vertröstete er mich auf den nächsten Tag. Ich verstand die Welt nicht mehr. Sein Feierabend schien ihm wichtiger zu sein als eine Patientin in Not. Mit Wut im Bauch blieb mir am Ende nichts anderes übrig, als zu warten.

  

Die Schmerzen verstärkten sich von Stunde zu Stunde und die folgende Nacht wurde, trotz der Einnahme einer Schmerztablette, zur Qual. An Schlaf war nicht zu denken und ich war froh, dass wenigstens Nicole schlief. Mein Mann fand ebenfalls keine Ruhe und versuchte, mich zu beruhigen. Ich hatte Angst um mein Baby, Wut auf meinen Arzt und ärgerte mich darüber, dass ich nicht einfach ins Krankenhaus gefahren war.  

Gegen Morgen ließen die krampfartigen Schmerzen zum Glück etwas nach, aber mein Mann nahm sich kurzerhand Urlaub und bestand darauf, anstatt zum Frauenarzt, gleich in die Klinik zu fahren. Zuvor holte meine Schwiegermutter noch eine Einweisung beim Hausarzt und Nicole gaben wir in die Obhut meiner Schwägerin.

 

Im Krankenhaus kümmerte man sich sofort um mich und eine Reihe von Untersuchungen begann. Ich merkte sofort, dass die Ärzte mit dem Ergebnis nicht zufrieden waren. Ich hatte schon leichte Wehen, das Kind war recht klein und die Herztätigkeit und Aktivität unregelmäßig, aber noch nicht besorgniserregend. Dafür gab es andere Probleme.

„Ihr Blutdruck macht uns im Moment die größte Sorge“, sagte der Oberarzt ernst. „Der ist viel zu hoch. Haben Sie das häufiger?“ Ich verneinte.

„Dann müssen wir ihn senken, um das Ungeborene nicht zu gefährden. Wir wollen außerdem versuchen, die Geburt hinauszuziehen.“

„Wie lange?“, fragte ich.

„Drei Wochen.“

„Muss ich die etwa im Krankenhaus verbringen?“, fragte ich ungläubig.

„Das wäre besser. Doch jetzt kümmern wir uns erst einmal um den Blutdruck.“

Damit hatte ich allerdings nicht gerechnet. Drei Wochen hier und wer kümmerte sich um Nicole und meinen blinden Mann, zumal seine Mutter, die mit im Haus wohnte, auch nicht mehr die Jüngste war?

 

Die nächsten Tage vergingen nur langsam. Ich bekam Wehen hemmende Pillen und strikte Bettruhe verordnet. Der Blutdruck wurde ständig kontrolliert und zweimal am Tag musste ich zum CTG, Herztöne des Babys kontrollieren. Einzige Abwechslung waren der Besuch meines Mannes nach Feierabend und die Unterhaltung mit den netten Zimmerkolleginnen. Für die 2 ½-jährige Nicole hatten wir eine Lösung gefunden: Meine Eltern, die etwa 60 Kilometer von uns entfernt wohnten.

  

In den folgenden Tagen bekam ich diese starken krampfartigen Schmerzen noch zweimal, doch keiner der Ärzte wusste so recht, wodurch sie ausgelöst wurden. Der Blutdruck, ich musste Diät essen und bekam nicht meinen geliebten Kaffee, normalisierte sich zwar etwas, doch die Angst blieb, zumal ich das Gefühl hatte, dass mein Bauch seit dem Klinikaufenthalt dünner und die Kindsbewegungen noch seltener geworden waren.  

 

Dann kam der 14 Juni, genau eine Woche nach meiner Klinikaufnahme. Morgens beim CTG sagte zwar niemand etwas, aber ich musste kein Arzt sein, um zu hören, dass die Herztöne des Babys im Vergleich zum gestrigen Abend unregelmäßiger geworden waren. Da der Arzt aber weiter nichts dazu sagte, fragte ich auch nicht. Ich fühlte mich ja in guten Händen und wenn akute Sorge bestand, würden die es mich ja bestimmt wissen lassen.

Ich fühlte mich im Augenblick ja nicht einmal schlecht und unterhielt mich noch angeregt mit meinen Zimmernachbarinnen, die ihre Kinder schon hatten. Am Nachmittag kam mein Mann und wir gingen ein bisschen auf dem Flur umher und setzten uns zu anderen Patienten in die Sitzecke. Vor dem Abendessen ging ich dann abermals zum CTG und da musste ich mit Schrecken feststellen, dass kaum noch Herzgeräusche zu hören waren. Diesmal meinte der Arzt: „Das gefällt mir gar nicht.“

Später,  so gegen 20 Uhr, mein Mann war längst gegangen und ich auf meinem Zimmer, holte mich eine Schwester und brachte mich zum Chefarzt. Nach der folgenden Untersuchung stand es fest.

