Wenn die Liebe erwacht     (Liebesgeschichte)

 

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem die Weyrichs ins Nachbarhaus einzogen. Es war Ende Mai, und ich stand wenige Monate vor meiner Volljährigkeit. Dass ich Dominik, ihrem jüngeren Sohn, anfänglich mit Antipathie begegnete, lag wohl an seinem Auftreten mir gegenüber. Der herausfordernd freche Blick in seinen grauen Augen trug alleine schon dazu bei, die Mädchenherzen zum Schmelzen zu bringen. Bei mir sollte er sich aber getäuscht haben.

Da er gut aussah, war er sich seiner Wirkung auf Frauen durchaus bewusst. Und dies bewahrheitete sich auch binnen kurzer Zeit, denn viele junge Mädchen unserer Siedlung, darunter auch meine Freundin Annika und ihre Schwester Josie, schwärmten schon bald für ihn. 

 

Leider blieb es künftig nicht aus, dass sich Dominik Weyrichs und meine Wege hin und wieder kreuzten. Ich begegnete ihm stets kühl und reserviert, aber höflich. Über ein Guten Tag oder Guten Morgen ging unsere Konversation niemals hinaus. Jedes Mal fühlte ich seinen abschätzenden Blick im Nacken, wenn ich an ihm vorüber ging.

„Die stolze Anuschka, trägt ihren hübschen Kopf ziemlich hoch“, rief er oft hinter mir her, und ich wäre vor Wut am liebsten geplatzt. Wie ich diesen Kerl verabscheute, alleine schon wegen seiner Anwesenheit. 

 

„Die Weyrichs sind aber ganz nette Leute“, sagte meine Mutter eines Tages, es war ein Montag, beim Abendessen. „Ich habe heute Nachmittag Frau Weyrich getroffen und mich angeregt mit ihr unterhalten. Sie ist Ärztin und ihr Mann Architekt. Lorenz, der ältere Sohn studiert, wohnt aber bei seiner Freundin in der Innenstadt. Dominik arbeitet bei einer Bank. Er ist jedoch ein Luftikus. Verdreht den Mädchen die Köpfe. Anuschka, nimm dich bloß vor ihm in Acht.“

Mama machte eine Pause, doch bevor ich etwas erwidern konnte, sprach sie weiter: „Übrigens sind wir am Sonntag zum Kaffeetrinken eingeladen. Ich bin sehr gespannt, wie die sich eingerichtet haben.“

„Müssen wir denn da unbedingt hin?“, fragte Papa, der sich vor solchen Einladungen gerne drückte. Am liebsten verbrachte er, der tagtäglich als Beamter in einem tristen Büro saß, seine Freizeit im Hobbykeller oder ging Angeln. Mutter, die seit meiner Kindergartenzeit wieder im Lehrerberuf stand, nickte und meinte: „Ein gutes Nachbarschaftsverhältnis sollten wir schon pflegen, Heinz.“

 

Die Stunden eilten dahin und das Wochenende rückte in greifbare Nähe. Ich hätte mich, genau wie Papa, am liebsten vor diesem Kaffeetrinken gedrückt, doch Mama erwartete von mir, dass ich mitkam. So fügte ich mich in das Unvermeidbare, und wir betraten an dem Sonntag pünktlich gegen 15 Uhr das Nachbargrundstück. Nach der Begrüßung, bei dem Dominik kurz erschien, und ich auch Lorenz und seine Freundin Sandra kennen lernte, besichtigten wir mit Frau Weyrich das Haus. Anschließend ging es vom Wohnzimmer aus auf die Terrasse, wo man mit dem Kaffee schon auf uns wartete. Dominik saß nicht am Tisch, sondern lehnte in lässiger Haltung am Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt und grinste uns an, genauer gesagt mich an! Ich fühlte mich provoziert und wieder stieg Wut in mir hoch, die ich nur schwer unterdrücken konnte. 

 

Als ich an ihm vorbei wollte, hielt er mich plötzlich am Arm fest und meinte: „Deinen Stolz solltest Du Dir allmählich abgewöhnen.“ Er lachte leise dabei, und ich fühlte den Druck seiner Finger am Ellbogen. Rasch entzog ich mich seinem Griff und stolperte mehr, als ich lief, hinaus auf die Terrasse.

