Ist das Leben nicht schön

 

Das erste Mal sah ich sie an einem Freitag, dem „schwarzen Freitag“, wie ich ihn nannte. Zerlumpt, schmutzig und todmüde, ausgepowert und leer. Sechzehn Wohnungen gab es in diesem ewig nach Bohnerwachs und Farbe stinkenden Mietshaus und ausgerechnet an meiner Tür musste sie Sturm läuten. Es war Nachmittag. Obwohl ich keine Lust auf irgendwelchen Besuch verspürte, öffnete ich, einem inneren Zwang folgend. Als sie hereintorkelte, glaubte ich zuerst, sie sei betrunken und forderte diese heruntergekommene Person unfreundlich auf, wieder zu verschwinden. Sie blickte mich mit entsetzten Augen an und kippte im nächsten Moment einfach um. Ich konnte sie gerade noch auffangen und überlegte, wohin ich diesen Schmutzfinken legen könnte. Ich hatte keine Lust auf dreckige Möbel und Bettwäsche und so zog ich das Bad in Betracht. Wenig später hatte ich sie in die Wanne verfrachtet. Ich dachte nicht im Entferntesten daran, einen Arzt zu rufen und fühlte lediglich ihren Puls. Dieser ging regelmäßig, ebenso ihre Atemzüge.

Ich schätzte sie auf etwa dreizehn Jahre.

 

Zurück im Wohnzimmer, überlegte ich, wie ich das Mädchen am schnellsten wieder loswerden könnte. Die Polizei wollte ich auf keinen Fall benachrichtigen. Sollte diese Person sich in Gottes Namen ausschlafen und dann verschwinden. Ich goss mir einen Whisky ein und kippte ihn in einem Zug hinunter. Es war nicht meine Art, zu trinken, doch die einzige Möglichkeit, zu vergessen. Ich ging zu meinem Schreibtisch und nahm den silbernen Rahmen in die Hand. „Gerda“, flüsterte ich und betrachtete die hübsche Frau auf der Fotografie. „Du wirst mich verachten, mich hassen für das, was ich Euch angetan habe.“ Mit dem Zeigefinger fuhr ich die Konturen ihres Gesichtes nach und fühlte mich ihr unendlich nah. Insgeheim war ich froh darüber, dass sie momentan mit unseren beiden Kindern in einem Kursanatorium weilte. Das Bild noch in der Hand, setzte ich mich und schloss die Augen.

 

Später, als es bereits dunkel geworden war, erwachte die schmutzige Peron und erschien in der Küche, wo ich mir gerade eine Scheibe Brot schmierte. Mit glänzenden Augen und einem knurrenden Magen schaute sie auf meinen Teller. Nicht aus Mitleid, sondern einzig und alleine deshalb, um sie so rasch wie möglich wieder loszuwerden, schob ich ihr den Teller entgegen.

 

Gierig schlang sie das Schinkenbrot hinunter, trank das Glas Fruchtsaft, das ich ihr hin stellte, leer und leckte sich anschließend die Finger ab.

„Du gehst jetzt besser wieder!“, forderte ich sie ohne Umschweife auf und meine Bitte klang so bestimmt, dass eine Widerrede sinnlos scheinen musste. Das Mädchen, das bisher noch kein einziges Wort gesprochen hatte, senkte den Kopf, drehte sich um und verließ die Wohnung.

 

Ich hatte einen Entschluss gefasst, der meine ganzen Gedanken ausfüllte, und dazu konnte ich keinerlei Gesellschaft gebrauchen.

Die Nacht zog sich endlos lang dahin, aber auch am nächsten Tag hatte ich meinen Entschluss nicht geändert.

Noch einmal griff ich nach Gerdas Bild und hauchte einen Kuss darauf. „Leb wohl und gib auf Dich und die Kinder Acht!“, flüsterte ich, dann wandte ich mich zur Tür um.

Es war um die Mittagszeit, als ich die Wohnung verließ. Ich zog meinen Mantelkragen hoch, weil es für Ende März noch empfindlich kalt war.

Ich war froh, niemandem aus dem Haus zu begegnen. Kalte Luft schlug mir ins Gesicht und nahm mir für einen Moment den Atem. Es nieselte leicht, doch in der Ferne konnte ich sehen, dass sich die Sonne durch die Wolkendecke drückte. Ohne mich noch einmal umzuschauen, ging ich davon.

 

Bald hatte ich den Lärm unserer kleinen Stadt hinter mir zurückgelassen und lenkte meine Schritte ins freie Feld. Ich ging langsam voran, denn bis zur Vollendung meines Vorhabens war noch reichlich Zeit. Ganz in der Ferne lungerten schon wieder dicke Regenwolken. Also hatte es die Sonne doch nicht geschafft, sie zu durchdringen. Dazu blies nun ein recht heftiger Wind.  

