Willi, der Weihnachtsmann

 

 


In vier Wochen war Weihnachten. Die Menschen auf der Erde hatten auch in diesem Jahr wieder ziemlich anspruchsvolle Wünsche. Willi, der Weihnachtsmann, las alle Wunschzettel seines Bezirkes und sortierte sie. Dabei schüttelte er mehrmals den Kopf und murmelte in seinen langen, weißen Bart hinein: „Oje, oje, oje“. Abermals kam der himmlische Postbote und brachte Post.

„Hast in diesem Jahr besonders viel zu arbeiten, Willi!“ meinte er und verschwand nach einem freundlichen Gruß.

Willi schaute verzweifelt auf den Briefberg. Er verstand manchmal die Menschen auf der Erde nicht mehr. Warum warteten sie mit ihrer Wunschliste immer, bis es fast Weihnachten war? Er war schließlich auch nicht mehr der Jüngste und in den letzten Jahren waren die Ansprüche der Leute enorm gewachsen. Die Befürchtung Willis, seine schon recht müde gewordenen Knochen würden dies nicht mehr lange mitmachen, wuchs, wenn er an die Zukunft dachte.

Er erinnerte sich an frühere Zeiten, in denen er das Amt des Weihnachtsmannes gerne und mit Würde getragen und ausgeführt hatte. Damals war es noch einfach, mit Freude die Wünsche der kleinen Mädchen und Buben zu erfüllen: Puppen, Teddybären, Puppenkleider, eine Flöte, Bücher, Puppenstuben mit Geschirr oder Kaufläden, Autos, Rollschuhe, Spiele, Malbücher mit Stiften, eine neue Lokomotive für die Eisenbahn, Bausteine oder einen neuen Schulranzen. Manchmal hatte schon ein Teil gereicht, um ein Kind glücklich zu machen. Und jetzt?

Heute gingen die Wünsche in eine andere Richtung: Handys, Fotokameras, Fernseh- und DVD-Spieler, Computer und, und, und. Sogar Tiere wünschten sie sich, die dann spätestens vorm nächsten Urlaub ausgesetzt wurden, weil sie hinderlich waren. Und, wie schnell war der Reiz der Dinge vorbei, und die teuren „Spielsachen“ landeten bald in irgendwelchen Ecken oder wurden durch neue ersetzt. Doch das Schlimmste für Willi war, dass sich nur noch wenige Kinder so richtig an Geschenken freuten.

Der Großteil der Erwachsenen bildete da kaum eine Ausnahme. Er hatte viele der Wunschzettel schon gelesen und nur den Kopf geschüttelt:  Computer, Pelzmäntel oder teuren Schmuck. Gutscheine für Schönheitsoperationen waren im letzten Jahr sogar der Renner. Ja, die Menschen dort unten werden sich bald einschränken müssen, dachte Willi, denn er hatte aus sicherer Quelle läuten hören, was so alles in den nächsten Jahren an Veränderungen zu erwarten war.

Im letzten Jahr war es sogar passiert, dass beim Laden seines Schlittens eine Kufe brach. Er hatte eine „Notreparatur“ vorgenommen und dennoch konnten seine Rentiere ihn kaum ziehen, so dass Willi sich gleich nach dem Weihnachtsfest entschloss, fürs kommende Jahr zwei zusätzliche Tiere zu besorgen und außerdem einen größeren Schlitten.

Nun öffnete er die neuen Briefe undärgerte sich abermals über so manchen Wunsch. Es war zum Weinen. Abermals ergriff er einen weißen Umschlag, auf dem in krakeliger Handschrift stand:
„An den lieben Weihnachtsmann.“

Er öffnete das Kuvert und ein Zettel fiel ihm entgegen. Willi nahm ihn zur Hand, las, was darauf geschrieben stand, und bekam plötzlich ganz feuchte Augen.

„Lieber Weihnachtsmann,
im Sommer ist mein Papi gestorben und meine Mami und mein Brüderchen und ich sind so traurig. Wir mussten aus unserer großen Wohnung, wo jeder sein eigenes Zimmer hatte. Weil kein Geld da war, wohnen wir jetzt bei Omi. Meine Omi ist sehr lieb, aber es ist kaum Platz für uns alle. Mami weint oft. Weihnachten gibt es diesmal auch keine Geschenke sagt sie, und ich möchte doch so gerne ein paar neue Kleider für meine Lieblingspuppe, damit sie nicht mehr friert, und für Jan, das ist mein Brüderchen, ein eigenes Bettchen mit einer Decke, damit wir nicht mehr zusammen in einem Bett schlafen müssen.
Lieber Weihnachtsmann, und noch etwas: Mami soll endlich wieder fröhlich sein. Deine Lili.
Darunter standen noch der Ort und die Straße.