„Wir müssen das Kind holen“, klärte er mich mit ernstem Ton auf. „Das Fruchtwasser ist trüb und Sie wissen ja, dass das CTG schlecht ausfiel. Eine Geburtseinleitung würde zu lange dauern, deshalb machen wir einen Kaiserschnitt. Am besten, Sie bleiben gleich hier, denn wir müssen noch einige Vorbereitungen treffen und Blut abnehmen. Außerdem noch Konserven mit Ihrer Blutgruppe anfordern, falls wir welche brauchen.“

 

Als ich mich von dem Schrecken erholt hatte, fiel plötzlich alle Anspannung der letzten Tage von mir ab und eine innere Ruhe nahm von mir Besitz. Wie eine Marionette ließ ich alles über mich ergehen und bat lediglich einen Arzt, bei meinem Mann zu Hause anzurufen, damit er Bescheid weiß. Das tat der Doktor freundlicherweise auch.

Den Magen mussten sie mir gottseidank nicht auspumpen, da die Abendmahlzeit schon über fünf Stunden zurück lag. Der Krankenwagen für Frühgeburten wurde von der 25 Kilometer entfernten Kinderklinik angefordert und dann war es soweit. Mein letzter Gedanke, bevor ich im Nichts versank, galt meinem Baby und das alles gut ausgehen sollte.

 

Als ich kurz zu mir kam, weil eine Schwester mir die Wange tätschelte und meinen Namen rief, war alles vorbei. Bevor ich aber wieder einschlief, hörte ich noch, dass ich eine Tochter hatte.

Erst am folgenden Tag erfuhr ich dann die ganze Geschichte. Mein Baby war knapp 41 cm groß und ca. 1600 g schwer (1200 g, nachdem das Wasser aus dem Körper verschwunden war). Ein Frühchen, das in seiner warmen Hülle nicht mehr ausreichend mit Nahrung und Sauerstoff versorgt wurde. Am nächsten Tag wäre es vielleicht schon zu spät gewesen. Sofort nach der Geburt hatte man mein Kind nach Heidelberg in die Kinderklinik und auf die Intensivfrühgeburtenstation gebracht, ohne dass ich es auch nur einmal gesehen hatte.

 

Ich war nicht mehr auf mein altes Zimmer zurückgekommen. War sicher besser so, denn der Anblick stillender, fütternder oder glücklicher Mütter war in den nächsten Tagen unerträglich für mich. Ich sehnte mich nach meinem Kind, das in der fernen Kinderklinik ums Überleben kämpfte. Ich versuchte, so schnell es ging wieder auf die Beine zu kommen und als ich dann zum ersten Mal zur Telefonzelle ins Erdgeschoss konnte, rief ich in der Kinderklinik an (ich hatte zu diesem Zeitpunkt kein Telefon an meinem Bett). Der Arzt sagte mir, dass die Überlebenschancen 50:50 stünden. Das zog mich total nach unten und ich bat meinen Mann, in den nächsten Tagen in Heidelberg anzurufen. Ich traute mich nicht mehr.

Aber Melanie, wie wir unsere Tochter nannten, schaffte es, zumindest war ihr Gesundheitszustand bald einigermaßen stabil, was mich dann doch etwas zur Ruhe kommen ließ. 

Da die Ärzte die Ursache meiner krampfartigen Schmerzen herausfinden wollten, musste ich mich nun röntgen lassen. Magen, Darm, Nieren/Blase und Leber. Alles ohne Befund, es gab keine Anzeichen irgendwelcher organischer Störungen oder Erkrankungen. Was also war der Grund für die Frühgeburt und das Versagen der Plazenta gewesen?

Das erfuhr ich bei der nächsten Kontrolluntersuchung bei meinem Frauenarzt, dem ich alles haargenau schilderte.

„Sie hatten eine PräEklampsie“, antwortete er und darunter konnte ich mir rein gar nichts vorstellen. Ich musste ihn verständnislos angeschaut haben, denn er meinte: „Das kommt bei Schwangeren öfter vor und ist eine Schwangerschaftsvergiftung.“

Wie kam ich zu so etwas? War vielleicht das Eiweiß im Urin, das auf eine Nierenerkrankung hinwies, die Ursache gewesen? Insgeheim gab ich meinem Arzt die Schuld, weil er nichts dagegen unternommen hatte.

Aber in der Zeit, die nun folgte, stand mir weiß Gott nicht der Sinn danach, dem Rätsel auf die Spur zu kommen und es sollten viele Jahre vergehen, bis ich etwas über „Präeklampsie“ las, die in den schlimmsten Fällen zu einer Eklampsie mit epileptischen Anfällen bis zur Bewusstlosigkeit führen kann. Sie entsteht etwa im letzten Drittel der Schwangerschaft mit Symptomen wie z.B. starke Kopfschmerzen und Übelkeit - was in mir den Verdacht weckte, dass ich womöglich gar keine Stirnhöhlenvereiterung hatte – Ödemen, Eiweißablagerung im Urin, starke Schmerzen im Bauch und Bluthochdruck. Geringes Wachstum des Fötus und die Gefahr der vorzeitigen Plazenta-Ablösung, was ja letztendlich auch zur Frühgeburt geführt hatte.  

 

 


powered by Beepworld