Während des ganzen Nachmittags saß mir Dominik gegenüber und taktierte mich mit seinen Blicken. Was für ein Flegel, dachte ich. Bei ihm musste die elterliche Erziehung wohl gänzlich versagt haben, Lorenz dagegen war ein sehr netter Kerl, mit freundlichen Augen und einem strahlenden Lächeln. Sandra, mit der ich mich auf Anhieb verstanden hatte, saß neben mir, und wir unterhielten uns ein wenig.

Ich war froh, als der Nachmittag endlich vorüber war und wir uns verabschiedeten. Froh, Dominiks Blicken entronnen zu sein, machten wir uns auf den Heimweg.

 

An einem der nächsten Samstagabende gingen Annika, Josie, deren Freundin Luise und ich ins Kino. Anschließend wollten wir noch bei Nico, der ein griechisches Lokal leitete, einkehren. Meinen Eltern erzählte ich das lieber nicht, denn sie hätten gegen einen Gaststättenbesuch bestimmt Einwände erhoben. Deshalb hatte ich ihnen auch gesagt, dass ich nach dem Kino noch mit Annika nach Hause gehe. Hauptsache, ich war eine Stunde vor Mitternacht daheim.

 

Der Film war nur mittelmäßig, daher verließen wir bald schon die Vorstellung. Bei Nico hingegen war viel los, doch wir bekamen einen kleinen Tisch für uns und bestellten etwas zum Trinken. „Schaut mal dort, der Dominik“, flüsterte Luise kurz darauf. „Diesmal hat er ne Blondine an der Angel!“ Tatsächlich, er war es, und dieses Mädchen hing wie eine Klette an ihm. Wenn er uns nur nicht bemerkte, schoss es mir durch den Sinn, und ich machte mich ganz klein auf dem Stuhl. Der würde ganz sicher meinen Eltern sagen, dass er mich hier gesehen hatte und das bedeutete Ärger. Der Abend war mir plötzlich verdorben, und es wollte einfach keine Stimmung mehr aufkommen, zumindest von meiner Seite. Und dann war das „Unglück“ auch schon geschehen: Er musste uns gesehen haben und stolzierte  geradewegs auf unseren Tisch zu.

„Guten Abend, meine Schönen“, sagte er, und meine Begleiterinnen schmolzen geradewegs dahin wie Butter in der Sonne. Doch irgendwie hatte ich den Eindruck, als ob Dominik das gar nicht so richtig registrierte, denn er sah mich herausfordernd an und meinte: „Wissen Deine Eltern, dass Du hier bist?“

Ich schluckte und spürte wieder diesen Druck in der Magengegend, der mich seit Tagen quälte. Dann fing ich mich wieder und schnaubte: „Geht Dich das etwas an? Außerdem hat niemand nach Deiner Meinung gefragt. Geh, Deine Freundin vermisst dich schon.“ Ich hatte das kaum ausgesprochen, da stand sie auch schon neben ihm, nahm seinen Arm und flötete: „Wo bleibst Du denn, Nickilein! Komm, spendiere Deiner kleinen Karla noch einen Cognac.“

Ich musste plötzlich lachen und folgende Bemerkung rutschte mir einfach über die Lippen: „Na, hörst Du nicht, Nickilein, Deine Süße verlangt nach Dir.“ Und plötzlich lachten auch die anderen am Tisch. Dominik sah mich böse an und verschwand mit der Blondine.

„Ich weiß gar nicht, was Du gegen ihn hast“, sagte Josie nach einer Weile. „Er ist doch nett, ein bisschen frech, zugegeben, doch nicht so aufgeblasen wie manch anderer.“ Annika pflichtete ihrer Schwester bei und Luise meinte: „Na ja, ist ganz passabel, flirtet mir nur etwas zu viel, es scheint ihm Spaß zu machen, dass man sich nach ihm umdreht. Kommt, lasst uns zahlen. Es ist schon fast Elf.“ Wenig später standen wir draußen, und ich atmete die laue Abendluft ein. Bis zur Kreuzung gingen wir gemeinsam, dann trennten sich unsere Wege. 

 

Ich hätte gerne den Gedanken an Dominik verdrängt, doch es gelang mir nicht, und das machte mich wütend. Ich passierte gerade das Grundstück der Weyrichs, als er plötzlich vor mir stand und mich am Weitergehen hinderte. „Weißt Du nicht, wie gefährlich es für ein Mädchen ist, bei Nacht allein durch die Gegend zu ziehen?“, fragte er mit einem etwas ironischen Unterton.