 

„Holger wird Gerda bestimmt an ihrem Kurort anrufen, um ihr alles brühwarm zu berichten, wenn es ihm wieder besser geht“, dachte ich bei mir und diese Vorstellung trieb mir das Blut in den Kopf. Spätestens am Montag würde es in der Tageszeitung stehen. Auch dafür würde Holger Sorge tragen. Ich war erledigt und auf dem besten Weg, mich vor meiner Verantwortung zu drücken.

 

Endlich hatte ich die Schnellbahntrasse erreicht und betrat die schmale Brücke. Als ich etwa in der Mitte des Überganges ankam, blieb ich stehen und schaute hinunter. Alles war still und ich wusste, dass sich die Zeit bis zum Eintreffen des ICE endlos hinziehen würde.

„Noch kannst du zurück!“,  meldete sich mein Gewissen. Doch einen einmal gefassten Entschluss machte ich nicht mehr rückgängig. Ich starrte unentwegt auf die Gleise hinunter, bis etwas meinen Arm berührte und ich erschrocken zusammenfuhr.

„Willst Du da etwa hinunterspringen?“, fragte plötzlich eine Stimme neben mir und ich fühlte mich ertappt. Da erkannte ich die fremde Person vom Vortag.

„Was machst Du hier?“, fragte ich unfreundlich. „Und haben Dir Deine Eltern nicht beigebracht, Erwachsene mit ‚Sie’ anzureden?“

„Die hat mir ja gerade noch gefehlt!“, dachte ich, doch sie rührte sich nicht vom Fleck und sah mich mit großen Augen an. „Schon gut“, erwiderte sie, „Sie wollen tatsächlich springen?“

„Lass mich bitte in Frieden und hau ab!“, knurrte ich sie an, doch sie rührte sich noch immer nicht. Trug noch dieselben zerlumpten Sachen wie am Tage zuvor und ein Geruch ging von ihr aus, als hätte sie sich tagelang nicht gewaschen.

„Wollen Sie nun springen oder nicht?“, bohrte diese unmögliche Person weiter und mir lag schon eine patzige Bemerkung auf der Zunge, als ich ihren traurigen Blick sah.

„Ja“, sagte ich leise und wie unter Zwang und hätte mir im nächsten Moment am liebsten die Zunge abgebissen. Wie konnte ich einem Kind gegenüber einen geplanten Selbstmord zugeben?

„Und warum wollen Sie nicht mehr leben?“, kam auch schon die nächste Frage.

„Das geht Dich nun wirklich nichts an. Nun verschwinde, merkst Du denn nicht, dass Du hier störst?“

„Haben Sie Kinder?“

„Ja, das habe ich. Einen Sohn und eine Tochter.“

„Wie alt?“

„Madeleine ist Fünfzehn und Heiko Dreizehn.“

„Und Ihre Frau, weiß sie Bescheid?“

„Na, Du fragst mir ja Löcher in den Bauch. Aber jetzt ist Schluss, verdrück Dich endlich.“

Den letzten Satz sprach ich wieder etwas unfreundlicher aus, aber das Mädchen bewegte sich keinen Zentimeter.

„Finden Sie das Leben so schrecklich?“

Wieder ging diese Fragerei los.

„Nein…. Ja, Du etwa nicht?“

„Doch, manchmal. Aber es ist Sünde, seinem Leben ein Ende zu setzen, nur der liebe Gott im Himmel hat das Recht, uns zu sich zu holen.“

Pah, jetzt fing diese Person auch noch an zu predigen.

„Wer hat Dir denn diesen Unsinn erzählt?“

„Meine Oma. Bei ihr habe ich gelebt, bis sie vor einem Jahr starb. Dann kam ich zu einer Tante, die kaum Zeit für mich hatte. Vor ein paar Tagen bin ich abgehauen.“

„Und wo hast Du Dich herumgetrieben?“, fragte ich ungläubig.

„Mal hier, mal da, im Bahnhof oder irgendeinem Treppenhaus.“

„Und wo hast Du gegessen?“

„Die Menschen werfen so vieles fort, da findet man immer was.“

„Und warum kamst Du gestern ausgerechnet zu mir? Ich hätte Dir ja auch etwas Böses antun können.“

„Es war kalt und ich hatte Hunger. Da hab ich die Schilder gelesen und Ihr Name gefiel mir am besten, Johannes Peters. Ich riskierte es und klingelte.“

„Du scheinst sehr vertrauensselig zu sein“, entgegnete ich.