Willi las den Brief abermals und legte ihn zur Seite, aber nicht zu all den anderen Wunschzetteln. Für heute hatte er genug, denn die Zeilen des kleinen Mädchens gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf. So, wie der kleinen Lili, ging es sicher Vielen. Da gab es Menschen, die im Überfluss lebten, nicht wissend, wie und wo sie ihr Geld noch ausgeben sollten, und dort gab es Jene, für die jeder Tag ein Kampf ums Überleben war.

Nach einer durchwachten Nacht hatte er einen Entschluss gefasst: Für die diesjährige Bewältigung der vielen Wünsche brauchte er dringend Unterstützung. Da mittlerweile die Zeit drängte, gab er sofort beim himmlischen Postamt eine Annonce auf:

Gesucht werden zuverlässige Aushilfs-Weihnachtsmänner. Die Zeit drängt. Willi, der Weihnachtsmann, Westliche Himmelspforte, Zum blinkenden Stern.

Um die Wartezeit bis zum Eintreffen seiner Hilfskräfte zu überbrücken, begann er schon einmal mit dem Sortieren der Wunschzettel. Er ordnete sie in unterschiedliche Kategorien, Kinder und Erwachsene getrennt, sowie auch die jeweilige Wunschrichtung. Zwei Tage später kamen die ersten Bewerber und nun ging die Qual der Wahl los.

Willi nahm sie alle genau unter die Lupe, denn schließlich ging es hier um eine sehr vertrauenswürdige und pflichtbewusste Angelegenheit, und er brauchte zuverlässige Helfer.
Bald aber schon hatte er seine Wahl getroffen und fünf freundlich dreinblickende Aushilfs-Weihnachtsmänner, die zudem noch jung und recht kräftig waren, ausgewählt. Er erklärte ihnen, was sie zu tun hatten.

„Es wird kein Honigschlecken werden, Kameraden. In diesem Jahr haben die Menschen sehr große Wünsche, kaum mehr zu bewältigen für einen alten Mann wie mich!“
„Wir haben keine Bange, Chef. Haben schon bei anderen Weihnachtsmännern ausgeholfen und wissen, was auf uns zukommt. Wir machen das schon.“
„Nun gut, dann beginnen wir mit dem Verteilen der einzelnen Listen und machen uns danach gleich an die Arbeit.“ Es schien, als hätte Willi Glück gehabt mit seinen Helfern, denn jeder Einzelne stürmte sofort los und besorgte die Artikel auf seiner Liste. Willi hatte sich für die Spielsachen entschieden, zumal es da noch etwas Besonderes gab, das er im Auge hatte.

So standen am 24. Dezember nur fünf voll beladene Schlitten bereit, und die Aushilfs-Weihnachtsmänner blickten Willi unverständlich und staunend an.
„Kommen Sie nicht mit auf die Erde?“, fragte einer von ihnen.
„Doch, ich fahre hinunter, mache aber einen ganz besonderen Besuch. Ich möchte da Jemanden überraschen.“ Er zwinkerte mit den Augen. Mehr erfuhren die Fünf von ihm heute nicht.

Nachdem sich Willi davon überzeugt hatte, dass die Aushilfs-Weihnachtsmänner auch die Listen mit den Lieferadressen eingesteckt hatten, bedankte er sich für deren Hilfe und wünschte ihnen ein frohes Fest. Die Fahrt konnte beginnen.

Erst, als die Fünf außer Sicht waren, begab sich Willi zu seinem Schlitten. Dieser war nur mit wenigen Päckchen beladen, denn dort, wo er hin wollte, würde man sich über das Wenige sicher mehr freuen, als über den protzigsten Gabentisch.

Als er zur Erde kam und sein Ziel gefunden hatte, drang das Läuten von Kirchenglocken an sein Ohr, welches die Menschen des kleinen Ortes zum Gottesdienst rief. Wenn er Glück hatte, war die kleine Lili, deren Zeilen ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen waren, mit ihrer Familie ebenfalls in der Weihnachtsandacht.