„Ich sagte vorhin schon, dass Dich das nichts angeht“, erwiderte ich. „Kümmere Dich also um Deine eigenen Sachen.“

Er gab mir immer noch nicht den Weg frei und meinte: „Bei Euch im Haus brennt Licht, falls Du das noch nicht bemerkt haben solltest.“ Da sah ich es auch. „So, wie ich Dich kenne, würdest Du meinen Eltern gern erzählen, wo Du mich gesehen hast, stimmt's?“, bemerkte ich nun bissig. Er lachte leise. „Du hast wirklich keine allzu gute Meinung von mir, wie ich feststelle. Doch Du gehst jetzt besser ins Haus.“

„Du musst Dich wirklich nicht zu meinem Beschützer aufspielen“, antwortete ich, ging an ihm vorbei und öffnete kurz darauf unser Gartentor. Im Haus war alles still, doch ich wusste, dass meine Eltern erst das Licht löschten, wenn sie mich heimkommen hörten.

 

In meinem Zimmer trat ich ans Fenster und öffnete es weit. Von hier aus konnte ich direkt Weyrichs Terrasse sehen. Da stand er, Dominik, winkte mir zu und sagte etwas, das ich aber bei der Entfernung nicht verstand. Nur sein Lachen vernahm ich, als er ins Haus ging. Erst weit nach Mitternacht schlief ich ein.

 

An einem der nächsten Tage traf ich Dominik im Park. Ich kam aus der Berufsschule und hatte noch keine große Lust, heimzugehen. Seit Tagen schon fühlte ich eine Nervosität, die ich noch niemals zuvor an mir festgestellt hatte. Daher kaufte ich am Kiosk Zigaretten und ein Feuerzeug und dachte, das Rauchen würde mir über die derzeitige Verfassung hinweghelfen. Ich glaubte mich unbeobachtet und steckte eine Zigarette an, doch schon beim ersten Zug bekam ich einen Hustenanfall. Plötzlich klopfte mir jemand auf den Rücken, und als dieser Jemand meinte: „Wenn Du nicht rauchen kannst, dann solltest Du es lassen.“, wusste ich, dass es Dominik war, ausgerechnet dieser Kerl, dem ich permanent aus dem Weg gehen wollte.

„Wissen deine Eltern, dass du im Begriff bist, deine Gesundheit zu ruinieren?“, fragte er und klopfte immer noch leicht auf meinen Rücken. Der Hustenreiz ließ nach, doch Dominiks Hand blieb liegen, als würde sie dort hingehören. Ein bis zu diesem Augenblick nie gekanntes Gefühl bemächtigte sich meiner. Angenehm und warm lag seine Hand dort und plötzlich wünschte ich mir, dass er sie da auch lässt. Als er sie aber abrupt fortzog, fröstelte es mich mit einemmal.

„Du wirst es doch nicht ausposaunen?“, fragte ich absichtlich schroff, weil ich mich über mein aufkommendes Gefühl ärgerte. Ich wollte mich nicht verlieben, nicht in einen Luftikus wie Dominik.

Er saß immer noch neben mir und schaute mich mit einem Blick an, den ich an ihm noch nie bemerkt hatte.

„Warum machst Du solchen Blödsinn? Werde endlich erwachsen. Rauchen ist schädlich und passt nicht zu dir.“

„Woher willst Du wissen, was zu mir passt?“, fragte ich schnippisch.

Er blieb mir die Antwort schuldig, erhob sich und ging wortlos davon. Ein paar Minuten später machte auch ich mich auf den Weg. Als ich an einer anderen Parkbank vorüberkam, auf der ein älterer, recht zerlumpter Mann saß, holte ich die Zigaretten nebst Feuerzeug aus meiner Jackentasche und schenkte ihm Beides.

 

Dominiks Berührung im Park konnte ich nicht vergessen, und das ärgerte mich. Immer, wenn ich daran dachte, kribbelte es in mir, und ich verachtete ihn dafür um so mehr. In den nächsten Tagen ignorierte ich ihn bei jeder Begegnung. Dann wurde ich unverhofft von Frau Weyrich zum Ärzteball eingeladen, keine pflichtgemäßen Abendkleider, ganz zwanglose Garderobe. Zuerst waren meine Eltern dagegen, gaben aber nach einiger Überredungskunst seitens Frau Weyrich nach.