Sie zuckte mit den Schultern. „Mein Opa hieß auch Johannes und er war sehr lieb. Oma hat mir viele Bilder von ihm gezeigt, als er noch jung war. Sie sehen ihm ähnlich.“

 

Ich wusste nicht, ob ich darüber froh sein sollte oder nicht. Wenn die Kleine jetzt nicht endlich verschwand, würde der Zug kommen, ohne dass ich gesprungen war.

„Wollen Sie es mir verraten, warum Sie nicht mehr leben möchten?“, fragte sie erneut. Sie hatte sich etwas näher zu mir gestellt. Ich wandte mich wieder um und blickte in die Tiefe. Und plötzlich war wieder dieser innere Zwang da, wie schon am Vortag, als ich ihr die Wohnungstür öffnete. Meine Lippen begannen wie von selbst zu berichten …

 

„Ich arbeite seit fast zwanzig Jahren bei einer Bank und lernte dort Gerda kennen. Wir verliebten uns ineinander und schon damals wusste ich, dass auch ein Kollege von uns, Holger, sie verehrte, ja anbetete, doch ohne Erfolg. Gerda und ich heirateten und Holger wurde trotz seiner Gefühle für sie unser Freund. Zwischen uns hat es niemals Streit gegeben, wegen Gerda, und dann kamen unsere Kinder. Zuerst Madeleine und dann Heiko. Er ist behindert, sitzt im Rollstuhl und kann nicht sprechen. Wir haben für unseren Sohn alles Mögliche getan, um ihm trotzdem ein schönes Leben zu bieten. Seit Jahren leidet Gerda unter einem chronischen Husten, den wir auf die Feuchtigkeit unserer Wohnung zurückführen. Schon lange suche ich nach einer Neubauwohnung, bisher ohne Erfolg. Ein eigenes Häuschen wäre unser Traum, doch auch dafür fehlte es an Geld.

 

Holger hatte es im Laufe der Jahre geschafft, zum Filialleiter aufzusteigen, war bald darauf Besitzer eines Reihenhäuschens. Er veränderte sich und begann nun damit zu prahlen, dass er etwas „Besseres“ geworden war. Ließ immer wieder verlauten, dass Gerda ganz bestimmt bei ihm besser aufgehoben sei und auch niemals diesen Husten bekommen hätte.

Wenn ich nun schon kein Haus haben konnte, so wollte ich Gerda wenigstens einen längeren Kuraufenthalt an der See ermöglichen. Nicht nur mal eben drei Wochen, die von der Kasse bezahlt wurden. So begann ich, Geld zu unterschlagen, wenn Du weißt, was das ist.“

Ich sah das Mädchen wieder an.

„Sicher, so klein bin ich auch nicht mehr.“

 

„Es ging lange gut, viel zu lang, denn je mehr Geld ich mir auf ein Konto bei einer anderen Bank überwiesen hatte, umso unvorsichtiger wurde ich auch: Und ich konnte nicht mehr genug bekommen. Alles für Gerda, für die Kinder, redete ich mir immer wieder ein, um mein Gewissen zu besänftigen. Und dann entdeckte ich das Haus, ‚unser Haus’, wie ich es in Gedanken nannte. Gerda würde dann nicht mehr in dieser Altbauwohnung leben müssen und wir hätten einen Garten. Dann kam mir Holger auf die Spur und mitleidlos stellte er mich gestern zur Rede. Du hättest sein Gesicht sehen sollen, kalt und grausam. Wir waren allein in seinem Büro und er wollte vor meinen Augen die Polizei anrufen. Ich bat ihn inständig, dass wir in Ruhe alles besprechen könnten. Habe ihn sogar angefleht und mich bereit erklärt, selber dem Direktor alles zu ‚beichten’. Ich hatte ja das unterschlagene Geld noch, bis auf die Summe, die ich für den Kuraufenthalt benötigte, damit Gerda und Heiko mindestens sechs Wochen fortbleiben konnten. Madeleine sollte zum Schulbeginn wieder nach Hause kommen. Holger zeigte sich gnadenlos, es schien ihm regelrecht Freude zu bereiten, mich zu demütigen. Erneut griff er zum Telefon und ich wollte ihn wieder davon abhalten, da kam es zu Handgreiflichkeiten, und ich habe ihn dabei ziemlich unsanft gestoßen, so dass er stürzte und dabei mit dem Kopf die Tischkante berührte. Bewegungslos blieb er liegen. Ich rief sofort einen Krankenwagen und fuhr mit in die Klinik.