 

Das schäbige Häuschen, wohl eher einer Hütte ähnlich, lag im Dunkeln. Also war niemand zu Hause und er konnte in Ruhe mit seiner Überraschung beginnen.
Er war pünktlich fertig und wartete in einem guten Versteck, bis die Bewohner heimkamen. Willi hörte zuerst die Kinderstimmen und dann sah er, wie vier Menschen vor dem Haus standen. Sie schauten erstaunt  zu einem der Fenster, durch das mattes Kerzenlicht fiel.
„Verstehst du das, Mutter?“, hörte Willi die Stimme einer jungen Frau.
„Nein, ich habe das Licht gelöscht und unsere letzten Kerzen wollte ich später anzünden. Wenn die Kinder schon auf Geschenke verzichten müssen, so doch wenigstens nicht auf Kerzenlicht, wenn wir die Weihnachtsplätzchen von unserem Herrn Pfarrer essen.“ Das war nun sicher die Omi von Lili, dachte der Weihnachtsmann. Er lächelte vor sich hin. Dann waren sie im Hausinnern verschwunden und er hörte nichts mehr. Vorsichtig ging er nun zu dem Fenster, hinter dem der kleine Weihnachtsbaum stand, den er besorgt und schön geschmückt hatte.

Da standen sie nun, zwei Erwachsene und die beiden Kinder und brachten vor Staunen kein Wort heraus. Der Baum war nicht alles, denn davor lagen, in buntes Papier eingepackt, die Geschenke. Kleider für Lilis Puppe und ein Paar Schühchen. Einen Kamm und eine Bürste hatte Willi ebenfalls noch dazugelegt. Für das Brüderchen stand da ein Bettchen mit einer weichen Daunendecke und weil er damit ja nicht spielen konnte, saß auf der Decke ein Teddybär, der sogar Töne von sich gab, wenn man ihn drückte. Für die Mutter und die Oma hatte er warme Schals und Handschuhe bereitgelegt. Den krönenden Abschluss aber bildete ein festlich gedeckter Tisch mit einigen Leckereien, an dem sie sich satt essen konnten.

Willi, der Weihnachtsmann, konnte durch das geschlossene Fenster zwar nicht hören, was gesprochen wurde, doch er sah in allen Gesichtern eine so große und ehrliche Freude, dass ihm ganz warm ums Herz wurde.

Bilder aus längst vergangenen Jahren tauchten vor seinem geistigen Auge auf, denn damals war man über das Wenige glücklicher, als heutzutage über das Viele. Vielleicht sollte er sich doch pensionieren lassen, denn mit dem Wandel der Zeit kam er einfach nicht mehr zurecht und dies betrübte ihn sehr.

Mehr konnte er für Lilis Familie nicht tun, doch er wusste, dass er sie in diesem Augenblick wohl sehr glücklich gemacht hatte. Er bereute es keinen Moment, dass er seine fleißigen Helfer mit dem diesjährigen Austeilen der Geschenke betraut hatte, denn das, was er hier erleben durfte, war noch echte Freude. Eine von nachhaltiger Wirkung.

Er lächelte in seinen Bart, während er immer noch zum Fenster hinein schaute. Da begegnete er plötzlich Lilis Augen und – ertappt - zog er sich sofort zurück. Es sollte ihn doch keiner sehen! Er verschwand blitzgeschwind in der Dunkelheit. Im nächsten Moment wurde die Haustüre geöffnet und eine Kinderstimme rief: „Hallo, Weihnachtsmann, es gibt dich ja wirklich.“ Er antwortete nicht, und da sagte Lili: „Danke, lieber Weihnachtsmann.“

Willi hörte noch, wie die Mutter Lili ins Haus zurück rief, dann setzte er sich auf seinen Schlitten und verschwand mit einem Lächeln auf den Lippen.

Auf seinem Heimweg überflog er mehrere Ortschaften, bis er wiederum Glockenläuten vernahm. Es war Mitternacht und viele Menschen besuchten die Christmette. Er hatte es nicht eilig und so schlich er sich heimlich durch eine Seitentüre in die Kirche. In einer dunklen Ecke, wo ihn keiner sehen konnte, hörte er zu und betete.

 

 

 


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