„Warum ausgerechnet du eingeladen bist, verstehe ich nicht. Die Weyrichs kennen doch bestimmt genug junge Mädchen, die dafür besser geeignet sind als du“, war Vaters ganzer Kommentar. Und er verletzte mich sogar etwas damit. Papa schien wohl nicht sehr viel von mir zu halten.

„Nun lass Anuschka doch, so kommt sie auch mal mit anderen Menschen zusammen, nicht nur mit ihren Freundinnen. Frau Weyrich wird sich um sie kümmern.“, meinte meine Mutter und ich kam mir plötzlich wie ein kleines Schulmädchen vor. Ich fand überhaupt, dass die Eltern mich oft noch wie ein Kind behandelten.

„Oder möchtest Du lieber nicht mitgehen?“, hörte ich Mamas Frage in meine Gedanken dringen.

Ehrlich gesagt, ich wusste selbst nicht, was ich wollte. Ein Ball, war das nicht eine Sensation für jedes junge Mädchen? Ich tanzte zwar gerne, so auf den Partys, die Annika und Josie oft gaben, oder in der Disco, die ich aber nur in Begleitung meiner Freundinnen besuchen durfte. Und das auch nicht länger als bis halb Elf.

 

So stand ich also am Abend des besagten Tages vor dem Haus der Weyrichs, in einem neuen, dunkelblauen Kleid, das ich mir auf Bitten meiner Mutter gekauft hatte. Mein dunkelbraunes, schulterlanges Haar trug ich ausnahmsweise nicht zu einem Pferdeschwanz gebunden, sondern offen. Herr Weyrich fuhr gerade seinen BMW aus der Garage, als auch schon seine Frau aus dem Haus kam. „Guten Abend, Anuschka“, begrüßte sie mich freundlich. Ihr Mann öffnete die Beifahrertür. „Nun die Damen, dann wollen wir mal. Wenn ich bitten dürfte, einzusteigen.“ Ich begrüßte auch ihn und ließ mich in die weichen Lederpolster der Rückbank sinken.

 

Von Sandra, mit der ich mich einige Male getroffen hatte, wusste ich, dass sie mit Lorenz auch zu diesem Ball ging. Den Namen Dominik erwähnte niemand, und ich ging davon aus, dass er fern bleiben würde.

Aber das erwies sich später als Täuschung.

Die Fahrt dauerte etwa fünfzehn Minuten, einen Parkplatz zu finden nochmals Zehn. Es herrschte großer Andrang und ich bekam plötzlich Panik. So viele Menschen war ich nicht gewohnt, und in diesem Moment hätte ich am liebsten auf der Stelle kehrt gemacht. Doch dann hatten wir unseren Tisch erreicht. Lorenz und Sandra waren schon anwesend, und, ich traute meinen Augen nicht, Dominik. Er stand auf, und mir verschlug es für einen Moment den Atem. Dieser Mann sah unverschämt gut aus, als wäre er gerade einem Modemagazin entstiegen. Er trug einen Kombi, bestehend aus hellgrauer Jacke und schwarzer Hose, dazu ein blaues Hemd, aber ohne Krawatte. Die oberen Knöpfe standen offen. Und er lächelte, charmant, freundlich und rückte mir den Stuhl zurecht, der neben dem Seinen stand. Wie sollte ich den Abend an seiner Seite überstehen, fragte ich mich verwirrt.

„Dass auch ich anwesend bin, damit hast Du wohl nicht gerechnet?“, flüsterte er mir ins Ohr, und wieder fühlte ich dieses Kribbeln über meinen Rücken laufen. „Du siehst wunderschön aus, weißt Du das, Anuschka?“

Tausend Bienen summten in meinem Schädel und meine Hände zitterten, als ich nach meinem Glas griff, um einen Schluck zu trinken.

„Sind Sie aufgeregt? “, fragte Frau Weyrich, die mein Zittern bemerkt haben musste. „Das brauchen Sie aber nicht, ist hier alles zwanglos.“ Sie lächelte mir freundlich zu.

„Lass uns tanzen“, forderte mich Dominik auf, als die Musik zu spielen begann. Ich wollte protestieren, doch Frau Weyrich meinte mütterlich: „Tanzen sie ruhig, Anuschka, Sie müssen nicht den ganzen Abend bei uns Alten sitzen.“

 

Lorenz und Sandra erhoben sich, und ich ergab mich in mein Schicksal. Es war ein Fox und Dominik ein hervorragender Tänzer. Leicht wie eine Feder fühlte ich mich in seinem Arm, als wir uns im gleichen Rhythmus bewegten.