Zum Glück hat er lediglich eine leichte Gehirnerschütterung. Auf Anraten des Arztes bleibt er zur Beobachtung übers Wochenende dort.“

 

 „So, jetzt weißt Du, warum mir kein anderer Ausweg bleibt, als meinem Leben ein Ende zu setzen. Ich habe meine Familie in dieses Unglück gebracht, und wenn ich nicht mehr bin, wird man sie sicher in Frieden lassen. Auch wenn Holger mir gegenüber ein Ekel geworden ist, Gerda würde er niemals etwas Schlechtes antun. Sie hätte es mit den Kindern gut bei ihm.“

 

In diesem Augenblick raste der ICE unter der Brücke hindurch und war gleich darauf meinen Blicken entschwunden.

„Ist das nicht feige?“, fragte das Mädchen. „Glauben Sie wirklich, dass es Ihrer Frau bei Holger besser gehen würde? Dann hätte sie ihn ja auch damals heiraten können, aber sie tat es nicht, weil Sie für Gerda vorbestimmt waren.“

„Wer erzählt Dir denn so etwas, von Vorbestimmung?“, wollte ich nun wissen.

„Oma hat immer gesagt: Alles im Leben ist vorbestimmt, sogar unser Tod.“

Der Zug war sowieso schon vorüber gerauscht und auf dieser Strecke fuhr samstags keiner mehr. Was sollte ich nun machen?

„Sind Sie sehr traurig, dass Sie nicht gesprungen sind?“, fragte die Kleine und beobachtete mich genau.

Ehrlich gestanden, ich wusste es nicht. Ihre Worte gingen mir nicht aus dem Kopf. Hatte ich wirklich nicht das Recht, mein eigenes Leben zu beenden? Musste ich, ein Erwachsener, vor den weisen Worten eines Kindes kapitulieren?

 

„Da, schauen Sie doch!“, rief sie plötzlich laut, „Ein Regenbogen. Ich liebe Regenbogen.“

Nun sah ich ihn auch, ganz in der Ferne. Die Sonne schien und der Wind hatte sich gelegt und ich fühlte die Wärme der Strahlen. Sollte nun endlich der Frühling Einzug halten?

 

„Finden Sie ihn auch schön?“, fragte sie und blickte mich wieder eindringlich an.

„Ja, ich glaube schon“, murmelte ich.

„Ist das Leben nicht schön?“, wollte sie nun wissen. Plötzlich störte mich ihre Fragerei überhaupt nicht mehr. Meine Tochter tat dies ja ständig und wie oft war ich traurig, dass Heiko Gerda und mich niemals beim Namen nennen würde, geschweige denn Fragen stellen. Ich sehnte mich nach meiner Familie. Nun traten mir doch tatsächlich Tränen in die Augen und ich wandte den Kopf zur Seite, damit die Kleine sie nicht sehen konnte.

„Weinen Sie?“, hörte ich sie auch schon fragen.

„Nein, es ist nur der Wind“, log ich, und wusste dennoch, dass sie es nicht glaubte.

„Werden Sie zu Ihrem Chef gehen?“

„Ja“, antwortete ich nach einem Moment des Zögerns.

„Das ist ein Versprechen“, sagte sie. „Und das darf man nicht brechen.“

Ich schämte mich plötzlich vor diesem Kind in den zerlumpten und schmuddeligen Kleidern, das mir den rechten Weg gezeigt hatte. Ich wollte mich der Verantwortung stellen, auch wenn ich dafür ins Gefängnis wandern musste.

 

Wir gingen beide zurück in die Stadt und vor meiner Haustür verabschiedete sich das Mädchen von mir.

„Wie kann ich mich bei dir bedanken?“, fragte ich.

„Sie müssen sich nicht bedanken, Johannes Peters, nur ihr Versprechen halten. Ich muss jetzt weiter, Auf Wiedersehen!“

Die Kleine ging langsam davon und ich rief ihr noch nach:  „Geh zu deiner Tante, immer noch besser, als auf der Straße zu leben. Und besuche uns doch einmal, meine Frau und meine Kinder würden sich bestimmt freuen … und ich auch.“

Keine Ahnung, ob sie mich hörte …

 

Die nun folgende Zeit war hart, doch ich stand sie gemeinsam mit Gerda durch. Sie hielt zu mir und dafür liebte ich sie noch mehr. Wir leben zwar immer noch zur Miete, aber nicht mehr in dieser feuchten Altbauwohnung. Holger hatte keine Anzeige wegen Körperverletzung gegen mich gemacht und der Direktor gab mir eine zweite Chance, indem er mich in eine andere Bankfiliale versetzte. Das Geld gab ich auf Heller und Pfennig wieder zurück.

 

Eines Tages erzählte ich Gerda, dass ich damals vorgehabt hatte, sie feige zu verlassen, um in den Tod zu gehen. Und ich erzählte ihr auch von dem Mädchen, das ich niemals wieder getroffen habe.

 

Sie blieb verschwunden, doch ich kann sie niemals vergessen, meinen Schutzengel.

 


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