Ich versuchte dabei, ihm so wenig wie nur möglich ins Gesicht zu sehen.

„Gib deinen Stolz endlich auf“, hörte ich ihn flüstern. „Du weißt gar nicht, wie bezaubernd du gerade heute aussiehst.“ Am liebsten wäre ich davon gerannt, doch hätte dies mit Sicherheit Aufsehen erregt, und andererseits brachte ich es ohnehin nicht fertig, mich seiner Umarmung zu entziehen. Etwas war mit mir geschehen, das hatte ich schon damals im Park gespürt. Und dieses Etwas war stärker als die Vernunft. Wir tanzten fast ausschließlich miteinander an diesem Abend, und jedes Mal hatte ich das Gefühl, mit ihm in eine andere Welt zu schweben.

 

Meine Gedanken drehten sich fast nur noch um Dominik. Ich träumte von ihm und hoffte dennoch, von seiner Gegenwart nicht allzu oft heimgesucht zu werden. Er hatte meine heile Welt vollkommen aus der Bahn geworfen.

 

Dann begannen die Sommerferien und auch ich hatte vierzehn Tage Urlaub. Die Weyrichs fuhren für drei Wochen fort. Das wusste ich von meiner Mutter. Lorenz verbrachte seine Zeit wie immer bei Sandra, doch Dominik war zu Hause. Abend für Abend hörte ich durch mein geöffnetes Fenster die Musik von nebenan. Ob er nun, da er allein im Haus war, Partys feierte? Leute hörte ich allerdings nie. Vielleicht vergnügte er sich mit irgendeinem Mädchen, überlegte ich und fühlte, wie Eifersucht in mir aufstieg. Der Gedanke, dass er eine Frau bei sich haben könnte, war mir unangenehm. Jeden Abend lag ich wach im Bett und lauschte der Musik, die durch Weyrichs offene Terrassentür zu mir herüber drang.

 

Ich wollte es wissen, nein, ich musste es wissen, ob er alleine war oder nicht. Und so schlich ich mich eines Abends, als die Eltern schon schliefen, durch den Kellerausgang in unseren Garten. Ein lauer Sommerabend und die Sichel des Halbmondes begleiteten mich, als ich das Grundstück der Weyrichs betrat. Vorsichtig pirschte ich mich an das Haus heran, lugte um die Ecke, Richtung Terrasse. Die Neugier trieb mich weiter voran, die wenigen Stufen hinauf, bis ich vor dem Wohnzimmerfenster stand. Leider war der Vorhang zugezogen, und ich konnte nicht hinein schauen. Die Terrassentür aber stand offen, ein breiter Lichtstrahl fiel nach draußen. Tanzmusik drang an mein Ohr, so trat ich näher. Mein Herz klopfte bis zum Halse. Ich hörte nur die Musik, sonst nichts. Plötzlich kam ich mir albern vor und wollte auf der Stelle kehrtmachen, blieb aber wie angewurzelt stehen. Dominik, ein Lächeln auf dem Gesicht, so stand er da. „Suchst du etwas Bestimmtes?“, fragte er amüsiert und kam näher, bis er dicht vor mir stehen blieb. Ich rührte mich nicht, erkundete nur mit den Augen einen möglichen Fluchtweg, den er mir jedoch abschnitt.

„Nun, ich warte auf deine Antwort“, sagte er leise. „Bist du stumm geworden?“ Ich brachte keinen Ton heraus, und sein Gesicht kam dem meinen immer näher. Ich roch sein After Shave, und im nächsten Moment fühlte ich auch schon seine Lippen auf meinem Mund. Er umarmte mich nicht, nur sein Mund ruhte auf dem Meinen, und ich wäre um keinen Preis der Welt mehr fortgelaufen. Wie mechanisch schlangen sich meine Arme um seinen Hals, und ich hatte nichts dagegen, von ihm nun endlich umarmt und immer wieder geküsst zu werden.

Plötzlich gaben meine Knie nach, und es toste in meinen Ohren. Da half er mir wieder auf die Beine und trug mich hinüber ins Wohnzimmer.

 

Wir redeten lange miteinander und tanzten zum Rhythmus der Musik. Die Welt schien still zu stehen. Irgendwann jedoch löste ich mich aus seinem Arm und meinte, es sei an der Zeit, heimzugehen.

„Hoffentlich haben die Eltern nichts gemerkt“, sagte ich, als er mich zu unserem Grundstück begleitete. Alle Fenster waren zum Glück dunkel.

„Gute Nacht, Dominik“, wünschte ich ihm. Er beugte sich zu mir, hob mein Kinn und küsste mich noch einmal. „Schlaf auch du schön, meine Süße. Am liebsten würde ich dich gar nicht erst gehen lassen. Ich liebe dich.“ Ich legte einen Finger auf seine Lippen und flüsterte: „Sag das nicht, wenn du es nicht auch so meinst.“

„Du hältst wohl immer noch nicht viel von mir?“, wollte er wissen.

„Ich weiß nicht, was ich denken soll. Da habe ich mir so viel Mühe gegeben, dir aus dem Weg zu gehen, doch ich bekomme dich nicht aus dem Sinn. Du verdrehst allen Mädchen den Kopf, wie kann ich dann glauben, dass du nur mich liebst.“

„Du bist die Einzige, die mich vom ersten Augenblick an verzaubert hat. Lass die Mädchen schwärmen, das hört auch einmal auf. Ich habe immer gehofft, dass Du eines Tages Deine Abneigung mir gegenüber aufgibst. Und seit wir auf dem Ball miteinander getanzt haben wusste ich, dass es geschehen würde, weil auch Du etwas für mich empfindest. Meine Hoffnung war also nicht vergeblich.“ Er drückte mich noch einmal sanft an sich.

 

Als ich später im Bett lag, die Musik von nebenan war verklungen, konnte ich wieder einmal nicht einschlafen. War das die Liebe, über die so viel geschrieben und gesungen wurde? Ich wollte gerne glücklich sein, hatte aber Angst davor, dass Dominik nur mit mir spielte.

Während ich den Druck seiner Lippen immer noch auf meinem Mund spürte, dämmerte ich allmählich doch ins Traumland hinüber.

 

Am Morgen wollte keine richtige Freude in mir aufkommen, als ich an den Vorabend dachte. Hatten Dominik und ich uns denn wirklich geküsst? Hatte ich in seinem Arm gelegen und mit ihm getanzt? Ich liebe dich, waren seine Worte, bevor wir uns trennten, doch war dieser Mann wirklich fähig, zu lieben? Trotz dieser Zweifel versetzte allein schon der Gedanke an ihn mich in eine andere Welt. Dominik hatte mein ganzes Dasein in Unordnung gebracht, und ich fühlte die erste Liebe in meinem jungen Leben tief in mir keimen.

Ich traute mich nicht aus dem Haus, hatte Angst, Dominik zu begegnen und zu erkennen, dass er es nicht ehrlich meinte. Vater war auf der Arbeit, und als Mama am Nachmittag zum Friseur gegangen war, klingelte es an der Tür. Ich öffnete und Dominik kam ohne lang zu zögern herein. „Anuschka“, flüsterte er heißer und sofort lagen wir uns in den Armen. Lange küsste er mich, und es war mit einem Mal alles so leicht um mich her. Nur er und ich, nichts weiter zählte.

 

Jeden Abend schlich ich mich nun zu Dominik hinüber, bis seine Eltern wieder aus dem Urlaub zurück kamen. Lorenz und Sandra waren die einzigen Eingeweihten, und sie schwiegen. Nicht einmal Annika erzählte ich davon, denn ich wusste, dass sie es niemals für sich behalten würde.

Wir verlebten zauberhafte Stunden, die um so vieles hätten schöner sein können, wäre da nicht die ständige Angst gewesen, meine Eltern könnten alles entdecken. Dominik versprach mir den Himmel auf Erden. In seinem Arm liegend glaubte ich ihm alles, doch wenn ich wieder alleine war, stellten sich Zweifel ein.

Und dann verbrachten wir die erste Nacht miteinander. Tags drauf kehrten seine Eltern zurück.

 

Meine erste Liebe blieb auch meine einzige Liebe. Leicht war es nicht gewesen, hauptsächlich meinen Eltern klar zu machen, dass Dominik es tatsächlich ernst meinte, und wir ein Liebespaar waren. Er tat wirklich alles, um auch meine letzten Zweifel zu beseitigen. Dass wir zusammen bleiben würden, stand außer Frage, doch so sehr ich ihn auch liebe, möchte ich, dass wir nichts übereilen. Wir haben ja alle Zeit der Welt.


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